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Posts Tagged ‘Vater’

Welches Erbe tritt man an, wenn der Vater stirbt? Wie gehen wir Söhne und Töchter mit dem Tod um, und wie halten wir das Andenken und die Erinnerungen an die Eltern und die Kindheit wach? Der spanische Illustrator Paco Roca hat mit „La casa“ versucht, Antworten auf diese Fragen zu finden – und zugleich sein persönlichstes Werk vorgelegt: ein zutiefst berührendes Buch über sich und den Tod seines eigenen Vaters.

Ein Jahr nach dem Tod ihres Vaters Antonio kommen die drei Geschwister Vicente, José und Carla im ehemaligen Ferienhaus der Familie zusammen, um das verwitternde Gebäude zu renovieren und es danach zu einem guten Preis verkaufen zu können. Vicente ist dabei einer der hilfreichsten Gesellen, denn der Mechaniker weiß mit Werkzeug umzugehen und beginnt gleich mit den ersten Instandsetzungen.

Ganz anders als José: der verdient sein schmales Geld als Schriftsteller, hat eher zwei linke Hände und steht sich oft selbst im Weg. Als er mit dem Schlauch den trockenen Garten bewässern soll, macht der Tollpatsch sich erst mal selber nass. Niemand käme wohl auf die Idee, diesen Mann einen Liegestuhl aufbauen zu lassen, geschweige denn, ihn mit Handwerksarbeit zu betrauen. Und dann ist da noch Carla, das Nesthäkchen, das den Papierkram rund ums Haus übernommen hat, aber auch sonst keine Arbeit liegen lässt.

Vorwurf als scheinbar unüberwindbare Mauer

Zwei Geschwister, die anpacken können, und ein Heiopei-Bruder, dem man eher unterstellt, dass er schon eine Ausrede finden wird, warum er dieses oder jenes nicht tun kann – schon diese Konstellation sorgt für Streitereien. Vicente aber macht zusätzlich noch das Fass auf, dass er im Krankenhaus ganz allein die Entscheidung treffen musste, ob Papa Antonio reanimiert werden soll oder nicht. Er ließ den Vater gehen. Und zweifelt nun furchtbar, ob er die richtige Wahl getroffen hat. Zudem steht der gegenseitige Vorwurf, man habe sich nicht ausreichend um den kranken Antonio gekümmert, als scheinbar unüberwindbare Mauer zwischen den Geschwistern.

Und dann sind da noch die Erinnerungen. Jeder Leser kennt sie, diese Erinnerungen, die einen plötzlich überfallen: an gemeinsam Erlebtes, an Schrullen und Marotten der Eltern, an Liebgewonnenes und Eigentümliches, an Vertrautes und Fremdgewordenes. Carla erzählt: „Neulich war mir, als hätte ich ihn auf der Straße gesehen. Ich wollte ihn rufen, aber dann fiel mir ein, dass er nicht mehr da ist. Das hat mich traurig gemacht.“

Vicente und Carla stehen am Pool, der – fast metaphorisch – wasserlos vor sich hinrottet, während die Erinnerungen sie überschwemmen. Wie sie als Kinder fast einen Aufstand angezettelt und gedroht haben, erst dann beim weiteren Ausbau des Hauses mitzuhelfen, wenn sie einen Pool bekämen. „Den ganzen Sommer haben wir gegraben.“ – „Aber fertig war er erst im November, als es zu kalt zum Baden war.“ Vor dem geistigen Auge flimmern der stets schuftende Vater, mal im Garten, mal in der Garage, und die Mutter, die in der Tür steht und ruft, dass das Essen kalt wird.

Zeichnerisch grandios gelungen

Zeichnerisch sind die Überänge zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die Zeitsprünge und Erinnerungsblitze grandios gelungen. „La casa“ ist kein Comic der grellen Farben, sondern ein behutsam koloriertes Werk, das sich in vielen herbstlichen Ockertönen ergeht, ohne dadurch eintönig zu wirken. So gelingt es Paco Roca ganz wunderbar, (Ver-)Stimmungen einzufangen, auch durch den Einsatz von filmischen Gestaltungsmitteln wie Zoom oder Nahaufnahmen.

Nehmen Sie sich Zeit für diese Graphic Novel. „La casa“ benötigt Muße und Geduld, um wie ein leichter Herbstwind durch die Geschichte zu ziehen und zaghaft ein paar Erinnerungen aufzuwirbeln. Am Leser geht dieses Buch nicht spurlos vorbei; und im Erinnern an die eigene Familie wird gewiss, dass das Altern und das Abschiednehmen lange Prozesse sind, vor denen wir nicht flüchten sollten. Und dass eine Familiengeschichte nicht stirbt, wenn ein Mensch von uns geht. Solange wir uns erinnern.

Paco Roca: la casa, Reprodukt Verlag, Berlin, 2016, 128 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3956401046, Leseprobe

Seitengang dankt dem Reprodukt-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

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Und du bist nicht zurückgekommenManchmal fehlen Worte, um Bücher zu beschreiben, die so eindringlich sind, dass sie den Leser nicht mehr loslassen. Tagelang und ein Leben lang nicht. Marceline Loridan-Ivens‘ kleines Buch ist ein solcher Fall. Die Worte fehlen, weil sie nicht reichen, auch nicht heranreichen an das Lesegefühl, die Gedanken, die Erschütterung. Loridan-Ivens ist 15 Jahre alt, als sie mit ihrem Vater deportiert wird. Sie kommt nach Birkenau, er nach Auschwitz. Sie überlebt. Er nicht. Jetzt ist sie 87 Jahre alt und hat ihrem Vater einen letzten Brief geschrieben. Lesen Sie ihn!

Marceline und ihr Vater Froim Rozenberg gehörten zu den 76.500 Juden aus Frankreich, die nach Auschwitz-Birkenau gebracht worden sind. Zurückgekommen sind nur 2.500. Wirklich zurückgekommen ist niemand. „Wenn sie wüssten, alle, wie sie da sind, dass das Lager ständig in uns ist. Wir alle haben es im Kopf bis in den Tod“, schreibt Marceline. Sie selbst trägt es im ganzen Körper. Nicht nur die fünf Ziffern, die Zahl, die sie auf dem linken Unterarm stets an ihr Schicksal erinnert – sie nennt die Nummer ihre „furchtbare Gefährtin“. Nein, Marceline ist auch kein Stück mehr gewachsen, seit sie ihren Vater das letzte Mal gesehen hat.

Kurz vor seinem Tod konnte er ihr noch ein paar Worte zukommen lassen, auf einem Zettel, wenige Sätze, überbracht von einem anderen Häftling. Sie erinnert sich nur noch an die erste Zeile, die Anrede: „Mein liebes kleines Mädchen“. Der Rest ist in ihrer Erinnerung verloren gegangen. Und so sehr sie auch sucht, sie findet die Worte nicht. Bis heute nicht. Geantwortet hat sie ihm dennoch, mehr als 70 Jahre danach: „Und du bist nicht zurückgekommen“. So heißt auch das Büchlein, das jetzt auf Deutsch erschienen ist.

Ein schwer erträglicher Bericht

Entstanden ist damit nicht nur eine zutiefst ergreifende Liebeserklärung an den Vater. Entstanden ist auch ein schwer erträglicher Bericht vom Leben der Gefangenen zwischen Krematorium und Gaskammer, wo sie Gräben ausheben mussten, damit die Nazis auch dort noch die Leichen der vergasten Körper verbrennen konnten. Die Krematorien liefen schon auf Hochtouren. Immer neue Züge kommen an, und Marceline sieht die Menschen auf der Rampe zu den Gaskammern gehen, immer auf der Suche nach bekannten Gesichtern.

Loridan-Ivens glaubt zu wissen, warum sie die Worte ihres Vaters vergessen hat: „Es war notwendig, dass das Gedächtnis zerbrach, sonst hätte ich nicht leben können.“ Einen ähnlichen Gedächtnisschwund erlebt sie nach ihrer Rückkehr in Frankreich. Dort will niemand mehr etwas von den Erlebnissen wissen, verleugnet sie gar. Die Juden, so scheint es ihr, sind mehr daran interessiert, alles wieder aufzubauen. „Sie wollten, dass das Leben wieder seinen Gang nimmt, seine Zyklen wiederfindet, alles ging bei ihnen so schnell. Sie wollten Hochzeiten, sogar mit Abwesenden auf dem Foto, Hochzeiten, Paare, Lieder und bald Kinder, um die Leere auszufüllen.“

In Marcelines Familie erlebt sie das am eigenen Leib: Als sie völlig entkräftet aus Birkenau zurückkehrt, holt nicht ihre Mutter sie vom Bahnhof ab, sondern ihr Onkel, der selbst in Auschwitz gewesen ist. Verstohlen zeigt er ihr seine Nummer auf dem Arm. Dann rät er ihr, nichts zu sagen. „Sie würden es nicht verstehen.“ Und sie verstehen es tatsächlich nicht. Vielleicht wollen sie es auch nicht verstehen. Fassungslos liest man von Marcelines Mutter, die nicht weiß, was sie sagen soll, als sie ihr Kind erstmals wieder in die Arme schließt. Die nur bangt, ob sie vergewaltigt worden ist, weil sie schließlich noch verheiratet werden soll. Und die nicht versteht, warum ihre Tochter lieber auf dem Fußboden schläft, statt die weichen Laken eines bequemen Bettes zu genießen. „Man muss vergessen“, sagt ihre Mutter. Und entfernt sich damit weiter denn je von ihrer Tochter.

Unmissverständliche Antwort

Marceline Loridan-Ivens ist sich bis heute nicht sicher, ob es sich gelohnt hat, überhaupt zurückgekehrt zu sein. Eine erste unmissverständliche Antwort gaben ihr die Medien und Leser in Frankreich, als ihr Buch dort Anfang des Jahres erschien. Frankreich war ergriffen. Jetzt hat der Insel-Verlag das Büchlein in einer Übersetzung von Eva Moldenhauer herausgegeben.

Auch Deutschland kann jetzt antworten. Lesen Sie das Buch und verbreiten Sie es! Es gehört auch in die Hände derer, die fordern, man müsse langsam vergessen, heute lebe schließlich eine andere Generation. Schüler sollten es lesen und Theater es auf die Bühne bringen. Ja, es hat sich gelohnt, Marceline. Das ist die eine Antwort, die wir geben müssen. Die andere ist: Pardon. Auch wenn es nicht entschuldbar ist. Pardon, Marceline.

Marceline Loridan-Ivens: Und du bist nicht zurückgekommen, Insel Verlag, Berlin, 2015, 111 Seiten, gebunden, 15 Euro, ISBN 978-3458176602

Sehen Sie unbedingt dazu auch das hier verlinkte Autorengespräch mit Marceline Loridan-Ivens!

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Washington SquareWas kann ein Vater seiner Tochter antun, wenn er nicht glauben möchte, dass sein Kind von einem Mann um seiner selbst willen geliebt wird, sondern beharrlich davon ausgeht, der Verlobte sei nur an der Mitgift interessiert! Henry James‘ zeitlos gebliebener Roman „Washington Square“ handelt mitunter von einer solchen Misere und ist im Manesse-Verlag in vortrefflicher Art neu erschienen.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts praktiziert in New York ein Dr. Austin Sloper, der als Arzt einen hervorragenden Ruf genießt. Seine Patienten nennen ihn „brillant“, der allwissende Erzähler beschreibt ihn als „zutiefst ehrenhaften Mann“. Doch auch Arztfamilien sind nicht vor dem Schicksal gefeit, und so verstirbt zunächst der erstgeborene Sohn im frühen Kindesalter und wenig später nach der Geburt der Tochter auch die eigene so innig geliebte Ehefrau.

Die Tochter Catherine ist für den Vater früh eine Enttäuschung, sieht er in ihr doch nur einen schlechten Ersatz für den verlorenen Sohn, den er zu einem Prachtexemplar von Mann heranziehen wollte. Catherine aber, ach!, hat nichts von der Schönheit ihrer verstorbenen Mutter geerbt. Sie sähe „nett“ aus, sagen die Leute, wenn sie Catherines Äußeres loben wollen, und auch im 19. Jahrhundert schon war nett nix für’s Bett, geschweige denn für eine Hochzeit.

Rechthaberisch bis ins letzte Detail

Catherine ist schlicht, wo andere klug sind, sie hat weder eine schnelle Auffassungsgabe noch war sie in ihrer Jugend ein Ausbund an Wildheit. Was sie jedoch von frühester Kindheit auszeichnet, ist ihre schier unerschütterliche Liebe für ihren Vater, gleichzeitig aber fürchtet sie ihn sehr. Das macht sie unterwürfig. Ihrem Vater zu gefallen, ist ihr seligster Wunsch. Der wiederum kennt keine väterliche Liebe. Kalt ist er, berechnend, ein Analytiker. Und vor allem rechthaberisch bis ins letzte Detail.

In diese schwierige Vater-Tochter-Konstellation tritt nun ein junger, gutaussehender Mann namens Morris Townsend, der Catherine den Hof macht, aber sein eigenes Vermögen durchgebracht hat. Dr. Sloper hält nichts von dem möglichen Schwiegersohn in spe, er sieht in ihm nur einen Taugenichts, der hinter dem Geld seiner Tochter her ist.

Catherine jedoch ist bereits in schüchterner Liebe entbrannt. Unglückselige Unterstützung findet sie in ihrer nicht besonders intelligenten Tante Mrs. Penniman, die hoffnungslos romantisch und sentimental ist und am liebsten selbst einen Liebhaber hätte, mit dem sie unter falschem Namen geheimnisvolle Briefe austauschen kann. Dr. Sloper erkennt bald den Ernst der Lage und verkündet, er werde seine Tochter enterben, wenn diese den Heiratsschwindler eheliche. Es beginnt ein Ziehen und Zerren zwischen zwei Männern, die nur aus blindem Egoismus handeln, nicht aus Edelmut oder zum Schutze von Catherine. Man möchte meinen, Catherine wäre dem Untergang geweiht, ein Spielball der eigensinnigen Intentionen zweier Männer. Doch Henry James entwirft mit ihr langsam die Geschichte einer stillen Heldin, die wahrhaftig liebt.

Feine Ironie und geistreiche Erzählkunst

Die Neuübersetzung von Bettina Blumenberg, die auch ein lesenswertes Nachwort verfasst hat, ist über die Maßen gelungen. Henry James‘ feine Ironie und geistreiche Erzählkunst werden hier erstmalig offenbar. Die Antiquiertheit früherer Übersetzungen sucht man vergebens. Ohnehin ist „Washington Square“ kein antiquiertes Sujet, denn auch heute noch heiratet mancher aufgrund geldwerten Vermögens.

Das Buch erscheint mit einem wunderbar handkolorierten Buchschnitt und einem passenden Lesebändchen. Dem Manesse-Verlag ist es damit gelungen, einmal mehr ein besonderes Stück Literatur herauszugeben. Eine wahre Wiederentdeckung!

Henry James: Washington Sqaure, Manesse Verlag, Zürich, 2014, 275 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 24,95 Euro, ISBN 978-3717523109, Leseprobe

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AnnaliederWelche Entdeckung ist diese Autorin! Ein gutes Dreivierteljahr, nachdem Nadine Kegele bei der Lesefestwoche Wien aus ihrem Debütwerk „Annalieder“ vorgelesen hat, stellt sich das Gefühl der Hochachtung schnell wieder ein. Der Erstling, endlich vollständig vom Rezensenten gelesen, ist so tief beeindruckend wie schwierige Kost, aber nicht für jedermann geeignet.

„Annalieder“, das sind zwölf Erzählungen über zwölf Frauen, von denen Anna nur eine ist. Diese Geschichten sind allesamt keine Lieder, die man vergnügt trällern würde, obgleich sie Momente der Komik haben. Es sind vielmehr Melodien, die zu nachdenklichen Chansons taugen, viel Moll, einige Misstöne, scheinbar Unpassendes dazwischen, wie ein Klavierspieler, der zu viele Tasten auf einmal trifft.

Die Frauen in Kegeles Geschichten stecken mitten drin. Im Leben, im Schlamassel, im Auf- oder Ausbruch. Die eine schneidet sich versehentlich die Brustwarze auf, als sie mit dem Rasierer in der Hand nach dem Duschgel greift. Die andere kämpft mit den erzkonservativen Vorstellungen ihres Mannes, der eine Schlagbohrmaschine nicht in der Hand einer Frau sehen möchte und meint, Schwangere dürfen nicht verreisen.

Vaterfiguren zum Partner

Eine sucht sich Vaterfiguren zum Partner („Warum keinen Vater suchen, wenn man einen Vater vermisst, hatte sie geantwortet und mit dem Arm über ihren Mund gewischt.“), eine andere ist Prostituierte und mag nicht mehr.

Kegeles Frauen sind verwundet, ob nun tatsächlich blutend wie eine aufgeschnittene Brustwarze oder seelisch. Es geht um den alltäglichen Kampf der Geschlechter, das ewige „Mann und Frau“, das noch immer nicht gleichberechtigt ist. Es geht aber auch um Scham und existenzielle Fragen.

Schwangerschaft ist ebenso ein großes Thema bei Kegele. „Mir tut es immer leid, wenn sichtlich schwangere Frauen im Publikum sitzen und ich diese Geschichten vortrage“, sagte sie bei ihrer Lesung in Wien. Aber eine Mutterschaft sei etwas Schwieriges, wo Frauen viel abverlangt werde.

Man muss sich mit den Erzählungen beschäftigen

Auch dem Leser wird einiges abverlangt, vor allem Konzentration. Manch einer mag sagen, dieses Büchlein zu lesen, sei Arbeit. Ja, das ist es vielleicht, aber mehr im Sinne von Beschäftigung. Man muss sich mit diesen Erzählungen beschäftigen, denn so lapidar Kegele auf den ersten Blick schreibt – wer die Wörter nur überfliegt, könnte die Landebahn für den Sinn verpassen.

Kegele schreibt nicht nur, sie richtet an. Da finden Sätze plötzlich kein Ende, sodass man meint, man habe Unfertiges vor sich. Die Sprache ist so beschädigt wie die Heldinnen der Erzählungen. Das muss man nicht mögen, aber man kann es. Es sind Kunst-Erzählungen. Nicht über Kunst, sondern mit Kunst. Gekonnt.

Das haben auch andere schon erkannt: Die junge Vorarlberger Autorin, die mit 18 nach Wien kam und dort nach dem Zweiten Bildungsweg Germanistik, Theaterwissenschaften und Gender Studies studierte, ist bereits mehrfach ausgezeichnet worden. Unter anderem ist sie die Publikumspreisträgerin des Bachmann-Preis-Wettbewerbs 2013.

Kegele schreibt wie Kegele

Neue Autoren werden gerne mit großen Namen verglichen. „Schreibt wie Proust.“ „Denkt wie Aristoteles.“ „Erinnert an Hemingway.“ Hier mal was Neues: Kegele schreibt wie Kegele. Sie braucht keine großen Namen und Vergleiche.

Wer sich ihr und ihrem Werk erst mal vorsichtig und mit Bedacht nähern möchte, dem sei ihre Homepage empfohlen. Auch bei Twitter kann man ihr folgen. Außerdem hat sie für die Literaturseite zehnSeiten.de aus „Annalieder“ vorgelesen. Das Video ist noch bei YouTube abrufbar.

Am 25. August erscheint im Wiener Czernin Verlag der erste Roman von Nadine Kegele („Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause“). Für eine Passage aus diesem Buch hatte Kegele im vergangenen Jahr den Publikumspreis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs gewonnen.

Der Textauszug war innerhalb der Jury höchst umstritten, wie auf der Internetseite des Bachmann-Preises nachzulesen und zu sehen ist. Dem Publikum aber scheint er gefallen zu haben. Ob Kegele auch einen ganzen Roman so kunstfertig schreiben kann, und ob dem Leser auch das zusagt, bleibt indes abzuwarten.

Nadine Kegele: Annalieder, Czernin Verlag, Wien, 2013, 112 Seiten, gebunden, 17,90 Euro, ISBN 978-3707604467, Leseprobe

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NilowskyFreundschaft – laut des von Lutz Mackensen herausgegebenen Wörterbuchs ist das ein „geistiges Verhältnis zwischen Menschen, die sich wertschätzen“. Im neuen Roman von Torsten Schulz steht die Wertschätzung zwischen zwei Freunden jedoch in einem unglücklichen Missverhältnis: Markus Bäcker verehrt seinen neuen Freund, und Reiner Nilowsky ist ein Großmaul, das sich gerne bewundern lässt. Dahinter stecken zwar zum Teil tragische Geschichten, streckenweise berlinert es herrlich, aber die Wucht ist das alles leider nicht.

Rund zehn Jahre ist es her, dass Torsten Schulz seinen Roman über den Boxi, den Boxhagener Platz in Berlin, veröffentlicht hat. Es war sein Erstlingswerk, und es wurde nicht nur gefeiert und mehrfach übersetzt, sondern auch verfilmt und kam 2010 in die Kinos. „Boxhagener Platz“ war eine Coming-of-Age-Geschichte, die im Ost-Berlin des Jahres 1968 spielt.

Und auch Schulz‘ neuer Roman spielt in Ost-Berlin, nur wenige Jahre später. Der 14-jährige Markus ist mit seinen Eltern gerade an den äußersten Stadtrand gezogen. Es ist das Jahr 1976, als er aus seinem geliebten Prenzlauer Berg wegziehen muss, damit seine Eltern näher am Chemiewerk wohnen, wo beide jetzt arbeiten.

Einer weiß, wie es geht

Rund fünfzig Meter von der neuen Wohnung entfernt rattern die Güterzüge vorbei und bringen das Eckhaus zum Vibrieren. Dazu wabern Schwefelabgase durch die Luft, die das Atmen erschweren. Doch einer weiß, wie es geht: Nilowsky.

„Du musst diesen Gestank, den nach faulen Eiern, richtig einsaugen musst du den, und deine ganze Körperwärme, die ganze, die musst du zum Einsatz bringen, und dem Schwefelwasserstoff, dem bleibt dann nichts anderes übrig, als zu Wasser und zu Schwefeldioxid zu verbrennen. Das ist gesund und gibt dir Kraft. Und riechen tut es dann auch nicht mehr.“

Sagt einer, der es wissen muss. Denn Nilowsky wohnt schon ewig hier draußen vor der Stadt. Sein Vater betreibt eine Kneipe namens „Bahndamm-Eck“, ist ständig sturzbetrunken und schlägt seinen Sohn im Rausch grün und blau. Dass Nilowsky mit seinen 17 Jahren so kauzig ist, mag daran liegen, dass er Verantwortung für zwei übernehmen muss. Ohne rechte Vaterfigur baut er sich seine Welt aus eigenen Philosophieansätzen, die teilweise recht hanebüchen, aber deshalb nicht weniger interessant sind.

Loyal über das Herz hinaus

Eine von seinen Ideen ist es, Groschen auf die Schienen zu legen, um sie von den Güterzügen plattwalzen zu lassen. An den Rädern aber, daran glaubt Nilowsky, bleiben Spuren seines Groschens kleben und fahren hinaus aus der DDR und bis Spanien und vielleicht noch weiter. Markus himmelt Nilowsky an, er verehrt ihn und ist loyal über sein Herz hinaus. Denn eines Tages verliebt sich Markus ausgerechnet in Nilowskys Auserwählte.

Schulz‘ neuer Roman ist über weite Strecken eine lesbare Milieustudie, die mit zarter DDR-Kritik auskommt. Es geht um Liebe und Hass, Tod und Sterbenlassen, aber auch um so etwas wie Freundschaft und den Beweis derselben.

Die Geschichte von zwei Jugendlichen aus unterschiedlichen Familienverhältnissen hätte möglicherweise Potential für ein faszinierendes Buch sein können. Nilowsky wirkt ohnehin schon wie ein moderner Huckleberry Finn. Doch der Roman verzettelt sich und wird zum enttäuschenden Nachttischhüter.

Torsten Schulz: Nilowsky, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 2013, 284 Seiten, gebunden, 19,95 Euro, ISBN 978-3608939712, Leseprobe

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Nadine Kegele liest "Annalieder".

Nadine Kegele liest „Annalieder“.

Den zweiten Messetag der „Buch Wien“ habe ich überwiegend mit Schreiben verbracht. Erst am Abend besuchte ich eine Lesung im wunderschönen Buchladen-Café „phil„. Dort las Nadine Kegele, die Publikumspreisträgerin des diesjährigen Bachmann-Preis-Wettbewerbs, aus ihrem literarischen Debüt „Annalieder“. Eine wahrhaftige Entdeckung!

Die junge Vorarlberger Autorin kam mit 18 nach Wien und studierte nach dem Zweiten Bildungsweg Germanistik, Theaterwissenschaften und Gender Studies. Sie ist bereits mehrfach ausgezeichnet worden und hat vor ihrem Prosa-Debüt Texte in Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht.

„Annalieder“ ist eine Sammlung von zwölf Erzählungen über zwölf Frauen, von denen Anna nur eine ist. Die österreichische Literaturwissenschaftlerin Daniela Strigl, die ins Werk einführte und die Lesung moderierte, sagte, es seien Lieder mit Misstönen, Geschichten, in denen Messer herumlägen und irgendwann auch benutzt werden.

Gespür für ihre eigene Sprache und ihr Sprechen

„Es geht darum, was Männer Frauen antun und was Eltern ihren Kindern antun“, erklärte Strigl. Kegele habe ein Gespür für Körper und ihre Sprache. „Das geht vom Stoffwechsel bis zum Sex.“ Kegele hat aber auch ein Gespür für ihre eigene Sprache und ihr Sprechen. Man möchte ihr den ganzen Abend zuhören, wie sie ihre Erzählungen vorliest, die den Kopf anstrengen, weil man zuhören muss.

Denn es gibt Sprünge, Überraschungen, Wendungen, die allzu rätselhaft bleiben, wenn man nicht aufpasst und aufmerksam hört oder liest. „Die Leserinnen und Leser fragen oft nach, ob sie es richtig verstanden haben, sie vergewissern sich bei mir“, sagte Kegele am Abend in Wien.

Im „phil“ stellte sie eineinhalb Erzählungen vor. In „Hinter Papa“, die sie nur zur Hälfte vorlas, sucht die Protagonistin nach dem richtigen Entwurf für ihr Leben, einem Plan, denn sie wählt sich stets nur Vaterfiguren zum Partner.

Die Worte wirken wie dahingeworfen

„Nachtheulen“ wiederum erzählt von einem Geschlechtertausch ohne Happy End und einer Vergewaltigung, die keine ist. Kegele schreibt in einer lapidaren Sprache. Die Worte wirken wie dahingeworfen, wie zwischen Tür und Angel erzählt, und doch mit Bedacht gewählt. Beeindruckend.

„Ich sehe die Frauen in meinen Erzählungen nicht als Opfer, sondern ich interessiere mich für ihre Gefangenheiten“, sagte sie. Gefangen, ja, das sind sie. Und sie versuchen aus ihren Rollen auszubrechen, in denen sie stecken oder in die sie gesteckt worden sind.

Es geht um Gleichberechtigung und den Geschlechterkampf. Oft auch um die Mutterschaft, um überforderte Mütter. „Mir tut es immer leid, wenn sichtlich schwangere Frauen im Publikum sitzen und ich diese Geschichten vortrage“, erklärte sie. Aber eine Mutterschaft sei etwas Schwieriges, wo Frauen viel abverlangt werde.

„Ich bin Ja und Nein“

In „Annalieder“ findet sich aber auch eine Geschichte über eine Prostituierte, die der illegalen Sexarbeit zu Hause nachgeht und „ökonomisch am Boden und allein“ ist. Im Rahmen der Debatte um ein Prostitutionsverbot ist die Erzählung hochaktuell. Aber Kegele machte am Freitagabend deutlich, dass sie nicht klar für etwa eintrete: „Ich bin Ja und Nein, und ich bin nicht für das Verbot.“ Das sei nun auch nicht die Aufgabe von Literatur, fügte Strigl hinzu und schloss damit den Leseabend.

Auf diesem Blog wird sicher bald die Rezension der „Annalieder“ folgen. Wer Nadine Kegele selbst folgen mag, kann das bei Twitter tun. Auch ein Blick auf ihre Homepage lohnt sich.

Nadine Kegele: Annalieder, Czernin Verlag, Wien, 2013, 112 Seiten, gebunden, 17,90 Euro, ISBN 978-3707604467

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TabuDass der deutsche Strafverteidiger Ferdinand von Schirach neben juristischen Schriftsätzen auch Literarisches verfassen kann, hat er mit seinen zwei Erzählbänden „Verbrechen“ und „Schuld“ bereits bewiesen. Das vernachlässigte Feld der Gerichtsreportage hat er damit neu belebt. Von Schirach ist ein Erzähler alter Klasse, wie man sie lange nicht mehr gelesen hat. „Tabu“, sein zweiter Roman, der jetzt erschienen ist, zeigt aber, dass von Schirach deshalb noch lange kein Autor von Romanen ist.

Bis zu einem Urteil gilt die Unschuldsvermutung. Aber was ist Schuld? Mit der Frage beschäftigt sich von Schirach schon seit seinem ersten Kriminalroman „Der Fall Collini“. Der neue Fall handelt von einem Mann namens Sebastian von Eschburg, Sprössling einer verarmten Adelsfamilie.

Seine Kindheit verbringt er überwiegend in einem Internat. Der Vater erschießt sich, die Mutter zeigt mehr Interesse an ihren Reitpferden als an ihrem Sohn. Die Vermutung liegt nahe, dass das beim Filius zu einem fiesen Charakter führt, eine bösartige Neurose hervorbildet oder ähnliche Folgen hat. Doch weit gefehlt. Sebastian berappelt sich und wird ein gefeierter Fotograf.

Nackte Haut und ein Pornoproduzent

Geradezu ermüdend genau beschreibt von Schirach, wie Eschburgs Kunst entsteht. Erstaunlicherweise bemüht er sogar nackte Haut und einen Pornoproduzenten, um das Bild eines extravaganten Künstlers zu zeichnen. Leider hangelt sich von Schirach dabei von Klischee zu Klischee. Der Pornoproduzent etwa trägt natürlich Lederjacke und Sonnenbrille.

Während aber geradezu detailverliebt von unterschiedlichen Kameramodellen und Fotografie-Kniffen die Rede ist, muss anderes zurückstehen. Zum Beispiel ist von Eschburg Synästhesist. Er sieht die Welt in anderen Farben als die Allgemeinheit. „Die Hände des Kindermädchens waren aus Cyan und Amber, seine Haare leuchteten für ihn violett mit einer Spur Ocker, die Haut des Vaters war eine blasse, grünblaue Fläche.“ Davon wird anfänglich viel erzählt, doch dann verliert sich die Spur im Lauf der Geschichte. Lediglich die Kapitel werden noch in Farben zusammengefasst. Interessante Aspekte vergehen also, während die üblichen Teile einer Schirach-Erzählung Bestand haben: der Strafverteidiger, das Gericht, die Schuldfrage, die anwaltliche Intervention.

Und so wird am Fall von Eschburg die Schuldfrage erklärt. Allerdings eher wie in einem mäßigen Repetitorium für Jurastudenten vor dem ersten Staatsexamen. Dem gefeierten Fotografen wird zur Last gelegt, eine Frau vergewaltigt und getötet zu haben. Die Leiche jedoch ist nicht auffindbar, macht aber nichts, denn der Angeschuldigte legt in seiner polizeilichen Vernehmung ein Geständnis ab. Die Presse hat ihr Urteil längst gesprochen.

Grantiger Advokat mit Burn-Out-Syndrom

Doch jetzt endlich tritt der Anwalt auf die Bühne des Geschehens. Es dauert 148 Seiten, bis die Leser Konrad Biegler endlich kennenlernen dürfen, jenen grantigen Advokaten mit Burn-Out-Syndrom, der von Eschburg aus dem Gefängnis holen und ihn zu einem freien Mann machen soll. Erster Anknüpfungspunkt: Das Geständnis. Erzwungen war es nämlich und erinnert an den Fall Magnus Gäfgen. Zweiter Anknüpfungspunkt: Die Schuld. Und dann auch noch das Auseinanderfallen von Wahrheit und Wirklichkeit.

Den Personen des Romans fehlt es an Tiefe und Eindringlichkeit. Sogar der Erlöser der Geschichte, Anwalt Biegler, ist alles andere als ein Charakterkopf. Er hat ja auch kaum Zeit, sich zu entwickeln. Im Grunde ist er eine arme Figur: Nur geschaffen und kurz umrissen für den letzten großen Auftritt. Eine Marionette in einem Stück, das von der Kunst des Erzählens weit entfernt ist.

Man kann nur hoffen, dass von Schirach sich wieder auf einen neuen Erzählband konzentriert. In einem Interview mit der Legal Tribune Online erklärte er im Oktober 2013: „An ‚Tabu‘ habe ich 19 Monate geschrieben, jeden Tag sechs Stunden. In dieser Zeit war ich nicht mehr in der Kanzlei. Bei den Kurzgeschichten war es einfacher, sie konnte ich nachts oder in den Ferien schreiben.“ Dieser Mann braucht Nächte und Ferien! Niemand muss doch auch noch ein großer Romancier werden, wenn er schon ein großer Erzähler ist.

Die Rezension von Anna Prizkau in der FAZ vergleicht „Tabu“ mit einer „gar nicht so schlechten Tatort-Folge“. Dem ist zu widersprechen. Diesen Tatort hätten die meisten abgeschaltet.

Ferdinand von Schirach: Tabu, Piper Verlag, München, 2013, 254 Seiten, gebunden, 17,99 Euro, ISBN 978-3492055697, Leseprobe

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