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Posts Tagged ‘Folter’

MörderhotelEin Hotel mit Falltüren, Foltertisch, versteckten Zimmern, Gucklöchern und geheimen Gängen? Klingt nicht gerade nach Erholung. Aber Herman Webster Mudgett ist auch nicht bloß Hotelier, sondern einer der ersten Serienkiller Amerikas. Wolfgang Hohlbein hat jetzt einen Roman über den Mann geschrieben, der mehr als 230 Menschen getötet haben soll. Obwohl der Roman als Thriller angepriesen wird, fehlt manchenorts die Spannung in diesem 847 Seiten starken Werk. Und dennoch ist es wirklich ein lesenswerter Roman, weil er gut recherchiert und vor allem toll erzählt ist.

Wir schreiben das Jahr 1893. In Chicago öffnet die neunzehnte Weltausstellung ihre Tore, und Millionen von Besuchern kommen in die Stadt, um solch Erstaunliches wie das erste moderne Riesenrad zu sehen. Auch Arlis Christen und der Privatdetektiv Frank Geyer reisen nach Chicago. Sie suchen nach Arlis‘ verschwundener Schwester, von der es heißt, dass sie einen gewissen Herman Webster Mudgett habe heiraten wollen. Kurzerhand quartieren sich beide in dessen Hotel ein und beginnen mit ihren Ermittlungen, die sie in tödliche Gefahr bringen.

Hohlbein, der sich als Autor von Fantasy- und Grusel-Romanen einen Namen gemacht hat, ist über eine BBC-Dokumentation zur Chicagoer Weltausstellung auf Herman Webster Mudgett aufmerksam geworden. Weil er es zunächst nicht glauben konnte, dass dem Mörder so lange niemand auf die Schliche gekommen war, forschte er weiter und erkannte dann wohl das Potential für einen Roman. Denn bisher hat nur der US-amerikanische Schriftsteller Erik Larson ein erzählerisches Sachbuch über Herman Webster Mudgett geschrieben, das in der deutschen Übersetzung („Der Teufel von Chicago“, Fischer Verlag, 2004) allerdings vergriffen ist. Im August wurde bekannt, dass Larsons Buch jetzt von Martin Scorsese verfilmt wird, und Leonardo DiCaprio soll die Hauptrolle des Killers übernehmen. Da kommt Hohlbeins Roman also zur rechten Zeit.

Erzählerisch sehr gelungen

Kritiker werfen dem Roman vor, er könne die Spannung nicht halten. Richtig ist, dass der Stempel „Thriller“ zweifelhaft ist. Aber erzählerisch ist der Roman sehr gelungen. Hohlbein nimmt sich Zeit und erlaubt dem Leser auch einen langen Blick auf die Kindheit von Herman Webster Mudgett: Etwa wie er zunächst von anderen Kindern gehänselt wird, sich dann aber – sehr blutig und mit ersten Anzeichen auf seine spätere Karriere als Serienmörder – Respekt verschafft.

Doch Hohlbein schlüsselt nicht nur Mudgetts Biographie präzise auf, sondern er hat auch die Zeitumstände ordentlich recherchiert. So werden auch die beschriebenen Schauplätze vor den Augen der Leser hervorragend lebendig, wenn Droschken über das Kopfsteinpflaster rattern, Dirnen in den Tavernen ihre Liebesdienste anbieten oder sich allerlei zwielichtiges Volk in den Gassen tummelt. Nicht umsonst war die Stadt damals lange Zeit nur als „Schlachthof der Nation“ bekannt.

Indes: Für zimperliche Leser ist das Buch eher nicht geeignet, weil es schon ordentlich blutig zur Sache geht. Und auch hier beweist Hohlbein sein Faible für Präzision, denn selbst die Morde werden sehr detailreich beschrieben. Da Mudgett manche seiner Opfer danach noch in Säure auflöste, um ihre Skelette an Universitäten und Arztpraxen zu verkaufen, muss man als Leser schon die eine oder andere Scheußlichkeit ertragen.

Lesenswerter, historischer Horror-Schmöker

Insgesamt ist Hohlbein mit seinem Roman ein lesenswerter, historischer Horror-Schmöker geglückt. Die Protagonisten sind interessant und psychologisch nachvollziehbar gezeichnet, vor allem die fabelhafte Figur von Herman Webster Mudgett. Aber auch die von Arlis Christen und dem anfangs ziemlich unsympathischen Frank Geyer, den es übrigens tatsächlich gegeben hat, sind gelungen. Lesen Sie diesen Roman, und wenn er Ihnen besonders nahe geht, werden Sie möglicherweise bald die Wände Ihrer Hotelzimmer mit den Fäusten abklopfen, bevor Sie sich dort sicher fühlen. In jedem Fall aber haben Sie sich von einem versierten Schriftsteller eine wirklich gute Geschichte erzählen lassen.

Wolfgang Hohlbein: Mörderhotel, Bastei Lübbe Verlag, Köln, 2015, 847 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3785725481, Leseprobe

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Ich, der MörderMorde üben immer wieder eine seltsame Faszination aus – zahlreiche Bücher und Filme beschäftigen sich etwa mit dem perfekten Mord. Daneben existieren diverse Darstellungen über den Mord als (schöne) Kunst und Frage der Ästethik. Emilio Rodriguez, Professor für Kunstgeschichte an der Universität des Baskenlandes und Protagonist der raffinierten Graphic Novel „Ich, der Mörder“, frönt aktiv dieser besonderen Leidenschaft: dem Morden als Kunstform. Antonio Altarriba und dem Zeichner Keko ist ein philosophisch dichter, aber auch mit vielen Abzweigungen versehener Comic gelungen, der Mühe macht, und sich dennoch zu lesen lohnt.

Rodriguez ist 53 Jahre alt und leitet neben seiner Lehrtätigkeit eine Forschungsgruppe zur Darstellung der Folter in der westlichen Malerei. Er ist verheiratet, hat eine Affäre mit einer seiner Studentinnen und reist ansonsten quer durch Spanien, um aus seiner Sicht ästethisch wunderbare Kunstwerke zu schaffen. „Töten ist kein Verbrechen“, sagt er zu Beginn. „Töten ist eine Kunst.“ Die jedoch sei erst dann möglich, wenn der Mord willkürlich geschehe, nie aus persönlichem Nutzen, nie am selben Ort, und die Opfer mal Mann, mal Frau, jung und alt, arm und reich sind.

Der Leser begleitet Rodriguez von den Anfängen seiner schauderhaften Kunst bis in die Gegenwart, nicht linear erzählt, sondern in Zeitsprüngen. Die Kunst des Mordes bleibt dabei immer vorherrschendes Thema. Der Autor, der selbst Professor für französische Literatur an der Universität des Baskenlandes ist, verknüpft mit der Handlung unterschiedliche kunsttheoretische Diskussionen sowie die politische Frage der Unabhängigkeit des Baskenlandes. Das kann manchenorts ermüdend wirken, denn der Autor hält sich mit seinem Wissen nicht gerade zurück. „Ich, der Mörder“ ist also kein reiner Krimi- und Thriller-Plot, sondern begeistert vor allem durch die philosophische Fachsimpelei.

„Der Mord, als eine schöne Kunst betrachtet“

Dass das Morden eine Kunst sein kann, hat schon der englische Schriftsteller Thomas de Quincey erkannt. In dessen 1827 erschienenen, schwarzhumorigen Essay „Der Mord, als eine schöne Kunst betrachtet“ gibt er einer fiktiven Runde von Londoner Mordliebhabern einen Überblick über die Kunstgattung des Mordes, die ganz eigenen ästethischen Regeln folgt. Dieser Idee fühlt sich auch Rodriguez verpflichtet. Jedem seiner Morde gibt er einen Titel: „Bloody Painting“, „Blood, Sweat & Tears“ oder „Der Puzzle-Mord“. Kein Mord ist wie der andere, unbeweisbar und folgenlos sollen sie sein. Er ist nicht Serienmörder, sondern „Exklusivmörder“ – so sieht er sich selbst. Das geht erstaunlich lange gut. Doch plötzlich scheint ihm gerade sein Ruf als Experte für Grausamkeit in der Malerei zum Verhängnis zu werden, denn es tun sich merkwürdige Parallelen zu einem Mordfall auf, in dem die Polizei ermittelt.

Eine Graphic Novel reduziert sich nie nur auf den Text, sondern wirkt und lebt durch die Koexistenz von Zeichnung und Text. Der spanische Zeichner José Antonio Godoy – Keko ist sein Pseudonym – hat der Kunst- und Mordgeschichte den passenden Rahmen gegeben. Die Graphic Novel ist durchweg schwarzweiß gezeichnet, wobei die schwarzen Flächen überwiegen und eine düstere Grundstimmung erzeugen. Doch sobald rote Dinge ins Spiel kommen, sind sie deftig rot gezeichnet. Das kann ein Apfel oder ein Strauß Rosen sein, fast immer aber ist es Blut. Mal nur ein Tropfen, mal ein ganzer Schwall. Es erinnert in seiner Symbolik an die „Dorian Gray“-Verfilmung von Albert Lewin aus dem Jahr 1945, die hauptsächlich als Schwarzweißfilm gedreht wurde. Nur das Bildnis des Dorian Gray ist als einziges Objekt mehrmals in Farbe zu sehen. So sind auch Godoys Zeichnungen der papiergewordene Schwarzweiß-Film ganz großer Klasse.

„Ich, der Mörder“ ist ein anspruchsvolles Werk, kein Pageturner, der sich rasant lesen lässt. Wer das sucht, sollte sich anderen Büchern zuwenden. Wer sich aber gerne intellektuell auf hohem Niveau unterhält, an verschiedenen Kunstströmungen interessiert ist und einer Graphic Novel die Chance lässt, selbst komplexes Kunstwerk zu sein, sollte sich Altarribas und Kekos bereits preisgekrönte Version des Kunstmords ansehen.

Antonio Altarriba/Keko: Ich, der Mörder, Avant-Verlag, Berlin, 2015, 136 Seiten, gebunden, 24,95 Euro, ISBN 978-3945034323, Leseprobe

Seitengang dankt dem Avant-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

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Die Würde ist antastbarDer Strafverteidiger und Schriftsteller Ferdinand von Schirach hat 13 seiner im Spiegel erschienenen Essays zu einem neuen Werk zusammengefasst. Allein aufgrund der deutlichen Ausführungen zu Recht und Menschenwürde gehört die Sammlung mit dem Titel „Die Würde ist antastbar“ in vieler Leute Hände.

Von Schirachs Erzählbände „Verbrechen“ und „Schuld“ sowie seine beiden bisher veröffentlichten Romane „Der Fall Collini“ und „Tabu“ umkreisen stets dieselben Themen: Schuld, Sühne, Verbrechen, Strafe und Moral. Als ehemaliger Strafverteidiger hat er das zum Sujet seiner Bücher gemacht, was sein tägliches Brot war, bevor er sich für den Hauptberuf des Schriftstellers entschied. Auch in seinem Essayband „Die Würde ist antastbar“ bleibt er seinen Themen treu.

Und so beginnt er seinen Band wie das Grundgesetz mit der Würde des Menschen. Was das eigentlich sei, diese Würde. Die Antwort gibt er selbst und verweist auf Kant und Schopenhauer und darauf, dass es laut Verfassung genüge, ein Mensch zu sein, um Würde zu besitzen. „Wenn nun über einen Menschen bestimmt wird, ohne dass er darauf Einfluss nehmen kann, wenn also über seinen Kopf hinweg entschieden wird, wird er zum Objekt. Und damit ist klar: Der Staat kann ein Leben niemals gegen ein anderes Leben aufwiegen. Keiner kann wertvoller sein als ein anderer.“ Dieser Grundsatz jedoch werde immer mehr in Frage gestellt, erklärt von Schirach. Als Beispiele nennt er Barack Obamas Befehl, Osama bin Laden zu töten, oder dessen Ankündigung, Guantanamo zu schließen. Vier Jahre danach aber habe sich daran nichts geändert: Noch immer würden dort Menschen gefangen gehalten und gequält.

Die Würde wird mit Füßen getreten

Auch für Deutschland benennt er Fälle, in denen die Würde des Menschen auf der Strecke bleibt: Im Fall des Kindermörders Magnus Gäfgen entschied der stellvertretende Polizeipräsident Frankfurts, Wolfgang Daschner, Gäfgen sollte Folter angedroht werden, damit er den Aufenthaltsort seines Opfers preisgibt. Daschner ging damals davon aus, dass der 11-jährige Junge noch lebte. Das zog eine Grundsatzdiskussion nach sich, ob unter bestimmten Umständen die Androhung von Folter verhältnismäßig sei. Von Schirach macht unmissverständlich klar, dass hier und in weiteren Fällen nicht mehr nur die Würde nicht angetastet, sondern sogar mit Füßen getreten werde. Denn auch die „Fürchterlichsten“, wie er Gäfgen in einem weiteren Essay nennt, besitzen Würde. Das wird tatsächlich allzu gern vergessen.

Absolut lesenswert ist der Essay mit der Überschrift „Du bist, wer du bist“, in dem sich von Schirach mit seinem Großvater beschäftigt. Baldur von Schirach war einer der obersten Nationalsozialisten und verantwortlich für die Deportation der Wiener Juden in die Vernichtungslager. In den Nürnberger Prozessen wurde er wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 20 Jahren Haft verurteilt. Er starb 1974 in Kröv an der Mosel. Weil Ferdinand von Schirach vor allem von Journalisten immer wieder mit Fragen nach seinem Großvater gelöchert wird, will er mit diesem Essay ein für alle Mal deutlich machen, warum er darauf stets keine Antworten hat. Dem Text ist deutlich anzumerken, wie fremd dem Enkel dieser Mann war, der doch sein Großvater sein sollte. „Mein Großvater war ein alter Mann mit einer Augenklappe, den ich nicht kannte“, schreibt von Schirach. Und: „Ich habe nie begriffen, warum mein Großvater der wurde, der er war.“ Gesprochen aber haben die beiden nie über das Thema. Und so ist Ferdinand von Schirach auch heute noch ratlos, absolut ratlos. Aber was von Schirach über die Schuld seines Großvaters schreibt, ist eindringlich und eine deutliche Antwort auf viele Fragen.

Es finden sich in diesem Sammelband jedoch auch Essays, die seltsam anmuten. An erster Stelle sei da jener Text mit dem Titel „Die Kunst des Weglassens“ erwähnt. Darin erklärt von Schirach seinen Lesern, warum das iPad die Zukunft des Lesens sei. Leider liest sich der Text wie eine Werbebroschüre von Apple, nicht aber wie ein fundierter Essay über die Zukunft des Lesens. Die Kunst des Weglassens hätte von Schirach hier lieber selbst beherzigen und diesen Text weglassen sollen.

Jammern auf hohem Niveau

Ähnlich fragwürdig ist der Text mit dem Titel „Weil wir nicht anders können: Über das Schreiben“. Da geht es ihm zunächst um das Urheberrecht und die Frage, ob E-Book-Tauschbörsen legalisiert werden sollen. Dann aber bekennt er sein Unverständnis darüber, „warum Schriftsteller ihre Bücher selbst vermarkten sollen“. Das verführt ihn dazu, von seinem eigenen Weg in die Schriftstellerei zu berichten. Wie er zunächst des Nachts am Schreibtisch saß, weil er nicht schlafen konnte, und bei Zigaretten, Kaffee und dem fahlen Bildschirmlicht Geschichten aus seinem Anwaltsleben niederschrieb. Wie er dann sofort einen Verlag fand („Wir machen das Buch.“), sich mit der Lektorin an die Manuskript-Bearbeitung machte und nach Erscheinen des Buchs auf Lesereise ging. Für seine Termine im Ausland, das Buch war mittlerweile auch dorthin verkauft worden, sorgte sein Verlag. „Nichts davon hätte ich selbst machen können.“ Das ist wahrlich Jammern auf hohem Niveau – und das Erschreckende ist, dass von Schirach so naiv zu sein scheint, dass er von seiner Ausnahmerolle nicht ansatzweise etwas ahnt.

Nein, von Schirach erkennt für sich: „Ein Buch entsteht also nicht nebenbei. Der Vorschlag, Schriftsteller sollten sich selbst auch noch um die Verwertung kümmern, ist absurd. Sie sollen schreiben, ihre Bücher müssen andere verkaufen.“ Von Schirach verkennt hier aber, dass viele andere Autoren genau das nach dem Schreiben ihres Buches auch noch tun müssen. Von der Krimi-Bestseller-Autorin Nele Neuhaus ist etwa bekannt, dass sie ihr erstes Buch „Unter Haien“ im Selbstverlag herausgab und sich – natürlich – um Werbung und Vermarktung selbst kümmern musste. Auf ihrer Webseite beschreibt sie sehr eindrücklich den langen, steinigen Weg inklusive „Klinkenputzen bei Buchhändlern in der Umgebung, die Erstellung einer eigenen Webseite, Lesungen vor manchmal nur zwei oder drei Leuten, Kontakte zur Presse aufbauen“. Von Schirach hat das alles nie erfahren müssen. Erschreckend aber ist, dass sich sein Blick dafür nicht weitet, sondern unwissende Leser Glauben macht, sein Weg sei der übliche.

Die Essays der Sammlung „Die Würde ist antastbar“ sind erstaunlich aktuell geblieben, obwohl sie aus den Jahren 2010 bis 2013 stammen. Was sie außerdem auszeichnet, ist die typische Schreibart, die von Schirachs Texte auch bei juristischen Zusammenhängen lesbar hält: Kurze Hauptsätze, nüchtern und sachlich, aber weit davon entfernt, spröde zu wirken. Nach seinem missglückten zweiten Roman „Tabu“ zeigt dieser Essayband einmal mehr: Von Schirachs Können liegt in der Kürze. Das ist wahrhaft geistreicher Genuss!

Ferdinand von Schirach: Die Würde ist antastbar, Piper Verlag, München, 2014, 143 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 16,99 Euro, ISBN 978-3492056588

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