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Posts Tagged ‘Alkohol’

neonregenEndlich haben die deutschen Leser James Lee Burke für sich entdeckt. Schon in den 90er Jahren gab es Versuche, den US-amerikanischen Autor auf dem deutschen Buchmarkt zu etablieren – ohne durchschlagenden Erfolg. Jetzt scheint seine Zeit gekommen zu sein. Dem kleinen Pendragon-Verlag aus Bielefeld gebührt dabei alle Ehre, denn dort werden in den nächsten Jahren alle 20 Bände der Dave-Robicheaux-Reihe erscheinen, teilweise erstmalig auf Deutsch. Mit „Neonregen“ ist im Sommer 2016 der Band veröffentlicht worden, in dem der eigenwillige Krimi-Held zum ersten Mal die Bildfläche betritt. Sie sind Hardboiled-Fan? Dann sollten Sie das gelesen haben!

Dave Robicheaux ist Lieutenant beim New Orleans Police Department und bekommt von einem zum Tode Verurteilten den Hinweis, dass die kolumbianische Drogenmafia zu gerne seinen Kopf hätte. Der Organisation ist nämlich sauer aufgestoßen, dass Robicheaux vor einiger Zeit die Leiche einer jungen Frau aus dem Wasser gezogen hat, die die Mafia da so sicher versenkt geglaubt hatte. Ziemlich ärgerliche Sache für die Mafia, denn Robicheaux hat Lunte gerochen und ermittelt jetzt gegen alle Widerstände, auch gegen die der CIA. Mit seinem besten Freund Clete Purcel macht er den bösen Jungs und Querschlägern aus den eigenen Reihen deutlich: So läuft das hier nicht!

Und Robicheaux ist wirklich ein Held, ein toller Kerl und ein feiner Mann zugleich. Vietnam-Veteran und Kenner der englischen Literatur. Ein harter Hund mit Idealismus. Lebenssüchtig, aber auch alkoholkrank und deshalb eher für Softdrinks zu haben. Und die fantastischen Beschreibungen des Aufgießens eines Dr. Peppers in ein mit Crushed Ice aufgefülltes Glas macht unbändige Lust, es dem Ermittler gleichzutun. Wer sie beim Lesen nicht spürt, dem entgehen womöglich auch die anderen intensiven Fabulierkünste Burkes. Der Autor vermag es, über mehrere hundert Seiten ein bildgewaltiges Kopfkino zu erzeugen, das mitunter allerdings auch recht blutig und brutal ausfällt. Zimperliche Seelen sollten deshalb hier eher nicht zugreifen. Nicht umsonst gehören die Robicheaux-Krimis zum Hardboiled-Genre.

Chronist der Zeitgeschichte

Nicht unerwähnt bleiben darf, dass Burke auch ein Chronist der Zeitgeschichte ist, denn seine Bücher spiegeln immer die aktuelle politische Lage wieder. In „Neonregen“, den Burke erstmalig 1987 veröffentlichte, ist die Iran-Contra-Affäre das wichtige Thema. Die Contras waren eine Guerilla-Bewegung in Nicaragua, die gegen die sozialistische Regierung kämpfte. Zur Unterstützung leitete die damalige US-Führungsspitze unter Ronald Reagan Gelder aus geheimen Waffengeschäften mit dem Iran an die Contras weiter. Die wiederum hatten jahrelang tonnenweise Kokain in die USA geschmuggelt, was die CIA auch wusste, aber dagegen nichts unternahm.

Die Robicheaux-Reihe sollte man natürlich mit „Neonregen“ beginnen. Der Pendragon-Verlag hat bereits Band 2 der Reihe veröffentlicht („Blut in den Bayous“). Dann aber wird’s schwierig mit der Lesereihenfolge, denn bisher sind ansonsten nur „Mississippi Jam“ (Band 7, zur Rezension) und „Sturm über New Orleans“ (Band 16) erschienen. Ein Manko? Nein, die unsortierte Veröffentlichung ist nicht hinderlich für den Lesegenuss, denn Robicheauxs persönliche Historie wird in jedem Roman ausreichend erklärt. Greifen Sie zu!

James Lee Burke: Neonregen. Ein Dave-Robicheaux-Krimi (Band 1), Pendragon Verlag, Bielefeld, 2016, 432 Seiten, Taschenbuch, 17 Euro, ISBN 978-3865325488

Seitengang dankt dem Pendragon-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

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Mississippi JamWie Phönix aus der Asche steigt seit einiger Zeit der US-Autor James Lee Burke auf dem deutschen Buchmarkt auf und wird hier – endlich! – gefeiert. Nach weniger erfolgreichen Versuchen der Verlage Ullstein und Goldmann in den 90er Jahren, ihn den deutschen Lesern schmackhaft zu machen, gelingt das nun dem Heyne-Verlag, vor allem aber dem Bielefelder Kleinverlag Pendragon. Letzterer hat es sich zur Aufgabe gemacht, alle 20 Bände der Dave-Robicheaux-Reihe zum Teil erstmals auf Deutsch herauszubringen. Eine wahre Wucht von nervenaufreibendem Hardboiled-Krimi ist der 588-Seiten-Wälzer „Mississippi Jam“.

Das Buch ist unbedingt zu empfehlen – das weiß man besser, bevor man etwas über den Plot erfährt. Es klingt einfach geradezu hanebüchen: 1942 soll vor dem Mississippi-Delta ein U-Boot der Nazis gesunken sein, an Bord ein sagenumwobener Nazi-Schatz. Einige zwielichtige Schatzsucher wollen das Wrack rund 50 Jahre später bergen, und niemand Geringeres als ausgerechnet Dave Robichaeux weiß, wo das Ding liegt. Robicheaux ist Detective und Bootsverleiher mit Anglerladen in New Orleans, hat mittlerweile einiges auf dem Kerbholz, Vietnam-Erfahrungen und Alkohol-Narben, aber immerhin eine tolle Frau, seine dritte.

Ja, er ist ein ziemlich harter Hund, und dennoch erschüttert es ihn, als ihm nicht nur die städtischen Gangster auf den Pelz rücken, sondern auch noch der skrupellose Neo-Nazi Will Buchalter deutlich macht, dass auch er ein intensives Interesse an dem U-Boot hat. Man könnte jetzt sagen: komm, das ist eine schöne Südstaaten-Posse. Aber „Mississippi Jam“ geht empfindlich darüber hinaus. Denn was der Nazi-Psychopath da so abliefert, gehört zu den krassesten gewaltlosen Wunden, die man so schlagen kann. Und damit nicht genug. James Lee Burke ist ein famoser Fabulierer! Wie er die rivalisierenden Milieus der Stadt zeichnet und den florierenden Drogenhandel, den Rassismus und Judenhass, und wie liebevoll und gleichzeitig erbarmungslos er Menschen beschreibt, das ist literarisch auf hohem Niveau. Sie werden außerdem selten so intensive und mitreißende Schilderungen der Louisiana-Landschaft und ihrer Wetterumschwünge gelesen haben wie in „Mississippi Jam“.

Schneise der Verwüstung im Garten Eden

Und dann sind manche Passagen auch perfekte Vorlagen für das eigene Kopfkino. Allein die Szene, wie Robicheauxs bester Freund Clete Purcel ins Führerhaus einer Planierraupe steigt und damit eine Schneise der Verwüstung durch den Garten Eden und die Villa eines Mafiosos zieht, ist wahrlich eine Pracht und muss eigentlich auch auf die große Leinwand. Burke kommentiert lapidar: „Die Römer in Karthago konnten ihre Sache kaum besser und gründlicher gemacht haben.“ Viele andere Szenen könnten auch einer Tarantino-Idee entstammen, das heißt, man muss als Leser schon gewalttätige und blutige Auseinandersetzungen in Krimis mögen, um das Buch nicht zur Seite zu legen.

Burke hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er Robicheaux nach seinem Vorbild geschaffen hat. Wie sein Krimi-Held hat auch der 79-jährige Burke eine Alkoholvergangenheit und wie sein Alter Ego wohnt er in der Stadt New Iberia nordwestlich von New Orleans. Sein Held ist nur nicht so mit renommierten Preisen überhäuft, darunter als einer von wenigen Autoren gleich zwei Mal mit dem Edgar-Allan-Poe-Award und mit dem Hammett Prize.

Seit 1987 hat Burke insgesamt 20 Bände für die Robicheaux-Reihe geschrieben. Der Bielefelder Pendragon-Verlag hat indes angekündigt, sie in den nächsten Jahren nach und nach auf Deutsch zu veröffentlichen, allerdings nicht chronologisch. „Mississippi Jam“, im amerikanischen Original 1994 als „Dixie City Jam“ veröffentlicht, ist der siebte Band. Zuvor ist mit „Sturm über New Orleans“ („The Tin Roof Blowdown“, 2007) schon Band 16 erschienen. Ganz neu hat Pendragon im Juli Band 1 („Neonregen“) der Reihe in einer überarbeiteten Übersetzung herausgegeben. Die unsortierte Veröffentlichung ist im Übrigen nicht hinderlich für den Lesegenuss, denn Robicheauxs persönliche Historie wird in jedem Roman ausreichend erklärt.

Dem Verlag aus Bielefeld ist jetzt Durchhaltevermögen zu wünschen, auf dass irgendwann tatsächlich alle 20 Bände über den hartgesottenen Sheriff auf Deutsch und in ansprechender Übersetzung vorliegen. Das wäre eine Pracht für alle Hardboiled-Fans, und für die Burke-Fans ohnehin. Dieser Mann ist einfach ein Könner seines Genres, und es wird Zeit, dass die deutschen Leser das endlich erkennen. Vielleicht braucht es einfach einen neuen alten Kult-Krimihelden. Voilà, dürfen wir vorstellen? Dave Robicheaux.

James Lee Burke: Mississippi Jam, Pendragon Verlag, Bielefeld, 2016, 588 Seiten, broschiert, 17,99 Euro, ISBN 978-3865325273, Leseprobe

Diese Rezension ist in gekürzter Fassung auch im Wochenendmagazin der Neuen Westfälischen (Samstag/Sonntag, 3./4. September 2016) erschienen.

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Die Kunst Champagner zu trinken„I think, we’ll have champagne with the bird“, sagt Miss Sophie bei „Dinner for one“, und Champagner ist nur eines von vielen Getränken an diesem denkwürdigen Abend. Dass Champagnertrinken nicht nur die feinperlige Lust der Schönen und Reichen ist, sondern vielmehr eine Kunst und ein Wagnis, das lehrt uns die französische Autorin Amélie Nothomb literarisch und erbarmungslos mit ihrem neuen Roman „Die Kunst, Champagner zu trinken“.

Nothomb ist bekannt dafür, dass ihre Romane oft autobiographisch geprägt sind. In ihrem aktuellen Buch macht sie daraus noch weniger einen Hehl als sonst, denn die Protagonistin heißt schlichtweg Amélie und ist erfolgreiche Schriftstellerin in Paris. Man darf es als Können respektive als Kunst bezeichnen, wenn einer Schriftstellerin es so famos gelingt, dem Leser das Gefühl zu geben, er folge tatsächlich der Autorin und als befände er sich höchstpersönlich in einer Folge der Arte-Serie „Durch die Nacht mit…“.

Bei einer Lesung lernt Amélie die 22-jährige Pétronille kennen, eine Frau, die aussieht wie ein fünfzehnjähriger Junge. Beide eint nicht nur das Interesse für Literatur, sondern vor allem das Faible für Champagner. Schon bei ihrer nächsten Begegnung schlürfen sie einen Brut von Roederer, während um sie herum Kaffee getrunken wird. Nothomb bemerkt dazu: „Frankreich ist jenes Zauberreich, wo Ihnen in der gewöhnlichsten Kneipe jederzeit ein ideal temperierter großer Champagner serviert werden kann.“

Die Liebe zum Champagner ist eine unbedingte

Amélie ist angetan von Pétronille, nicht zuletzt, weil sie weder snobistisch ihren Champagner trinkt, noch die unpassend vom Garçon dazu gereichten Erdnüsse isst. Pétronille genießt nur. Die Liebe zum Champagner ist eine unbedingte. Für sie braucht es Mitstreiter, Mitgenießer, Hedonisten, mit denen der Rausch Seite an Seite zelebriert werden kann. Hat Amélie in Pétronille die trink- und genusslustige wie -süchtige Begleiterin gefunden? Und hat Pétronille dagegen mit Amélie die Mentorin entdeckt, die ihr, der baldigen Literatur-Debütantin, auf die Sprünge hilft? Aus dem Für und Wider dieser Konstellation hätte sich etwas mehr Reiz entwickeln können.

Dennoch ist „Die Kunst, Champagner zu trinken“ schon deshalb ein wahnsinnig faszinierendes Buch, weil Nothomb einfach ein Händchen hat für befremdliche Situationen. Ganz und gar wunderbar gelingt ihr etwa die Beschreibung einer Begegnung mit Vivienne Westwood, der Erfinderin der Punk-Mode, die sie bei einem Interview-Termin völlig lässig links liegen lässt und dann sogar noch mit ihrem Hund Gassi gehen schickt. Das ist von wahrlich feinem Witz! Von dezent beobachteter Dekadenz dagegen zeugt eine Szene auf der Skipiste, die Amélie und Pétronille mit einer Champagnerflasche in der Hand statt mit Skistöcken hinunterrasen. Was kostet die Welt? Und ist sie nicht vergänglich wie das Perlen einer geöffneten Champagnerflasche? Wer wird uns denn einen kleinen Rausch verwehren?

Dass jeder alkoholische Zaubergarten aber auch eine Klippe hat, über die sich trefflich stürzen und fallen lässt, das verschweigt Nothomb nicht. Und plötzlich schmeckt alles wie eine Flasche, die viel zu lange geöffnet in der Sonne gestanden hat. Aber auch dieser letzte Schluck, die Neige, gehört dazu, zum Roman, zum Leben, und zum Gelage, das das Leben jedem von uns bietet.

Einen Toast auf den Champagner

„Die Kunst, Champagner zu trinken“ ist ein feines, kleines Büchlein, das niemand unbedacht an vermeintliche Champagnertrinker verschenken sollte. Vielmehr gilt es, den Leser unter den Bonvivants und Hedonisten zu suchen, der den feinen Stoff des Schaumweins zu goutieren versteht. Und ist man selbst ein solcher, dann sei schnell eine Flasche Schampus mit dem Degen geköpft und die Lektüre zu einem vergnüglichen Genuss herbeigereicht. Einen Toast auf den Champagner: Lass uns stets Freunde bleiben, oder zumindest bis zur Neige dieser Flasche! Santé, was für ein Kleinod von Champagner-Roman!

Amélie Nothomb: Die Kunst, Champagner zu trinken, Diogenes Verlag, Zürich, 2016, 144 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3257069617, Leseprobe

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Girl on the TrainWie konnte „Girl on the Train“ nur ein Bestseller werden? Es erinnert an allen Ecken und Kanten an Gillian Flynns Bestseller „Gone Girl“, kann aber mit dem Vorbild an Raffinesse und Spannung überhaupt nicht mithalten. Hintergründig betrachtet, ist „Girl on the Train“ das Produkt einer perfekten Werbemaschinerie. Immerhin aber gelingt der Autorin Paula Hawkins bei der Protagonistin des Romans die vortreffliche Darstellung einer alkoholkranken Frau.

Jeden Morgen fährt Rachel mit dem Zug nach London, und jeden Morgen hält der Zug an derselben Stelle auf freier Fläche an. Dann geht ihr Blick zum Fenster hinaus und hinüber zur Wohnsiedlung, die direkt an die Bahngleise grenzt. Früher hat sie dort auch gewohnt, mit ihrem Mann, glücklich, in der kleinen Vorstadtidylle. Jetzt wohnt eine neue Frau bei ihrem Ex-Mann, sie haben ein kleines Kind zusammen, und Rachel kommt und kommt nicht los von ihrem Tom, der nicht mehr ihrer ist. Und weil sie das Leben derzeit so deprimiert, sehnt sie sich nach Liebe, Zuneigung, Geborgenheit und projiziert all diese Wünsche auf ein junges Paar, das sie nicht kennt. Sie nennt sie Jess und Jason.

Beide wohnen ebenfalls in der kleinen Wohnsiedlung an den Bahngleisen. Und jedes Mal, wenn Rachels Zug dort halten muss, beobachtet sie das Leben der beiden. Vieles malt sie sich aus, einiges aber kann sie auch aus dem Fenster sehen. Eines Tages bricht das Bild einer perfekten Liebe entzwei, denn Rachel beobachtet eine Szene, die sie in Mark und Bein erschüttert. Wenig später liest sie in der Zeitung von einem Vermisstenfall – daneben ein Foto von ihrer Jess. Für Rachel steht außer Frage, dass sie ihre Beobachtungen nicht für sich behalten sollte und begibt sich nicht nur dadurch in Gefahr.

Nach 32 Seiten drängt sich der Vergleich auf

Das klingt zunächst einmal nach einem soliden Thrillerplot. Nach 32 Seiten aber drängt sich zunehmend der Vergleich mit „Gone Girl“ auf, denn der Roman wird nicht nur aus Rachels Sicht erzählt, sondern auch aus der von Megan, die man bis dahin nur unter dem Namen „Jess“ kennt. Megans Erzählung aber beginnt ein Jahr zuvor und bewegt sich auf das Jetzt zu, während Rachels Erzählstrang linear in der Gegenwart verläuft. Das kennen Leser bereits von „Gone Girl“: Dort ist es der Ehemann, der die Gegenwart erzählt, und aus dem Tagebuch der verschwundenen Ehefrau erfahren die Leser, was zuvor passiert ist. Beide Erzählstränge wechseln sich auch bei „Gone Girl“ immer wieder ab. Doch die Konstruktion des Romans ist nicht die einzige Parallele. Die englischen Romantitel sind in beiden Fällen auch in der deutschen Übersetzung beibehalten worden und klingen zumindest so ähnlich, dass es wohl eher kein Zufall ist. Auch beide Covergestaltungen ähneln sich in Farbe und Typographie.

Der Verlag Blanvalet, der zur Verlagsgruppe Random House gehört, hat zur Veröffentlichung eine große Werbekampage gefahren, die ihre Wirkung offensichtlich nicht verfehlt hat, denn auch in Deutschland kletterte das Buch in den Bestsellerlisten nach oben. Besucher der Bertelsmann-Party 2015 in Berlin fanden in ihren Überraschungstüten ein Exemplar von „Girl on the Train“ – ein geschickter Werbe-Schachzug, um das Buch auch unter den Promi-Multiplikatoren zu verbreiten. Doch kann man das Bertelsmann und Blanvalet wirklich vorwerfen? So funktioniert die Buchbranche nun mal.

Was man dem Roman jedoch lassen muss, ist die hervorragende und zum Fremdschämen geeignete Darstellung der alkoholkranken Rachel. Alkohol ist hier kein Genussmittel mehr, was sich schon daran erkennen lässt, dass sie Gin & Tonic fertig gemischt aus Dosen trinkt. Im Grunde ist Rachel ständig sturzbetrunken und weiß oft am Morgen nicht mehr, was sie in der Nacht so alles angestellt hat, nachdem sie sich am Laden um die Ecke noch eine Flasche Wein gegönnt hat. Oft hat sie dann ihren Ex-Mann angerufen und gebettelt, dass er sie doch wieder lieben solle. Der aber macht sie stattdessen runter und stürzt sie damit noch weiter in die Abhängigkeitsspirale. Hin und wieder redet sie sich ein, keinen Alkohol mehr zu trinken und sich einen neuen Job zu suchen, doch der Vorsatz hält manchmal wenige Tage, häufig jedoch nur wenige Stunden und ein paar Enttäuschungen, bis sie wieder zum Hochprozentigen greift.

Wer kann ihr glauben?

Alkoholisiert ist sie aber die denkbar schlechteste Zeugin für ein mögliches Verbrechen. Wer kann ihr glauben, wenn sie Träume für die Realität hält und ihr allzu oft eine Alkoholfahne vorausflattert? Paula Hawkins stellt das alles hervorragend und sehr eindringlich dar. Auch den Leser führt sie damit gerne an der Nase herum, so dass durch die verschiedenen Sichtweisen immer mehr mögliche Perspektiven und Tatvarianten ins Spiel kommen. Das ist durchaus gut gemacht.

Was bleibt, ist also eine ganz solide Thrillerhandlung, verbunden mit einer ausgezeichneten Darstellung des Alkoholismus. Von Paula Hawkins darf man sicher noch mindestens einen weiteren Roman erwarten, denn die in Simbabwe aufgewachsene Autorin wird wohl gerne an ihren Erfolg anknüpfen wollen. Hawkins arbeitete fünfzehn Jahre lang als Wirtschaftsjournalistin, bevor sie unter dem Pseudonym Amy Silver mit dem Schreiben von Liebesromanen begann. „Girl on the Train“ ist ihr erster Roman unter ihrem Klarnamen. Die Filmrechte hat sich Dreamworks gesichert, und am 7. Oktober 2016 kommt der Film schon in die amerikanischen Kinos. Die Rolle von Rachel hat die britisch-US-amerikanische Schauspielerin Emily Blunt („Der Teufel trägt Prada“, „Lachsfischen im Jemen“) übernommen.

Paula Hawkins: Girl on the Train – Du kennst sie nicht, aber sie kennt dich, Blanvalet Verlag, München, 2015, 447 Seiten, broschiert, 12,99 Euro, ISBN 978-3764505226, Video-Buchtrailer, Leseprobe

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Mr MercedesStephen King schreibt Bücher am laufenden Band, und viele von ihnen sind auch noch richtig gut. Zuletzt hat er mit seiner Frankenstein-Adaption „Revival“ überzeugt, jetzt ist er zurück – mit einer Thriller-Trilogie über einen pensionierten Cop, der den Ruhestand satt hat. Gleichzeitig erfindet King auch das skurrilste Ermittler-Trio, das die Horror-Welt je gesehen hat.

„Oh, Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz“ sang Janis Joplin einst über das illusorische Glück, das materielle Güter wie teure Autos und Farbfernseher versprechen. Ähnlich illusorisch ist auch die Hoffnung der Menschen, die sich eines Morgens vor dem City Center versammeln, um bei der Jobbörse einen den wenigen Arbeitsplätze der Stadt zu ergattern. Spätestens in dem Moment, als ein dicker Mercedes S 600 in die wartende Menge prescht und dadurch acht Menschen tötet und dutzende verletzt, ist jegliches Glück zunichte gemacht und der Ort der Hoffnung ein Ort des Grauens. Der Fahrer entkommt. Und obwohl die Polizei emsig ermittelt, fassen sie den Täter nicht.

Als Detective Bill Hodges in den Ruhestand geht, ist der Fall des Mercedes-Killers einer der wenigen, die er nicht zum Abschluss bringen konnte. Umso überraschter ist er, als er sechs Monate nach der Pensionierung einen Brief von dem Mann erhält. Höhnisch wirft der Killer ihm Versagen vor, er stichelt und spottet. Der Brief erreicht Hodges zu einem Zeitpunkt, als der gerade frustriert über Selbstmord nachdenkt und mit dem Revolver seines Vaters herumspielt. Die Pensionierung bekommt ihm nicht, seine Tage verbringt er hauptsächlich vor dem Fernseher. Mit Bier oder Whiskey. Der Brief aber setzt den Wendepunkt, und es beginnt der nervenaufreibende Machtkampf zwischen dem Ex-Cop Hodges und dem Mercedes-Killer.

Ungesundes, inzestuöses Verhältnis zur Mutter

Dem Leser wird schnell klar, dass „Mr. Mercedes“ kein klassischer „Wer hat’s getan?“-Krimi ist, denn den Killer lernen wir schnell kennen. Brady Hartfield ist 28 Jahre alt, wohnt noch bei seiner Mutter, hat zu ihr ein ungesundes, inzestuöses Verhältnis und ist ansonsten eine kleine Intelligenzbestie, wenn es um Technik und Computerdinge geht. Weil es der Großstadt im Mittleren Westen der USA wirtschaftlich nicht so prächtig geht, schuftet Hartfield in zwei Jobs, um auch für seine alkoholkranke Mutter zu sorgen.

Mit Brady Hartfield hat Stephen King ein Monster erschaffen, das zu schocken vermag, obwohl es nicht die über üblichen übernatürlichen oder paranormalen Kräfte verfügt. Gleichzeitig erinnert sein unscheinbarer Mörder an Fälle der realen Welt, in denen vor allem junge Männer durch Gewalttaten auf sich aufmerksam gemacht haben. Unter dem Bett, im Keller, auf dem Dachboden – dort überall treiben die Geister und Ungeheuer ihr Unwesen. Kings „Mr. Mercedes“-Monster lauert aber dort, wo man es am wenigsten erwartet – im Haus nebenan. Und weil die stillen Wasser tief sind, verbergen sich dort die Dämonen, die den Geist verderben.

Seltsam anmutendes Ermittler-Trio

Ganz anders ist da Bill Hodges. Manch einer würde mit dem alten Herrn sicher gerne mal einen trinken gehen und sich ein paar alte Fälle erzählen lassen. Da Hodges sich mit Computern nicht so recht auskennt, der Killer ihn aber partout in einen Online-Chat zwingen will, holt sich der Detective Hilfe bei seinem intelligenten schwarzen Freund Jerome, der bei ihm sonst den Rasen mäht. Später stößt auch noch eine autistische Frau dazu und komplettiert das seltsam anmutende Ermittler-Trio, von dem man in den nächsten zwei Bänden der Trilogie sicher noch einiges erwarten darf.

In bewährter Manier sorgt Stephen King in seinem Wettlauf-gegen-die-Zeit-Thriller für atemlose Spannung. Sprachlich ist das jedoch nicht die Wucht. Insbesondere die Übersetzung ist wie üblich ein Ärgernis, weil natürlich beharrlich die falsche Grammatik verwendet wird. In den südlichen Bereichen Deutschlands, und Heyne verlegt seine Bücher in München, wird im Zusammenhang mit der Präposition „wegen“ der Dativ statt des Genitivs verwendet. Für eine Übersetzung ins Hochdeutsche sollten solche regionalen Ausgestaltungen aber keine Rolle spielen.

Stephen King: Mr. Mercedes, Heyne Verlag, München, 2014, 592 Seiten, gebunden, 22,99 Euro, ISBN 978-3453269415, Leseprobe

Mit „Finderlohn“ ist Anfang September 2015 bereits der zweite Band der Trilogie erschienen. Lesen Sie hier die Rezension dazu!

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Schall und WahnEs ist eines der großen Werke der Weltliteratur, aber auch eines der sperrigsten überhaupt: William Faulkners erstmals 1929 erschienener Roman „Schall und Wahn“ („The Sound and the Fury“). Frank Heibert hat das Buch jetzt neu ins Deutsche übersetzt, und das ist ihm kongenial gelungen. Durch seine umsichtige Übertragung in eine modernere Sprache lässt sich der faszinierend erzählte Roman jetzt vollkommen neu entdecken.

„Schall und Wahn“ erzählt von der tragischen Geschichte der Südstaatenfamilie Compson, die unaufhaltsam in den Untergang rauscht. Die einst einflussreiche Familie musste ihr letztes Stück Land verkaufen, damit sie ihrem ältesten Sohn Quentin ein Studium in Harvard finanzieren konnte. Schon das aber nimmt kein gutes Ende, denn der intelligente Sprössling wählt den Freitod, weil er gegenüber seiner Schwester Candice, genannt Caddy, Inzestgedanken hegt, die ihn nicht loslassen.

Caddy wiederum bringt ein uneheliches Kind zur Welt und wird kurzerhand zwangsverheiratet, bald aber wieder geschieden. Letzteres bringt Jason, den zweitältesten Sohn der Familie, regelmäßig zur Weißglut, hatte Caddys Ehemann ihm doch einen Job ihn Aussicht gestellt, der ihm einiges Barvermögen gebracht hätte. Stattdessen muss Jason sich mit einem schlecht bezahlten Job über Wasser halten. Er veruntreut Geld, das für Caddys Tochter gedacht ist, und verzockt weiteres Familienvermögen an der Börse.

Eine Ansammlung von ungefilterten Wahrnehmungen

Und dann ist da noch Benjamin, der Jüngste der Familie. Er ist geistig behindert und erlebt jeden Tag wie eine Ansammlung von ungefilterten Wahrnehmungen, Erinnerungen und Versatzstücken. Der Familie ist er eine Last, nur Caddy kümmert sich um ihren Bruder. Währenddessen trinkt sich der Vater zu Tode, und die Mutter dämmert in ihrem abgedunkelten Schlafgemach vor sich hin.

Erzählt wird das alles in vier Kapiteln, die sich im Grunde an drei aufeinanderfolgenden Tagen des Aprils 1928 ereignen, nur unterbrochen von einem Rückblick auf das Jahr 1910. Innerhalb der Kapitel aber fehlt oft die Chronologie. Die ersten drei Kapitel werden aus Sicht je eines Bruders beschrieben, erst das vierte übernimmt ein allwissender Erzähler. Das schwierigste Kapitel des Buches ist gleich das erste, das den Leser ohne Vorwarnung in den Gedanken-Dschungel von Benjamin „Benjy“ Compson katapultiert.

Hier zeigt sich schon, welche enormen Anforderungen an den Leser gestellt werden, um dieses Dickicht zu durchdringen. Denn Benjy ist nicht in der Lage, Vergangenheit und Gegenwart, Erlebtes und Gedachtes auseinanderzuhalten. Die Folge ist ein Bewusstseinsstrom aus unterschiedlichen Zeitebenen, Orten, Personen und Gedanken. Dem Leser verlangt das gleich zu Beginn einiges an Aufmerksamkeit und Geduld ab. Aber wer sich müht und bereit ist, sich auf diese ungewöhnliche Art der Erzählstruktur einzulassen, wird mit einem wortgewaltigen und intensiven Lese-Erlebnis belohnt. Faulkner-Fans nennen das Buch übrigens nicht von ungefähr das „Monster“.

Wahrlich faszinierend

Nach dem sperrigen ersten Kapitel wechselt Faulkner im Quentin-Kapitel in eine literarisch gehobenere Sprache, gefolgt von einem derben Abgesang im dritten Kapitel, in dem der Misanthrop Jason seine antisemitischen und rassistischen Reden schwingt. Dabei ist es wahrlich faszinierend, mit welchem Geschick Faulkner multiperspektivisch aber auch experimentell erzählen kann. Manche Leser mögen vielleicht aber auch daran verzweifeln. Faulkner hat Lesern, die meinten, sie hätten den Roman auch nach der dritten Lektüre nicht verstanden, trocken empfohlen: „Read it four times!“ („Lesen Sie ihn vier Mal!“) Möglicherweise ist das die Lösung.

Ebenso faszinierend aber ist auch die Arbeit des Übersetzers Frank Heibert, der dieses sprachmächtige Werk in ein modernes Deutsch übertragen hat. Dabei ist hervorhebenswert, dass er den schwierigen Jargon der Schwarzen nicht mit Anleihen aus deutschen Dialekten versieht. Im aufschlussreichen Nachwort erklärt Heibert: „In meiner Übersetzung habe ich versucht, das Faulkner’sche Black American English mit sprachlichen Mitteln nachzubilden, die auf heutige deutsche Leser eine möglichst analoge Wirkung haben. Die Sprache der Schwarzen in meiner Übersetzung soll, ganz in Faulkners Sinne, ihre klare Einfachheit, Würde und Kraft ausdrücken.“ Diese Einfachheit, Würde und Kraft hätte die Sprache verloren, wenn die Schwarzen der Südstaaten mit deutschen Dialekten gesprochen hätten. Vielmehr hätte sie das der Lächerlichkeit ausgesetzt, ganz anders als Faulkner, der die Sprache als Teil und Ausdruck der Verwurzelung und Identität verstand.

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ beschrieb Faulkner im Jahr 1956 als „notorischen Whisky-Trinker und genialen Chronisten der Legende und Verdammnis des amerikanischen Südens; ein homerischer Provinzler, dem der Sezessionskrieg und sein Problem, die Sklavenbefreiung, noch heute als Bühne und Horizont der Welt gilt, als das zentrale und tragischgleichnishafte Ereignis der amerikanischen, wenn nicht der Weltgeschichte.“ Was für ein Glück für uns deutschsprachige Leser, dass Frank Heibert sich an die Aufgabe herangewagt hat, „Schall und Wahn“ neu zu übersetzen und den großen amerikanischen Schriftsteller und Romancier William Faulkner wieder ins verdiente, strahlende Licht zu ziehen.

William Faulkner: Schall und Wahn, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2014, 381 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 24,95 Euro, ISBN 978-3498021351, Leseprobe

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Der Fall DerugaVor 150 Jahren kam in Braunschweig die spätere Historikerin und Schriftstellerin Ricarda Huch zur Welt. Inzwischen sind ihre bedeutenden Werke ein wenig in Vergessenheit geraten. Der Insel Verlag hat jetzt ihren bekanntesten Kriminalroman wieder neu aufgelegt, den Huch selbst als „Schundgeschichte“ bezeichnet hatte. Sie habe ihn nur geschrieben, um Geld zu verdienen. Heute, mit rund 100 Jahren Abstand, liest sich der Roman jedoch als historisch feinsinniges Gesellschaftsbild mit thematisch aktueller Brisanz.

Der Arzt Sigismondo Enea Deruga reist von Prag nach München, um einem ihm zu Ohren gekommenen Verdacht nachzugehen, er selbst solle seine geschiedene Frau umgebracht haben. Dort erfährt er, dass das Gericht schon beschlossen hat, gegen ihn Mordanklage zu erheben, so dass es geradezu vorbildlich sei, dass er sich selbst stelle.

Seine Frau, Mingo Swieter, war Anfang Oktober verstorben und hatte ihn in ihrem Testament zum Alleinerben ihres Vermögens gemacht. Das rief die Baronin Truschkowitz, die schon mit der Finanzspritze fest gerechnet hatte, auf den Plan. Sie brachte das Gericht dazu, eine Exhumierung anzuordnen, nach der unglücklicherweise festgestellt wurde, dass Mingo Swieter nicht an ihrer Krebserkrankung gestorben war, sondern an einem furchtbaren Gift namens Curare.

Ein Alibi kann Deruga nicht vorweisen

Von Deruga weiß man, dass er in argen finanziellen Nöten steckt, am Vorabend des Todes seiner Exfrau eine Fahrkarte nach München gelöst hat und erst am übernächsten Tag nach Prag zurückgekehrt ist. Ein Alibi kann er nicht vorweisen. Hat er in der Zeit also seine ehemalige Frau umgebracht, damit er weiterhin seinem verschwenderischen Leben nachgehen kann?

Der Verdacht wiegt schwer, und Deruga macht es weder dem Gericht noch dem Leser leicht, Ansatzpunkte zu finden, die für ihn sprechen. Im Gegenteil: Er ist mürrisch, provozierend, spottet über das Gericht und wird oft ungeduldig und aufbrausend. Der Gerichtsverhandlung scheint er nur mit einem Ohr zu folgen, und auch sonst zeigt er kein besonderes Interesse daran, dass der Verdacht gegen ihn entkräftet wird. Spricht das am Ende dafür, dass der Richtige auf der Anklagebank sitzt?

Ricarda Huch beschreibt ihre Figuren mit vornehmer Zurückhaltung und erzählt mit dem feinsinnigen Gespür für Dialoge und Ironie. „Der Fall Deruga“ gerät so zu mehr als nur einem Kriminalstück, das überwiegend vor Gericht spielt. Es ist vor allem ein scharfsinniger Gesellschaftsroman aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Hier sind die hierarchischen Strukturen noch klar getrennt: Es gibt den Gerichtspräsidenten und den Angeklagten, die Baronesse und das Dienstmädchen, den Arzt und den Bettler. Aber das ist nur der gesellschaftliche Ausgangspunkt.

„Schwarzes Haar und Feueraugen“

Mit ungutem Gefühl vernimmt der Leser gleich zu Beginn die Stimmen des Publikums, die dem Angeklagten einen „italienischen Typus“ bescheinigen, und zwar den der „verschlagenen, heimtückischen, rachsüchtigen Welschen“. Eine andere Stimme raunt: „Ich dachte, er hätte schwarzes Haar und Feueraugen.“ Und dass es doch unmöglich sei, dass ein Mordverdächtiger auf freiem Fuße sei, „noch dazu einer, der so aussehe, als ob er zu jedem Verbrechen fähig wäre“. Das ist fein beobachtet und heutzutage bei Mordprozessen leider kaum anders.

Der Gerichtssaal ist die kleine Bühne dieses Falls. Der Leser sitzt nah am Geschehen. Fast ist der Luftzug beim Schließen der Aktendeckel zu spüren, so dicht schildert Huch den Prozess, das Auf und Ab der Zeugen, die vielen kleinen Begegnungen vor Gericht und die manchmal sogar philosophischen Betrachtungen danach. Der Leser ist nicht nur Zuschauer, er wird zum Geschworenen, dem die schillernde Persönlichkeit des Doktors von allen Seiten präsentiert wird. Fürsprecher allerdings gibt es nur wenige.

„Der Fall Deruga“ ist aber auch der Roman einer Scheidung und trägt dabei autobiographische Züge. Die Person des Deruga gilt als deutliches Porträt von Huchs erstem Ehemann, Ermanno Ceconi, mit dem sie seit 1898 acht Jahre verheiratet und bis an dessen Lebensende im Jahr 1927 verbunden war. Auch das beschreibt „Der Fall Deruga“ eindrucksvoll: Jene seltene und die Zeit überdauernde Harmonie zwischen zwei schon geschiedenen Ehepartnern.

Was ist die moralische Pflicht?

Damit verknüpft ist es letztlich auch die stets aktuelle Brisanz der Sterbehilfe, die das Buch selbst nach fast 100 Jahren immer noch lesenswert macht. Obgleich es damals ein wenig erwähntes Thema ist, macht Huch es zum zentralen Sujet ihres Romans und bietet dem Leser die rechtliche und moralische Betrachtung. Wie ist jemand zu bestrafen, der auf Verlangen tötet, dem aber keine eigennützige Motivation nachzuweisen ist? Was ist die moralische Pflicht, was bedeuten Begriffe wie Nächstenliebe und Menschlichkeit?

Es steckt also viel drin in diesem kleinen Büchlein, das nun glücklicherweise vom Insel Verlag wieder aufgelegt worden ist. Endlich!, möchte man rufen. Der Ruhm der Schriftstellerin Ricarda Huch ist ein wenig vergangen, ihre Schriften über die Geschichte des alten Deutschlands vergessen und vergriffen. Möge „Der Fall Deruga“ der Anfang eines umfassenden Wiederlesens sein.

Ricarda Huch: Der Fall Deruga, Insel Verlag, Berlin, 2014, 213 Seiten, Taschenbuch, 7,99 Euro, ISBN 978-3458360131, Leseprobe

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