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Posts Tagged ‘Freundschaft’

Es gibt sie noch, die Bücher, die man eng an sein Herz pressen und nie wieder hergeben möchte. „Der Fuchs und der Stern“ ist ein solches Buch, grafisch herausragend umgesetzt, erzählerisch trotz nur weniger Worte eine Wucht und zusammen genommen eine fantastische Harmonie von Bild und Text. Ein wahrer Schatz!

„Der Fuchs und der Stern“ erzählt die Geschichte eines Fuchses, der tief verborgen in einem dichten Wald lebt. Er hat nur einen einzigen Freund, einen Stern, der ihm stets den Weg weist. Eines Nachts aber ist der Stern plötzlich verschwunden und der Fuchs ganz furchtbar allein. Was nach Kinderbuch klingt, ist eine anrührende Fabel über Freundschaft und Verlust. Auch für Erwachsene.

Geschrieben und illustriert hat sie die Engländerin Coralie Bickford-Smith, die als eine der international renommiertesten Buchgestalterinnen gilt. Für den Verlag Penguin Random House in London hat sie legendär gewordene Buchreihen entworfen, darunter vor allem die Penguin Hardcover Classics. Für die Reihe mit in Leinen gebundenen Klassikern der Weltliteratur in wunderschön-bibliophiler Ausstattung, die an die Welt der viktorianischen Buchbindung erinnert, bekam Bickford-Smith international viel Aufmerksamkeit. „Der Fuchs und der Stern“ ist ihr erstes Buch, das sie selbst verfasst hat. Auf ihrer Webseite erzählt sie, die Geschichte sei von ihren eigenen Lebenserfahrungen inspiriert. Mehr aber verrät sie darüber nicht.

Neue Art der Buchkunstbewegung initiiert

Wie ihre anderen Arbeiten geht auch die Illustration von „Der Fuchs und der Stern“ zurück auf die viktorianische Zeit der Buchgestaltung und dort vor allem auf das Werk von William Morris. Der britische Tausendsassa begann im Alter von 54 Jahren und nur acht Jahre vor seinem Tod mit dem Buchdruck und richtete 1888 seine eigene Privatdruckerei ein, die fortan unter dem Namen „Kelmscott Press“ berühmt wurde und eine neue Art der Buchkunstbewegung initiierte.

Wie Morris legt auch Bickford-Smith deutlichen Wert auf die ornamentale Ausschmückung ihrer Bücher sowie die Verwendung von sorgfältig ausgewähltem Papier. Wichtigste Inspiration für ihre eigene Fuchs-Geschichte sei William Morris‘ „Kelmscott Press“-Ausgabe von „Reineke Fuchs“, die 1892 veröffentlicht wurde.

Gehen Sie an diesem Buch nicht achtlos vorbei! Fassen Sie es an, schlagen Sie es auf, betrachten Sie diese Kunstfertigkeit, denn „Der Fuchs und der Stern“ ist nicht nur eine wunderbar feine Harmonie von Typografie, Illustration, Papier und Einband. Es ist eine Schönheit sondergleichen! Und niemand, der es besitzt, wird es je wieder hergeben wollen. Deshalb sollte jeder stets zwei Exemplare besitzen – eines zum Behalten und eines zum Verschenken.

Coralie Bickford-Smith: Der Fuchs und der Stern, Insel Verlag, Berlin, 2016, 64 Seiten, gebunden, 18 Euro, empfohlen ab 4 Jahren, ISBN 978-3458176862, Leseprobe

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Filip Florian (l.) im Gespräch mit seinem Übersetzer Georg Aescht - Foto: Christian Lund

Filip Florian (l.) im Gespräch mit seinem Übersetzer Georg Aescht – Foto: Christian Lund

Das Programm der „Buch Wien“ ist in diesem Jahr erstaunlich dürftig und schlecht auf die einzelnen Messetage verteilt. Äußerst wundersam etwa ist, dass sich ein Großteil der interessanten Autoren und vor allem der Publikumslieblinge am Sonntag auf der Buchmesse tummeln: Bernhard Aichner, Marjana Gaponenko, Thomas Raab, Peter Henisch, Reinhard Kaiser-Mühlecker, Dirk Stermann und nicht zuletzt Ela Angerer. Dementsprechend kann ich heute nur von zwei herausragenden Lesungen berichten:

Zunächst stellte der rumänische Schriftsteller Filip Florian vor erschütternd leeren Stuhlreihen seinen neuen Roman „Alle Eulen“ vor. Es ist sein dritter Roman und der zweite, der auf Deutsch erschienen ist (zuvor: „Kleine Finger“, Suhrkamp, 2008). Florian, 1968 in Bukarest geboren, gilt mittlerweile als einer der besten rumänischen Schriftsteller der heutigen Zeit. Sein Übersetzer und gleichzeitig Moderator der Lesung, Georg Aescht, geht sogar so weit, ihn einen „besessenen Schriftsteller“ zu nennen. Mit „Alle Eulen“ habe Florian einen Roman einer großen Freundschaft verfasst, erklärte Aescht.

In dem Buch trifft Luca, ein Lausbub aus der Kleinstadt, auf Emil, der nach einem bewegten Leben in Bukarest unverhofft in der Provinz landet. Emil öffnet Lucas Blick und Geist für Literatur und Musik, Luca schenkt ihm dafür seine Neugierde und liefert immer zuverlässig den letzten Dorfklatsch. Emil wiederum hat die Gabe, mit Eulen sprechen zu können, und Luca wünscht sich fortan nichts sehnlicher, als das auch zu können. Es ist also ein nicht nur ein Roman über ungleiche Freunde, sondern auch über die Liebe zur Natur.

Rückbesinnung auf die Poesie

Dass diese Liebe zur Natur aber gleichzeitig auch zur Liebe von Poesie und Literatur führen kann, wie es Aescht im Gespräch vorschlug, verneinte Florian. Für ihn ist das unabhängig voneinander. Wohl aber könne die Rückbesinnung auf die Poesie verdeutlichen, dass es etwas Tieferes gibt, als das, was uns täglich umgibt.

Nachdem Florian eine Passage auf Rumänisch vorgetragen und Aescht dieselbe Stelle auf Deutsch gelesen hatte, erklärte letzterer: „Beim Lesen seiner Sätze muss ich oft innerlich schmunzeln, manchmal kommen mir auch die Tränen.“ Darauf Florian: „Das sind die Augentropfen.“ Aescht wiederum: „Nein, das ist der Humor, der so still ist, dass man innerlich angerührt ist.“ Ob Florian den Humor absichtlich in den Roman bastelt.

Es sei seine Art zu schreiben, erklärt der. „So schreibe ich nun mal, und jeder Leser nimmt den Text anders wahr, oft auch anders als der Autor.“ Und wenn er an seinem Schreibtisch sitzt und schreibt, dann schreibt er „ganz“, wie er das bezeichnet. Nichts interessiert ihn dann, nur das Schreiben. „Und vielleicht die Ergebnisse des FC Liverpool, da bin ich etwas verrückt.“ Ansonsten aber sei er ganz in seiner Welt verhaftet, „deren Hauch mich beseelt und mich aus der Welt des Scheins hinausträgt“.

„Zauberhaft melancholisches Buch“

Die Presse feiert Florians neuen Roman bereits frenetisch: „‚Alle Eulen‘, von Georg Aescht in so flüssiges wie sinnliches Deutsch gebracht, ist ein zauberhaft melancholisches Buch über die Abendstunde der Erinnerung (…)“, schreibt etwa Jan Koneffke in der Neuen Zürcher Zeitung. Und Paul Jandl urteilt in der Welt: „‚Alle Eulen‘, mit dem Filip Florian sich endgültig als fixe Größe in der nicht gerade stimmenarmen rumänischen Literatur etabliert, ist kein dickes, aber ein gewaltiges Buch, ein böses Märchen mit nicht ganz so bösem Ausgang.“

Filip Florian: Alle Eulen, Matthes & Seitz, Berlin, 2016, 213 Seiten, gebunden, 19,90 Euro, ISBN: 978-3957572219

Am Abend dann las Terézia Mora in der Alten Schmiede in Wien aus ihrem aktuellen Erzählband „Die Liebe unter Aliens“. Am Vorabend noch hatte sie die Eröffnungsrede der „Buch Wien“ gehalten, jetzt waren die zahlreichen Zuschauer neugierig auf ihre Kurzprosa. Nach „Seltsame Materie“, 1999 bei Rowohlt erschienen, ist das jetzt ihr zweiter Band mit Erzählungen.

Darin wendet sie sich Menschen zu, die sich verlieren, aber nicht aufgeben, die verloren sind, aber weiter hoffen. Ein Ausflug ans Meer soll ein junges Paar zusammenführen. Ein Nachtportier fühlt sich heimlich zu seiner Halbschwester hingezogen. Ein japanischer Professor verliebt sich in eine Göttin. Die Liebe geht hier reichlich seltsame Wege, und sprachlich ist das alles eine Wucht! Zehn Erzählungen versammelt dieser Band, und sie berichten auch von der Fremdheit sich selbst und anderen gegenüber, erklärt Moderatorin Angelika Reitzer: „Immer wieder wechseln die Perspektiven, erleben wir Blicke von innen und außen – das Stilmittel, für das sie bekannt und berühmt ist.“ Diese starke erzählerische Liebe bringe „das Blasse zum Leuchten“.

Mora erzählte sodann, sie habe im Februar zum ersten Mal in Wien aus ihrem damals noch nicht erschienenen Erzählband vorgelesen und habe sich zu der Veranstaltung einen Musiker aussuchen dürfen, der sie begleitet. „Ich habe dann gesagt, ich hätte gerne Félix Lajkó (ungarisch-serbischer Musiker), weil ich dachte: den kriegen die nie! Haben sie aber. Ich habe die Titelstory ‚Die Liebe unter Aliens‘ gelesen, und es fühlte sich wirklich an wie zwei Aliens nebeneinander – er verstand kein Deutsch und hat aber trotzdem gespielt, als wären wir eine Einheit.“

Geschichte des jüdischen Malers Felix Nussbaum

Um dieses Erlebnis nicht zu wiederholen, entschied sich Mora an diesem Abend für die Erzählung mit dem Titel „Selbstbildnis mit Geschirrtuch“, die ursprünglich als Auftragsarbeit entstanden war. Sie erzählt die Geschichte des jüdischen Malers Felix Nussbaum und dessen Frau Felka Platek, allerdings übertragen in die heutige Zeit.

Mora ist Figurensammlerin, erklärt sie. Sie habe eine Liste mit 22 Figuren gehabt, aus denen sie die zehn besten für das Buch ausgewählt habe. Für die Figur des Marathonmanns in einer ihrer Erzählungen habe sie etwa drei Vorbilder gehabt, das älteste stamme aus ihrer eigenen Kindheit: „Ich war 15, als ein Mann mir und anderen Fahrgästen erzählte, er sei den Marathon in Wien gelaufen, und das Schönste für ihn sei gewesen, dass es an der Strecke Südfrüchte gegeben habe. Alle anderen haben ihn belächelt, für mich war er ein Held.“ Die anderen beiden Marathonfiguren seien ein Nachbar – und ihr ehemaliger Lektor. „Ich gebe den Figuren eine Geschichte, damit sie ein Zuhause haben.“

Im Vorfeld ihres Erzählbandes habe sie natürlich auch viele Erzählungen anderer Autoren gelesen, so etwa von Alice Munro oder Hilary Mantel, aber sie habe nicht viel Herausragendes entdeckt: „Gott sei Dank, das wäre doof gewesen, wenn ich was gefunden hätte, bei dem ich gesagt hätte: besser kann man das nicht machen!“

Abschluss der Trilogie um Darius Kopp

Als nächstes plant Mora, ihre Trilogie über den IT-Spezialisten Darius Kopp abzuschließen, die sie mit „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ (2009) und „Das Ungeheuer“ (2013) begonnen hat. „Nein, es folgt jetzt nicht noch ein Erzählband, sondern ein Roman – das musste ich meinem Verlag auch versprechen.“

Terézia Mora: Die Liebe unter Aliens, Luchterhand, München, 2016, 272 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN: 978-3630873190, Leseprobe

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VenustransitBen Rama ist wirklich nicht zu beneiden: Er arbeitet in einem öden IT-Job und ist damit sehr unglücklich. Seine Freundin wiederum ist unglücklich mit ihm, genervt von seiner stetig trüben Laune und seiner Antriebslosigkeit. Und eigentlich will Ben nur eines: Zeichnen und als Künstler wahrgenommen werden. In „Venustransit“ erzählt der Deutsch-Iraner Hamed Eshrat die anrührende wie mitreißende Geschichte des jungen Berliners Ben, mit viel Drive, Lokalkolorit und feinem Gespür für Kleinigkeiten, die keine Nebensächlichkeiten sind.

Wir befinden uns in Berlin-Kreuzberg, einer der angesagten Kieze. Ben ist ein grauer Mäuserich, der untergeht in der Masse der Kreativen und Hippen auf den Straßen in der Hauptstadt. Er schwelgt und träumt von seiner Zukunft als Zeichner, und weiß dennoch nicht so recht, wie er das eigentlich anfangen soll. Seine Freundin Julia hängt nicht mehr an seinen Lippen, sondern an denen eines Freundes, zunächst nur metaphorisch, später auch real. Denn sie hat genug von Ben, wie er durchs Leben tapert, lethargisch, verbittert gar, und dabei nur nach Aufforderung in der Lage ist, Pfandflaschen wegzubringen.

„Ich kann’s nicht mehr hören, Glück, Glück, Glück! Weiß doch keiner mehr, was das ist“, sagt Ben an einer Stelle. Nein, was Glück ist, das weiß auch Ben nicht. Das muss er suchen und erfahren. Und was so pathetisch und abgedroschen klingt, das gelingt in „Venustransit“ so überragend anders. Seine Freundin Julia trennt sich von Ben, und natürlich folgt auch eine Phase des Herzschmerzes. Er selbst sieht sich in der Rolle des Sisyphos, einer immer wiederkehrenden Szene in seinen Zeichnungen. Eshrat spielt mit den Klischees einer solchen Story, kann den Leser aber dann immer wieder neu überraschen.

Bens Travelerbook als Faksimile

Faszinierend in diesem Zusammenhang ist etwa Bens Reise nach Indien. Die nimmt einen Extrateil des Buches ein, der sich auch zeichnerisch vom Rest abhebt. „Interludium – Die Reise“ ist dieses Kapitel überschrieben. Darin findet sich Bens Travelerbook als Faksimile mit Bordkarten, Visitenkarten von Hotels und Rechnungen von Restaurants, aber vor allem mit vielen Zeichnungen, Entwürfen, Skizzen, die Ben während seiner Reise angefertigt hat. Allein in diesem Teil kann man sich lange aufhalten, in Ruhe den Strichen folgen, seinen Gedanken nachhängen. Und wer genau hinschaut, erkennt auch hier, dass Bens Geschichte zum Teil autobiographisch sein muss.

Eshrat zeichnet nur mit Bleistift und Kohle. Was aber dessen Phantasie entspringt, ist so bunt, dass es dafür keine Farben braucht. Kraftvoll, kontrastreich, und manchmal ganz schön skurril und abstrakt – das ist sein Stil. Reich an Anspielungen ist „Venustransit“ zudem: Als Ben nach einer Nacht im Berghain von einem Käfer begrüßt wird, ist das eine deutliche Hommage an Franz Kafkas „Verwandlung“, aber es kommen auch Rainer Maria Rilke oder Walt Whitmann zu Wort (Kinogänger erkennen vielleicht eher ein Zitat aus dem „Club der toten Dichter“).

Das Berghain wiederum gehört natürlich zur Kategorie Lokalkolorit, wie auch Alis Späti, wo sich Ben mit seinen Freunden Beule und Tim trifft. Gentrifizierung und Bio-Läden, Neubaugebiete und der stetige Wandel der Stadt, das sind die Themen, die wie beiläufig eingestreut werden und dennoch einen zweiten Zugang zu dieser Großstadt-Graphic-Novel erlauben.

In Teheran geboren, in Bünde aufgewachsen

Hamed Eshrat, der 1979 in Teheran geboren wurde und 1986 mit seiner Familie nach Deutschland floh, wuchs in Bünde (Kreis Herford) auf. Nach dem Abitur studierte er Visuelle Kommunikation an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee sowie an der Massey-Universität in Wellington (Neuseeland). Heute arbeitet er als Designer, freischaffender Künstler und Autor in Berlin und hat damit den Traum verwirklicht, zu dem sein Held aus „Venustransit“ noch unterwegs ist.

In Eshrats erster Graphic Novel „Tipping Point – Téhéran 1979“ hat er die Geschichte seiner Familie während des politischen Umbruchs im Iran der 70er Jahre erzählt. Dieser Comic ist bislang leider nicht auf Deutsch erschienen, sondern nur in Frankreich bei Edition Sarbacane. Das Manuskript von „Venustransit“, Eshrats zweiter Graphic Novel, wurde 2015 unter die zehn Finalisten des Deutschen Comicbuch-Preises der Berthold-Leibinger-Stiftung gewählt.

Wer jetzt noch zweifelt, ist vielleicht nur noch mit Musik zu überzeugen: Viele Künstler haben in Berlin große Inspiration gefunden: David Bowie, Iggy Pop, Lou Reed oder Federico Aubele. Wer Musik liebt und Schallplatten nicht nur als Hype begreift, wird mit „Venustransit“ einen grandiosen Großstadt-Soundtrack lesen. Nur dass Eshrats Arm der Tonarm ist – und sein Bleistift die Nadel.

Hamed Eshrat: Venustransit, Avant-Verlag, Berlin, 2015, 255 Seiten, Klappenbroschur, 24,95 Euro, ISBN 978-3945034330, Leseprobe

Seitengang dankt dem Avant-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

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Eigentlich müssten wir tanzenWas bleibt, wenn die Welt untergeht und man selbst ist der einzige Überlebende? Zahlreiche Filme und Bücher haben sich diesem Szenario gewidmet. Der 1978 in München geborene Heinz Helle hat jetzt noch eine weitere Version hinzugefügt. In „Eigentlich müssten wir tanzen“ sind es allerdings mindestens fünf Menschen, die überlebt haben, fünf Freunde aus alten Zeiten, die unbedingten Lebenswillen haben. Das Buch aber hat bloß Literaturwillen, und schafft es am Ende nicht.

Der dystopische Roman spielt irgendwo im Grenzgebiet zwischen Österreich und Deutschland, vielleicht auch der Schweiz. Fünf Männer, dicke Freunde einst, jetzt nur noch verbunden durch die Erinnerung an alte Zeiten, haben gerade ein Wochenende in einer Berghütte verlebt. Plötzlich werden sie der Rauchwolken gewahr, die aus dem Dorf im Tal aufsteigen. Es brennt. Nicht nur ein Haus oder zwei. Das ganze Dorf steht in Flammen.

„Es gab Zeiten, in denen brennende Dörfer ganz normal waren, ebenso wie brennende Städte. Aber hier und heute fiel das, was wir da unten sahen, so sehr aus dem Kontext unserer gewohnten Wahrnehmung, dass wir zu keinerlei Reaktion fähig waren.“ Einer macht den Vorschlag, zum Auto zu gehen, zur Bestätigung, dass doch alles in Ordnung ist. Doch auch hier: Alles verbrannt.

Nicht nachvollziehbare Gefühllosigkeit

Zu Beginn des Romans sind die Männer schon mehrere Wochen unterwegs. Es ist kalt, und der Schnee liegt hoch, obwohl die Schneekanonen ruhen. Was eigentlich passiert ist und warum die Welt jetzt ist, wie sie ist, das erzählt Helle nicht. Vielleicht hatte er Angst, dass er sonst seine Geschichte nicht mehr plausibel würde erzählen können. Berechtigterweise, denn der Roman krankt neben einer überhaupt nicht nachvollziehbaren Gefühllosigkeit vor allem an einigen Ungereimtheiten.

Ganz zuvorderst: Warum sollten sich jene Menschen, denen die Zivilisation abhanden kommt, grundlos zu unmoralischen Tieren zurückentwickeln? Warum sollten die Überlebenden nicht wissen wollen, was die Welt so verändert hat? Und warum sollten sie all jene Überlebensstrategien, die man doch im Hinterkopf gespeichert hat, über Bord werfen und völlig unüberlegt handeln? Das kann nur dann passieren, wenn sich der Autor aus einem ursachenfreien Szenario einen frei bespielbaren Sandkasten schafft, aber mit den Förmchen und Schäufelchen nicht umzugehen weiß.

Helle will offenbar zweierlei: Erstens einen düsteren Horrorroman vorlegen, in dem sich der Leser allmählich verloren fühlt. Deshalb streut er dann und wann ein paar grausige Szenen ein. Gleich zu Beginn schockiert er den Leser völlig unnötig mit einer Gruppenvergewaltigung einer dem Tode nahen Frau. Jeder der fünf Freunde darf mal ran, und es fällt sogar der nie passende Satz „Du willst es doch auch“. Es folgen weitere brutale Übergriffe, auch unter den Freunden. Später treffen sie einen Fremden, schlagen seinen Kopf zu Brei. Der Ich-Erzähler nimmt die verstörenden Momente jedoch so nüchtern und emotionslos auf wie ein Ergebnisprotokoll.

Seine literarische Stärke entgleitet ihm

Das wiederum ist Andeutung von Helles zweiter Intention: Er will auch im Fach Literatur brillieren. Seine Verknappung der Sprache auf das Nötigste – auch wörtliche Rede gebraucht er kaum -, die kühle Darstellung in 69 Kapitel-Miniaturen auf immerhin nur rund 200 Seiten, diese literarischen Mittel beherrscht Helle schon seit seinem Debütroman „Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin“. Durch das Hinzufügen von Horrorelementen aber entgleitet ihm die literarische Stärke. Er verzettelt sich, es wird zu undeutlich, was er eigentlich will. Helles Betrachtung über den zivilisierten Menschen im rohen Überlebenskampf ist philosophisch vielleicht noch interessant – der Autor studierte Philosophie in München und New York -, aber weder ist sie bedeutsam, noch besonders nachhallend.

Was am Ende dieses Romans bleibt, ist auch die Frage, ob man jetzt nicht doch ein wenig Lebenszeit vertan hat. Stattdessen hätte man lieber Cormac McCarthys „Die Straße“, Thomas Glavinics „Die Arbeit der Nacht“ oder David Monteagudos „Ende“ lesen sollen. Alle drei Bücher handeln vom Weltuntergang. Alle drei sind wirklich stark – und ohne Frage keine vertane Lebenszeit.

Heinz Helle: Eigentlich müssten wir tanzen, Suhrkamp Verlag, Berlin, 2015, 175 Seiten, gebunden, 19,95, ISBN 978-3518424933

Bei zehnseiten.de liest Heinz Helle aus seinem Roman vor: Sehen Sie hier das Video!

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Lauras letzte PartyEine Gruppe von finnischen Autoren und Drehbuchschreibern hat sich an einer Krimi-Trilogie versucht. Band 1 ist jetzt auf Deutsch im Suhrkamp-Verlag erschienen. Der Fall über das Verschwinden einer Schülerin und die Facebook-Ermittlungen einer Ex-Polizei-Internetspezialistin und jetzigen Sonderpädagogin ist ihnen jedoch nicht geglückt. Sie hätten das Schreiben wohl besser einem versierten Krimi-Autoren überlassen sollen.

Miia Pohjavirta ist internetsüchtig und musste deshalb ihren Job als Coach bei der Polizei in Helsinki aufgeben, wo sie einst die Einheit für Ermittlungen in sozialen Netzwerken begründete und dann schnell als Internet-Spionin bekannt geworden ist. Das soll nun alles der Vergangenheit angehören, denn sie hat ein völlig neues Betätigungsfeld gefunden: In ihrer Heimatstadt Palokaski arbeitet sie jetzt an ihrer alten Schule als Sonderpädagogin. Ein Teil ihrer früheren Clique wohnt noch immer in dem ruhigen, finnischen Nest, und ihr kleiner Bruder Nikke arbeitet an ihrer Schule als Psychologe.

Ausgerechnet am letzten Ferientag, als sich Miia gerade dem versammelten Lehrerkollegium vorstellen möchte, wird bekannt, dass die 16-jährige Schülerin Laura Anderson verschwunden ist. Wie jedes Jahr hatten die Schüler die Ferien mit einer Party am Badestrand beendet. Seitdem wurde Laura nicht mehr gesehen.

Keine normale Beziehung zu der 16-Jährigen

Miia verfällt schnell wieder in alte Muster: Sie bietet ihrem ehemaligen Chef ihre Hilfe bei den Ermittlungen an, sie recherchiert bei Facebook mögliche Hintergründe für das Verschwinden und wird schnell darauf gestoßen, dass ihr Bruder Nikke offensichtlich keine ganz so normale Beziehung zu der 16-Jährigen gehabt haben soll, wie man es gemeinhin von einem Schulpsychologen erwartet.

An sich ist der Plot eine Kriminalgeschichte, wie es sie zigfach schon in anderen Büchern erzählt worden ist. Die finnische Uusimaa Newspaper findet jedoch, das Buch sei „ein dunkler, psychologischer Thriller, ein fesselndes Beziehungsdrama in Zeiten des Internets“. Dass nun ausgerechnet eine Internetspezialistin mit Fachgebiet „Soziale Medien“ ermittelt, ist für diejenigen, die das Internet noch für Neuland halten, vielleicht spektakulär. Digital Natives können darüber nur müde lächeln. Und leider nimmt gerade die Internetrecherche dann auch noch zu wenig Raum ein. Es genügt einfach nicht, eine Ermittlern ein wenig durch Facebook zu schicken, um dem Leser deutlich zu machen, dass hier eine Spezialistin am Werk ist.

Wer wirklich einen guten Thriller lesen möchte, in dem eine Internetspezialeinheit der Polizei agiert, sollte beherzt zu der neuen Reihe von Karl Olsberg rund um die “Sonderermittlungsgruppe Internet” des LKA Berlin greifen. Der zweite Band ist im Frühjahr erschienen, weitere werden wohl folgen. Von der Palokaski-Trilogie jedoch kann man nur abraten.

Ein finnischer Anwalt sagt „Servus“

Möglicherweise liegt es an der Übersetzung, dass der Roman auch sprachlich nicht ansprechend ist. Dass die Schuldirektorin nicht in der Lage sein soll, die Grammatik zu beherrschen, ist wohl kaum vorstellbar. Dennoch gebraucht sie „brauchen“ ohne „zu“, und der Rezensent wird nicht müde werden, solche grammatikalischen Fehler zu erwähnen. Und dass ein finnischer Anwalt zur Verabschiedung tatsächlich „Servus“ sagten sollte, ist zwar ein nettes Beispiel von einem zusammenwachsenden Europa, aber dennoch eher ungewöhnlich.

Letztlich kann ein Leser von einer Sonderermittlerin der Polizei wohl mehr Feingefühl, Klasse und Lebenserfahrung erwarten, als Gedankengänge wie diese hier: „Als Verdächtiger kam der sonderbare Kauz auch weiterhin in Frage. Wer so unverfroren über die Brüste fremder Frauen redete, konnte sich locker an seinen Schülerinnen vergreifen.“ Das ist eigentlich nur eins: Billige Schund-Kriminalliteratur, die den Stempel „Literatur“ nicht verdient hat. Es erstaunt, dass es der renommierte Suhrkamp-Verlag ist, der sich die „Palokaski“-Trilogie an Land gezogen hat. Wer so großartige Krimi-Autoren wie Don Winslow, Reginald Hill und André Georgi im Programm hat, kann doch solche Bücher nun wirklich Publikumsverlagen wie Bastei Lübbe überlassen.

„Lauras letzte Party“ enttäuscht auf der ganzen Linie. Teil zwei und drei erscheinen im September und November. Wer den ersten Teil gelesen hat, muss im Grunde auch zum zweiten und dritten greifen, denn eine Lösung ist im ersten Buch nicht annähernd in Sicht. Wer aber gute Kriminalliteratur schätzt, findet sicher Besseres als die „Palokaski“-Trilogie.

J. K. Johansson: Lauras letzte Party, Suhrkamp Verlg, Berlin, 2015, 267 Seiten, Taschenbuch, 8,99 Euro, ISBN 978-3518465905, Buchtrailer, Leseprobe

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RevivalDer neue Roman „Revival“ von Stephen King wird als die Rückkehr des Horror-Meisters beworben. Der Horror in diesem Buch aber tönt nur leise, und schon das macht den Roman um einen gottvergessenen Prediger so lesenswert. Es ist vor allem aber auch eine richtig gute Erzählung. Warum King der Literatur-Stempel immer noch verwehrt bleibt, ist nicht zu verstehen.

Der Roman beginnt im Oktober des Jahres 1962. Während die Kubakrise in vollem Gange ist, lässt Jamie Morton bei seinen Plastiksoldaten lieber die Krauts gegen die Amerikaner antreten. Jamie ist sechs Jahre alt, als an jenem Tag im Oktober erstmals ein Schatten auf ihn fällt, der ihn sein ganzes Leben begleiten wird. „Ich blickte auf und sah einen Mann vor mir stehen. Weil sich die Nachmittagssonne hinter ihm befand, war er eine von goldenem Licht umgebene Silhouette – eine menschliche Sonnenfinsternis.“

Den Schatten wirft der junge Charles Jacobs, der soeben der neue Pfarrer der methodistischen Gemeinde in Harlow geworden ist. Fortan füllt er die Kirche wieder mit Gläubigen und verblüfft seine kleinen Zuschauer in der wöchentlichen Jugendgruppe mit kleinen Wundern. Jamie und die anderen Kinder erkennen jedoch schnell, dass die Wunder nichts anderes sind als Zaubertricks. Die Jesusfigur etwa, die den Anschein macht, als würde sie über einen See laufen, nutzt dafür eine kleine Führungsschiene, die unter dem seichten Wasser mit blauer Farbe verborgen ist.

Elektrizität und Spielereien

Jamie und Jacobs freunden sich an. Gleich am ersten Tag lädt Jacobs seinen jungen Freund zu sich ins Pfarrhaus ein und weiht ihn dort in sein großes Hobby ein: Die Elektrizität und allerlei damit verbundene, technische Spielereien. Er erfindet Batterien, Lichtschranken und natürlich den Wasser überquerenden Jesus. Mit seinen elektrischen Gerätschaften kann er sogar Jamies Bruder heilen, der für Monate seine Stimme verloren hatte.

Jamie ist fasziniert, während die meisten anderen Jungs wesentlich angetaner sind von Jacobs Frau Patsy, deren blonder Schopf beim Orgelspielen immer so schön hin und her wippt, und die auch ansonsten eine durchaus hübsche Erscheinung ist: „(…) und ich bekam einmal mit, wie mein Bruder Andy – der damals wohl auf die vierzehn zuging – sagte, sie über den Platz laufen zu sehen, sei eine ganz eigene religiöse Erfahrung.“ Die Mädchen wiederum sind völlig vernarrt in Jacobs zweijährigen Sohn Morrie (die Jungs nennen ihn dagegen nur „Morrie, das Klettchen“). Und die Erwachsenen, ja, die sind ihrerseits begeistert, dass sie endlich wieder einen ausgebildeten Pfarrer in ihrer Gemeinde haben.

In „Revival“ zeigt Stephen King einmal mehr, dass er ganz außerordentlich in der Lage ist, die kindliche und jugendliche Sicht der Dinge zu erzählen. Mit einem Lächeln in der Sprache, dass man meinen könnte, er habe auch beim Schreiben dieser Passagen unaufhörlich lächeln mögen. Bis der Horror das erste Mal sein Antlitz zeigt, kurz, nur ganz kurz. Denn eines Tages reißt ein grausiger Verkehrsunfall Jacobs Frau Patsy und ihren gemeinsamen Sohn Morrie aus dem Leben, von King mit drastischen Bildern beschrieben.

Mit Groll und tödlichem Zorn

Jacobs kann den Verlust seiner Frau und seines Sohnes nicht verwinden. Am darauf folgenden Sonntag liest er eine Messe, die seitdem als die „Furchtbare Predigt“ über die Gemeindegrenzen hinaus bekannt ist. Darin listet Jacobs Fall um Fall auf, in denen Gott seine Schäfchen nicht beschützt, sondern offenbar mit Groll verfolgt und mit tödlichem Zorn vernichtet hat. Jacobs Jesus hat jegliche Führungsschiene verlassen. Den Job ist Jacobs aber auch los, denn nach dieser Predigt muss er die Gemeinde verlassen.

Nun dauert es, bis Jacobs Schatten das nächste Mal auf Jamie fällt. Der Leser folgt Jamie auf dem Weg durch die Highschool und die erste Liebe. Aus dem kleinen Jungen wird ein mittelmäßiger Rock-Gitarrist, und falls das Buch jemals verfilmt wird, hat Stephen King dermaßen viele Anspielungen auf berühmte und weniger bekannte Rock-Songs gemacht, dass der Soundtrack zum Film mehrere Tonträger umfassen könnte. Viele der erwähnten Songs finden sich übrigens auch im Repertoire der Band „Rock Bottom Remainders“, in der Stephen King selbst hin und wieder Gitarre spielt. Ein Stephen-King-Fan hat sich die Mühe gemacht und eine YouTube-Playlist zusammengestellt, auf der nahezu alle bei „Revival“ erwähnten Songs zu finden sind. Leider sind einige davon in Deutschland nicht aufrufbar, aber der Rest intensiviert das Leseerlebnis.

„Revival“ trägt auch autobiografische Züge, denn Jamie Morton wird bald drogenabhängig, wie auch Stephen King einst drogen- und alkoholabhängig war. In seinem lesenswerten Interview mit dem Musikmagazin Rolling Stone (Ausgabe 245 / März 2015) erklärt King, er erkenne sich selbst in der Figur des Jamie wieder: „Jamie ist ein Bursche, der nach einem Motorradunfall süchtig wird – so wie ich nach meinem Unfall ein Drogenproblem bekam.“ Im Jahr 1999 wurde King bei einem Spaziergang von einem Auto erfasst und schwer verletzt. Um die Schmerzen zu betäuben, nahm er ein starkes, süchtig machendes Schmerzmittel ein. Aber schon zuvor habe er um 1978/1979 herum ein heftiges Alkoholproblem gehabt. „Ich musste pro Abend eine ganze 24er-Kiste verputzt haben und sagte mir: Du bist Alkoholiker.“ Ab 1978 sei er dazu noch kokainsüchtig geworden („Zwischen 1978 und 1986 war ich voll drauf“) und habe mit „Das Monstrum“ eines seiner schlechtesten Bücher geschrieben.

Elektrisches Wunder

Auch Jamie Morton ist „voll drauf“. Soeben aus der Band geworfen, tapert er, ausgemergelt und pleite von der Drogensucht, eines Tages ganz zufällig in einen kleinen Laden mit Elektrogeräten. Inhaber des Ladens ist – wie sollte es anders sein – Charles Jacobs. Der bringt Jamie auf die Beine und zurück ins Leben, erneut mit einem elektrischen Wunder, das stärker als das bisher erlebte ist. Jacobs lernt dazu, tüftelt weiter und tingelt schließlich mit seinen Zaubereien über die Jahrmärkte. Raffinierterweise lässt King seinen versessenen Reverend auch auf jenem Jahrmarkt arbeiten, der Schauplatz für seinen früheren Roman „Joyland“ gewesen ist.

Jamie und Jacobs Wege kreuzen sich immer wieder, doch Jamie graust es mehr und mehr vor der Verwandlung seines einstigen Freundes. Der widmet sich nämlich plötzlich einer Karriere als Fernseh-Prediger und Heiler, während er glaubt, Religion sei nichts anderes als ein großes Blendwerk. Mit seiner „Revival“-Show tourt er durch Amerika und lässt Blinde wieder sehen, Taube wieder hören und Menschen an Krücken und aus Rollstühlen wieder beschwerdefrei gehen. Das ist auch der Moment, in dem der leise Horror wieder einkehrt.

Wie sehr die Gläubigen nach Wundern lechzen und bereit sind, dafür ihr letztes Geld auszugeben, beschreibt King sehr eindrücklich. Auf der anderen Seite zeigt er auch die erschreckende Wesensveränderung des ehemals beliebten Reverend, der nur ein Ziel vor Augen hat: Die geheime Elektrizität zu entschlüsseln und für ihn nutzbar zu machen, nur um einen Blick hinter die Mauern des Todes zu werfen.

„Es lief mir kalt den Rücken hinunter“

King spielt dabei deutlich mit Mary Shelleys „Frankenstein“-Mythos. Das bekennt er in dem bereits erwähnten Interview mit dem Rolling Stone, als er gefragt wird, wann er die Idee für „Revival“ gehabt habe: „Schon in meiner Jugend. Auf der Highschool las ich ‚The Great God Pan‘, und darin gibt es zwei Männer, die gespannt darauf warten, ob die Protagonistin von den Toten zurückkehren kann oder nicht. Bei dieser Geschichte lief es mir kalt den Rücken hinunter. Und je mehr ich im Lauf der Jahre darüber nachdachte, desto mehr kristallisierte sich dieser ganze Mary-Shelley-Frankenstein-Komplex von ‚Revival‘ heraus.“ Im Roman aber findet sich ebenfalls ein kleiner, wenn auch versteckter Hinweis: Als es zum alles entscheidenden Experiment kommt, heißt die wichtigste Person nicht etwa Jamie Morton oder Charles Jacobs, sondern Mary Fay. Und deren Mutter soll eine geborene Shelley gewesen sein.

Kings Frankenstein aber erschafft nicht nur ein Monster, sondern viele. Denn jede von Jacobs‘ Heilungen sorgt zwar vordergründig für eine Verbesserung des Lebens, aber im Unterbewussten lauern Monster, die besser nicht geweckt worden wären. Um es mit einem berühmt gewordenen Zitat aus dem Film „Acht Millimeter“ zu sagen: „Wenn du dich mit dem Teufel einlässt, verändert sich nicht der Teufel. Der Teufel verändert dich.“ Ähnlich verhält es sich mit der scheinbar heilenden Elektrizität des Charles Jacobs.

Stephen Kings neuer Roman „Revival“ ist ein erzählerisch dichtes Werk und ein Schmöker bester Güte. Wie schon in „Joyland“ beweist King auch hier erneut, dass er Charaktere erschaffen kann, die einem Leser so sehr ans Herz wachsen, dass man sie am Ende ungern gehen lassen möchte. Dies ist kein Buch, das man nach dem Lesen wieder verkauft oder weiter verschenkt, denn man weiß, dass der Tag kommen mag, an dem man es wieder lesen möchte. Und dann muss es parat stehen.

Fehlende Bereitschaft zur korrekten Grammatik

Was bei übersetzten Büchern aus dem Heyne Verlag allerdings immer wieder ein Ärgernis ist, ist die fehlende Bereitschaft zur Verwendung der korrekten Grammatik des Hochdeutschen. Hier wird der Rezensent nicht müde werden, auf dieses Manko aufmerksam zu machen. Dass in den südlichen Bereichen Deutschlands im Zusammenhang mit der Präposition „wegen“ der Dativ statt des Genitivs verwendet wird, sollte keine Grundlage bei der Übersetzung ins Deutsche sein. So muten nämlich Passagen in Büchern wie „Revival“ seltsam an, wenn Charles Jacobs dem sechsjährigen Jamie erklärt, dass ein Satz wie „Denen, wo sich selber helfen“ grammatikalisch nicht korrekt sei, er aber eine Seite weiter selbst plötzlich grammatikalisch falsch spricht: „Ihr wisst schon, wegen seinem Unfall.“ Und das ist leider kein Ausnahmefall.

Das aber sollte letztlich niemanden davon abhalten, „Revival“ zu lesen, denn neben der unsauberen Grammatik bleibt es dennoch ein packender und lesenswerter Roman.

Stephen King: Revival, Heyne Verlag, München, 2015, 512 Seiten, gebunden, 22,99 Euro, ISBN 978-3453269637, Leseprobe

Die Zitate aus dem Rolling Stone-Interview entstammen der deutschen Übersetzung aus der deutschen Magazin-Ausgabe (März 2015). Das Interview führte der US-Autor Andy Greene für die amerikanische Ausgabe des Rolling Stone im Jahr 2014. Veröffentlicht wurde es am 31. Oktober 2014. Zum Zeitpunkt der Rezension ist das Interview im Internet nur auf Englisch vollständig abrufbar.

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Der Fall DerugaVor 150 Jahren kam in Braunschweig die spätere Historikerin und Schriftstellerin Ricarda Huch zur Welt. Inzwischen sind ihre bedeutenden Werke ein wenig in Vergessenheit geraten. Der Insel Verlag hat jetzt ihren bekanntesten Kriminalroman wieder neu aufgelegt, den Huch selbst als „Schundgeschichte“ bezeichnet hatte. Sie habe ihn nur geschrieben, um Geld zu verdienen. Heute, mit rund 100 Jahren Abstand, liest sich der Roman jedoch als historisch feinsinniges Gesellschaftsbild mit thematisch aktueller Brisanz.

Der Arzt Sigismondo Enea Deruga reist von Prag nach München, um einem ihm zu Ohren gekommenen Verdacht nachzugehen, er selbst solle seine geschiedene Frau umgebracht haben. Dort erfährt er, dass das Gericht schon beschlossen hat, gegen ihn Mordanklage zu erheben, so dass es geradezu vorbildlich sei, dass er sich selbst stelle.

Seine Frau, Mingo Swieter, war Anfang Oktober verstorben und hatte ihn in ihrem Testament zum Alleinerben ihres Vermögens gemacht. Das rief die Baronin Truschkowitz, die schon mit der Finanzspritze fest gerechnet hatte, auf den Plan. Sie brachte das Gericht dazu, eine Exhumierung anzuordnen, nach der unglücklicherweise festgestellt wurde, dass Mingo Swieter nicht an ihrer Krebserkrankung gestorben war, sondern an einem furchtbaren Gift namens Curare.

Ein Alibi kann Deruga nicht vorweisen

Von Deruga weiß man, dass er in argen finanziellen Nöten steckt, am Vorabend des Todes seiner Exfrau eine Fahrkarte nach München gelöst hat und erst am übernächsten Tag nach Prag zurückgekehrt ist. Ein Alibi kann er nicht vorweisen. Hat er in der Zeit also seine ehemalige Frau umgebracht, damit er weiterhin seinem verschwenderischen Leben nachgehen kann?

Der Verdacht wiegt schwer, und Deruga macht es weder dem Gericht noch dem Leser leicht, Ansatzpunkte zu finden, die für ihn sprechen. Im Gegenteil: Er ist mürrisch, provozierend, spottet über das Gericht und wird oft ungeduldig und aufbrausend. Der Gerichtsverhandlung scheint er nur mit einem Ohr zu folgen, und auch sonst zeigt er kein besonderes Interesse daran, dass der Verdacht gegen ihn entkräftet wird. Spricht das am Ende dafür, dass der Richtige auf der Anklagebank sitzt?

Ricarda Huch beschreibt ihre Figuren mit vornehmer Zurückhaltung und erzählt mit dem feinsinnigen Gespür für Dialoge und Ironie. „Der Fall Deruga“ gerät so zu mehr als nur einem Kriminalstück, das überwiegend vor Gericht spielt. Es ist vor allem ein scharfsinniger Gesellschaftsroman aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Hier sind die hierarchischen Strukturen noch klar getrennt: Es gibt den Gerichtspräsidenten und den Angeklagten, die Baronesse und das Dienstmädchen, den Arzt und den Bettler. Aber das ist nur der gesellschaftliche Ausgangspunkt.

„Schwarzes Haar und Feueraugen“

Mit ungutem Gefühl vernimmt der Leser gleich zu Beginn die Stimmen des Publikums, die dem Angeklagten einen „italienischen Typus“ bescheinigen, und zwar den der „verschlagenen, heimtückischen, rachsüchtigen Welschen“. Eine andere Stimme raunt: „Ich dachte, er hätte schwarzes Haar und Feueraugen.“ Und dass es doch unmöglich sei, dass ein Mordverdächtiger auf freiem Fuße sei, „noch dazu einer, der so aussehe, als ob er zu jedem Verbrechen fähig wäre“. Das ist fein beobachtet und heutzutage bei Mordprozessen leider kaum anders.

Der Gerichtssaal ist die kleine Bühne dieses Falls. Der Leser sitzt nah am Geschehen. Fast ist der Luftzug beim Schließen der Aktendeckel zu spüren, so dicht schildert Huch den Prozess, das Auf und Ab der Zeugen, die vielen kleinen Begegnungen vor Gericht und die manchmal sogar philosophischen Betrachtungen danach. Der Leser ist nicht nur Zuschauer, er wird zum Geschworenen, dem die schillernde Persönlichkeit des Doktors von allen Seiten präsentiert wird. Fürsprecher allerdings gibt es nur wenige.

„Der Fall Deruga“ ist aber auch der Roman einer Scheidung und trägt dabei autobiographische Züge. Die Person des Deruga gilt als deutliches Porträt von Huchs erstem Ehemann, Ermanno Ceconi, mit dem sie seit 1898 acht Jahre verheiratet und bis an dessen Lebensende im Jahr 1927 verbunden war. Auch das beschreibt „Der Fall Deruga“ eindrucksvoll: Jene seltene und die Zeit überdauernde Harmonie zwischen zwei schon geschiedenen Ehepartnern.

Was ist die moralische Pflicht?

Damit verknüpft ist es letztlich auch die stets aktuelle Brisanz der Sterbehilfe, die das Buch selbst nach fast 100 Jahren immer noch lesenswert macht. Obgleich es damals ein wenig erwähntes Thema ist, macht Huch es zum zentralen Sujet ihres Romans und bietet dem Leser die rechtliche und moralische Betrachtung. Wie ist jemand zu bestrafen, der auf Verlangen tötet, dem aber keine eigennützige Motivation nachzuweisen ist? Was ist die moralische Pflicht, was bedeuten Begriffe wie Nächstenliebe und Menschlichkeit?

Es steckt also viel drin in diesem kleinen Büchlein, das nun glücklicherweise vom Insel Verlag wieder aufgelegt worden ist. Endlich!, möchte man rufen. Der Ruhm der Schriftstellerin Ricarda Huch ist ein wenig vergangen, ihre Schriften über die Geschichte des alten Deutschlands vergessen und vergriffen. Möge „Der Fall Deruga“ der Anfang eines umfassenden Wiederlesens sein.

Ricarda Huch: Der Fall Deruga, Insel Verlag, Berlin, 2014, 213 Seiten, Taschenbuch, 7,99 Euro, ISBN 978-3458360131, Leseprobe

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