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Die mitreißende Langsamkeit der Reise

Per Anhalter durch SüdamerikaReisen zu können ist das Eine, aber auch begeisternd darüber zu schreiben vermögen, das ist eine Kunst. Truman Capote, Paul Theroux, Johann Wolfgang von Goethe – große Schriftsteller haben zu allen Zeiten wundervolle Reiseberichte verfasst. Dass das jedoch auch Trampern gelingen kann, beweisen die Journalisten Morten Hübbe und Rochssare Neromand-Soma eindrucksvoll in ihrem Buch „Per Anhalter durch Südamerika“.

Als die beiden 2011 in Deutschland aufbrechen, liegt eine ungewisse Zukunft von sechs Monaten vor ihnen. Sechs Monate, so lange wollen Morten und Rochssare nach ihrem Studium der Literatur und Medienpraxis eine Sprachreise durch Argentinien und Chile machen. Ihr Antrieb ist weder die Selbstfindung noch das Aussteigertum, sondern ihre Neugier und ihr Interesse an der Welt. Sie trennen sich von ihrem Hab und Gut und nehmen nur das Nötigste mit. Doch sechs Monate genügen nicht, um ihren Reisehunger durch Südamerika zu stillen. Am Ende sind es 752 Tage, 56.000 Kilometer und ein Reisebericht, der beim Lesen furchtbar schrecklich-schönes Fernweh macht.

Sie reisen langsam, in aller Ruhe und stets ohne Flugzeug. Per Anhalter, auf Ladepritschen, engen LKW-Sitzen oder mit dem Boot geht es durch alle südamerikanischen Länder. Sie betreten Niemandsländer und Megametropolen. Sie treiben einen Monat lang mit Marktschiffen den Amazonas hinunter, klettern in die bolivischen Silberminen von Potosí und besuchen die Mennoniten in Paraguay. Eine fünftägige Flussfahrt auf dem Río Paraguay gerät fernab vom erhofften Traum einer Hängematten-Entspannungspartie und Erholungsreise zur belastenden Tortur mit wenig Schlaf, nächtlicher Eiseskälte und dem Kampf um jeden Zentimeter Liegefläche auf dem hoffnungslos mit Passagieren und Waren überladenen Boot.

Das Reiseherz schwelgt mit

Peru, Patagonien, Chile, Ecuador, immer weiter geht die Reise. Und immer stärker wird die Lust, den nächsten Flieger zu nehmen, und es den beiden nachzutun. Das Reiseherz schwelgt mit, rast aufgeregt bei der Schilderung der Mountainbikefahrt auf dem „Camino de la muerte“, der gefährlichsten Straße der Welt, und klopft vor Inbrunst bei den Salsaweltmeisterschaften in Kolumbien oder angesichts des höchsten Wasserfalls der Welt, dem Salto Ange im venezolanischen Dschungel.

Andererseits, das muss man deutlich sagen, verschließen die beiden ihre Augen nicht vor den Missständen Südamerikas. Ohnehin ist dieses Buch kein Reiseführer. Wer erstmalig eine Südamerikareise plant, sollte „Per Anhalter durch Südamerika“ eher als Ergänzung lesen. Dafür ist es dann aber auch lohnenswert. Wer bereits Südamerika-Fan ist, wird sich durch die Erlebnisse von Morten Hübbe und Rochssare Neromand-Soma genussvoll berauschen können und sich womöglich an die eigenen Reisen auf den Kontinent erinnern.

Begleitet wird die vielfältige und faszinierende Lektüre von 48 Farbfotos. Die aber – und das ist das große Manko – hätte man wesentlich besser mit dem Text verbinden können. So hängt der Bildteil in der Mitte des Buches, und während des Lesens findet sich kein Hinweis darauf, welches Foto denn nun zum Gelesenen passen könnte. Das ist ausgesprochen schade und wurde auch in der mittlerweile erweiterten Ausgabe (November 2016) nicht geändert.

„Wir werden einfach das machen, was wir gerne machen möchten“

Morten und Rochssare kamen nach zwei Jahren Südamerika zurück nach Deutschland. Sie sind acht Monate geblieben, haben die Familie besucht und Freunde getroffen. Inzwischen sind die beiden längst wieder unterwegs: „Wir werden einfach das machen, was wir gerne machen möchten. Und zwar weiterreisen.“ Wer ihnen durch Asien und weitere Kontinente folgen möchte, dem seien die Facebook-Seite, ihr Blog, ihr Vimeo-Auftritt und vor allem der Instagram-Account anempfohlen.

Der deutsche Dichter Christian Friedrich Hebbel soll gesagt haben: „Eine Reise ist ein Trunk aus der Quelle des Lebens.“ Morten Hübbe und Rochssare Neromand-Soma sind bereits trunken vom Leben. Lassen wir uns doch mitreißen! Was kann denn schöner sein, als sich aufzumachen in die Welt?

Morten Hübbe/Rochssare Neromand-Soma: Per Anhalter durch Südamerika, Malik Verlag (National Geographic), München, 2016, 427 Seiten, 48 Farbabbildungen, Taschenbuch, 16 Euro, ISBN 978-3492406116, Leseprobe

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Finale ohne Finesse

mind-controlWenn Sie all jene Menschen sehen, die im Alltag auf ihre Handys und Tablets starren und die Umgebung völlig zu vergessen scheinen, denken Sie manchmal daran, dass ein Bösewicht sie alle hypnotisiert? Dass er Schindluder mit ihnen treibt? Sie sollten das in Erwägung ziehen, oder Stephen Kings neuer Roman „Mind Control“ wird Ihnen brutal die Augen öffnen. Dabei ist der abschließende Roman der Trilogie um den pensionierten Cop Bill Hodges leider nicht so raffiniert und brillant gelungen wie seine beiden Vorgänger.

Die unheilbringenden Geräte in Kings neustem Wurf sind keine Mobilfunkgeräte, sondern etwas viel profaneres: tragbare Videospielsysteme aus vergangenen Zeiten, als solche Spiele noch auf kleinen LCD-Bildschirmen liefen. Man könnte meinen, die Dinger locken heutzutage nur noch Sammler und Nerds hinter dem Ofen hervor. Und dennoch: Ob Teenager, Krankenschwester oder ein querschnittsgelähmtes Unfallopfer – die billig produzierten Spiele üben auf die Menschen in „Mind Control“ einen seltsam faszinierenden Reiz aus.

Nicht von ungefähr, das darf man wohl verraten, stehen sie alle in Verbindung zu einem Mann namens Brady Hartsfield, der im April 2009 bei einer Amokfahrt acht Menschen getötet und dutzende weitere verletzt hat. Jenem Hartsfield, dem King mit dem ersten Roman der Hodges-Trilogie („Mr. Mercedes“, Rezension) eine Stimme gegeben hat – und die man bis zum Ende des zweiten Teils für endgültig verstummt hielt.

Geschickter Schachzug

Ja, Hartsfield ist zurück, und er will sich rächen – an den vielen jungen Mädchen, die bei seinem letzten großen Coup nicht gestorben sind, vor allem aber an seinem Erzfeind Hodges. Der hatte mit seinem Team den verheerenden Anschlag auf ein Boygroup-Konzert verhindert, Hartsfields Hirn zu einer undefinierbaren Masse zerschlagen und ihn zu einem Pflegefall gemacht. Den Bösewicht zurück auf die Bühne zu heben, ist ein geschickter Schachzug. Aber es ist kein guter, der das Spiel in eine andere Richtung bringt.

Der Plot wirkt, als seien dem Meister des Horrors und des Grauens die Ideen ausgegangen. Schon aus „Mr. Mercedes“ weiß der Leser, dass Hartsfield überzeugend einen anderen Menschen zum Suizid bringen kann. Jetzt soll er trotz zerstörtem Hirn und mit ein wenig übermenschlichen Kräften in der Lage sein, sein suizidales Werk zu verfeinern.

Hätte es nach dem fulminanten Thriller-Auftakt mit „Mr. Mercedes“ und dem wahrlich begeisternden zweiten Teil („Finderlohn“, Rezension), der eine lesenswerte Abhandlung über das Spannungsverhältnis zwischen Leser und Autor war, nicht einen würdigen und adäquaten Abschluss geben können? Das skurrilste Ermittler-Trio der Horror-Welt, das man im ersten Teil so lieben gelernt hat, schwächelte bereits im zweiten Roman, nur um im Finale seine Extravaganz völlig zu verlieren.

Es riecht nach einem Showdown

In „Mind Control“ bleiben nur noch zwei Hauptcharaktere übrig: Brady Hartsfield und Bill Hodges, dem jetzt auch noch die Gesundheit schwer zu schaffen macht. Das riecht nach einem Showdown! Und diese Vorhersehbarkeit der Geschichte ist ein weiterer Kritikpunkt.

Es fehlt an Rückschlägen, an Abzweigungen, unvorhersehbaren Wendungen, für die King so bekannt ist. Viel zu linear ist dieser Roman erzählt, wenn man von den teilweise auch noch ziemlich langen Rückblenden absieht, die Nichtkenner der ersten beiden Teile ins Boot holen soll. Nein, dieser Roman ist zu dürftig und zu wenig originell, als dass er der Wucht der Vorgänger gerecht werden könnte. Schade, dass Kings fantasievoller Ausflug in die Detektivgeschichten mit so einem schwachen Schlusspunkt enden muss.

Stephen King: Mind Control, Heyne Verlag, München, 2016, 528 Seiten, gebunden, 22,99 Euro, ISBN 978-3453270862, Leseprobe, Buchtrailer

Diese Rezension ist in gekürzter Fassung auch im Wochenendmagazin der Neuen Westfälischen (Samstag/Sonntag, 10./11. Dezember 2016) erschienen.

Hart, aber herrlich

neonregenEndlich haben die deutschen Leser James Lee Burke für sich entdeckt. Schon in den 90er Jahren gab es Versuche, den US-amerikanischen Autor auf dem deutschen Buchmarkt zu etablieren – ohne durchschlagenden Erfolg. Jetzt scheint seine Zeit gekommen zu sein. Dem kleinen Pendragon-Verlag aus Bielefeld gebührt dabei alle Ehre, denn dort werden in den nächsten Jahren alle 20 Bände der Dave-Robicheaux-Reihe erscheinen, teilweise erstmalig auf Deutsch. Mit „Neonregen“ ist im Sommer 2016 der Band veröffentlicht worden, in dem der eigenwillige Krimi-Held zum ersten Mal die Bildfläche betritt. Sie sind Hardboiled-Fan? Dann sollten Sie das gelesen haben!

Dave Robicheaux ist Lieutenant beim New Orleans Police Department und bekommt von einem zum Tode Verurteilten den Hinweis, dass die kolumbianische Drogenmafia zu gerne seinen Kopf hätte. Der Organisation ist nämlich sauer aufgestoßen, dass Robicheaux vor einiger Zeit die Leiche einer jungen Frau aus dem Wasser gezogen hat, die die Mafia da so sicher versenkt geglaubt hatte. Ziemlich ärgerliche Sache für die Mafia, denn Robicheaux hat Lunte gerochen und ermittelt jetzt gegen alle Widerstände, auch gegen die der CIA. Mit seinem besten Freund Clete Purcel macht er den bösen Jungs und Querschlägern aus den eigenen Reihen deutlich: So läuft das hier nicht!

Und Robicheaux ist wirklich ein Held, ein toller Kerl und ein feiner Mann zugleich. Vietnam-Veteran und Kenner der englischen Literatur. Ein harter Hund mit Idealismus. Lebenssüchtig, aber auch alkoholkrank und deshalb eher für Softdrinks zu haben. Und die fantastischen Beschreibungen des Aufgießens eines Dr. Peppers in ein mit Crushed Ice aufgefülltes Glas macht unbändige Lust, es dem Ermittler gleichzutun. Wer sie beim Lesen nicht spürt, dem entgehen womöglich auch die anderen intensiven Fabulierkünste Burkes. Der Autor vermag es, über mehrere hundert Seiten ein bildgewaltiges Kopfkino zu erzeugen, das mitunter allerdings auch recht blutig und brutal ausfällt. Zimperliche Seelen sollten deshalb hier eher nicht zugreifen. Nicht umsonst gehören die Robicheaux-Krimis zum Hardboiled-Genre.

Chronist der Zeitgeschichte

Nicht unerwähnt bleiben darf, dass Burke auch ein Chronist der Zeitgeschichte ist, denn seine Bücher spiegeln immer die aktuelle politische Lage wieder. In „Neonregen“, den Burke erstmalig 1987 veröffentlichte, ist die Iran-Contra-Affäre das wichtige Thema. Die Contras waren eine Guerilla-Bewegung in Nicaragua, die gegen die sozialistische Regierung kämpfte. Zur Unterstützung leitete die damalige US-Führungsspitze unter Ronald Reagan Gelder aus geheimen Waffengeschäften mit dem Iran an die Contras weiter. Die wiederum hatten jahrelang tonnenweise Kokain in die USA geschmuggelt, was die CIA auch wusste, aber dagegen nichts unternahm.

Die Robicheaux-Reihe sollte man natürlich mit „Neonregen“ beginnen. Der Pendragon-Verlag hat bereits Band 2 der Reihe veröffentlicht („Blut in den Bayous“). Dann aber wird’s schwierig mit der Lesereihenfolge, denn bisher sind ansonsten nur „Mississippi Jam“ (Band 7, zur Rezension) und „Sturm über New Orleans“ (Band 16) erschienen. Ein Manko? Nein, die unsortierte Veröffentlichung ist nicht hinderlich für den Lesegenuss, denn Robicheauxs persönliche Historie wird in jedem Roman ausreichend erklärt. Greifen Sie zu!

James Lee Burke: Neonregen. Ein Dave-Robicheaux-Krimi (Band 1), Pendragon Verlag, Bielefeld, 2016, 432 Seiten, Taschenbuch, 17 Euro, ISBN 978-3865325488

Seitengang dankt dem Pendragon-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Philosophie in wüsten Zeiten

imageIn seiner spanischen Heimat erschien das Buch „Odem“ des katalanischen Comic-Künstlers Max bereits 2012. Deutsche Comic-Fans mussten sich gedulden, bevor das Werk jetzt auch im Avant-Verlag aus Berlin erhältlich ist. Es erzählt hervorragend gezeichnet und mit zahlreichen philosophischen Bezügen von Nick, der in die Einsamkeit der Wüste flüchtet. Ein Buch, das man aufmerksam lesen sollte.

Nikodemus hat die Nase voll (und er hat eine ziemlich lange Nase!). Der Lärm und die Oberflächlichkeit der Welt nerven ihn vollends. Nur die Wüste erscheint ihm noch als einziger Rückzugsort, um den Sinn, den „endgültigen, unanfechtbaren Sinn, falls es den gibt“, zu finden. „Ich habe es satt, und zwar alles! Die Welt und die Menschen, die Dinge und die Ideen, die Wörter und die Bilder!“ Spricht’s und kippt rücklings in die Wüste.

Doch dass die Wüste lebt, wusste schon der Dokumentarfilmer James Algar. Und so verwundert es nicht, dass Nikodemus zunächst auf einen ziemlich grundentspannten Kater namens Moses trifft, der die Dinge gerne vereinfacht, zu allererst die Namen. So wird aus Moses Mosh und aus Nikodemus Nick – der übrigens in des Katers Augen einen ziemlichen Sonnenstich hat. Neben der wahrlich coolen Socke Mosh trifft Nick auch noch die kleptomanische Elster Juanita, einen traumdeutenden Schiffbrüchigen sowie seinen eigenen Schatten.

Die Geschichte einer Entsagung

Allerlei Ablenkungen versuchen ihn, vom rechten Weg abzubringen, und seine letzte Prüfung kommt mit der betörenden Allmacht der unnahbaren Königin von Saba. „Odem“ ist auch die Geschichte einer Entsagung, um dadurch der absoluten Wahrheit begegnen zu können. Wer Nick nicht in sein Herz schließt, hat wohl noch nie eine Sinnkrise erlebt.

Nicks Suche nach seinem spirituellen Gleichgewicht wird in wunderbar stilisierten Schwarz-Weiß-Zeichnungen erzählt und passt damit hervorragend in die klare Farblosigkeit der Wüste. Gerne wird seine klare Linie mit der des US-Comic-Erneuerers Chris Ware verglichen.

Max selbst erklärt zu Beginn des vorliegenden Buches, es sei partiell inspiriert von „The Wiggle Much“, der „einzigartigen, legendären Comicarbeit von Herbert E. Crowley“. Der frühe, sehr surreale Comic erschien zwischen März und Juni 1910 auf dreizehn halbseitigen Seiten in der New York Herald Tribune. Als Hommage lässt Max die von Crowley erfundene Figur in einem seiner Panels auftauchen.

Einer der bekanntesten spanischen Comic-Künstler

Max, mit bürgerlichem Namen Francesc Capdevila, wurde 1956 in Barcelona geboren und gilt heute als einer der bekanntesten spanischen Comic-Künstler und ist vielfach preisgekrönt. „Odem“ wurde 2013 beim internationalen Comicsalon in Barcelona als bestes nationales Werk nominiert. Auf Deutsch erschienen bereits „Der geheime Kuss“ und „Der Werwolf Punk“ beim Alpha Comic Verlag, sowie „Der lange Traum des Herrn T.“ und „Bardín der Superrealist“ bei Reprodukt.

Lesen Sie „Odem“ und erkennen Sie, dass man selbst in der Wüste nicht von Ablenkungen verschont bleibt. Sind Sie gar selbst in einer Sinnkrise, so ist „Odem“ eines dieser Bücher, die für surrealistisch-philosophisch veranlagte Menschen eine durchaus hilfreiche Lektüre sein können.

Max: Odem, Avant-Verlag, Berlin, 2016, 111 Seiten, gebunden, 24,95 Euro, ISBN 978-3945034491, Leseprobe

Seitengang dankt dem Avant-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Buch Wien 2016 – Das Fazit

Die Messe Wien am Abend. © Christian Lund

Die Messe Wien am Abend. © Christian Lund

Vor einer Woche endete die diesjährige Internationale Buchmesse „Buch Wien“. Auch in diesem Jahr konnten die Veranstalter einen neuen Besucherrekord verbuchen: Rund 43.000 Besucher sind in die Wiener Messehalle gekommen (2015: rund 40.000). Mit mehr als 400 Veranstaltungen auf der Messe und in ganz Wien, Tausenden Neuerscheinungen und erstmals Ausstellern aus 18 Nationen (und damit so international wie nie) bot die Buch Wien auch im Jahr 2016 wieder ein vielfältiges Programm. Deutlich spürbar war der Zuschauerzuwachs bei der „Langen Nacht der Bücher“ am Mittwochabend sowie am Wochenende. Programmdirektor Günter Kaindlstorfer sagte dazu: „Ich bin überglücklich. Für uns ist der Erfolg der ‚Buch Wien 16‘ ein Ansporn, nächstes Jahr eine noch grandiosere Messe auf die Beine zu stellen.“

Ja, die „Buch Wien“ macht sich – ein wenig. Habe ich im vergangenen Jahr noch kritisiert, dass die Qualität des Programmhefts zu wünschen übrig lässt, weil sich darin etwa kein Autoren- und Ausstellerverzeichnis findet, ist letzteres zumindest inzwischen behoben worden. Sogar unterteilt nach Themenbereichen lässt sich hier der gesuchte Aussteller leicht finden. Am Autorenverzeichnis aber mangelt es noch immer. Damit nicht genug, denn im Vorjahr gab es das immerhin noch online – in diesem Jahr nicht mal mehr das.

Dafür aber, und das muss man lobend hervorheben, ist es den Veranstaltern in diesem Jahr zum ersten Mal gelungen, den Pressevertretern und Bloggern von Anfang an einen Zugang zum Messe-WLan zu verschaffen. In den vergangenen Jahren hatte das noch für wunderliche Verzögerungen gesorgt.

Verkürzte Lesefestwoche

Nicht zu verstehen ist dagegen wiederum die Entscheidung, die Lesefestwoche zu verkürzen. In den Jahren 2013 und 2015 (2014 war Seitengang nicht in Wien) wurde jeweils am Montag die Lesefestwoche mit einer besonderen Lesung eröffnet – in diesem Jahr hat man darauf verzichtet. Zwar fanden ab Mittwoch auch am Abend Lesungen in Wien statt, aber von einer Lesefest-„Woche“ konnte nun nicht mehr die Rede sein. Schade!

Zum anderen fiel in diesem Jahr auf, dass die Veranstalter versucht haben, den Sonntag zu einem besonderen Publikumsmagneten zu machen – der nochmalige Besucherrekord gibt ihnen wohl Recht. Denn das Messeprogramm sah für den Sonntag gleich mehrere Publikumslieblinge vor, darunter Bernhard Aichner, Marjana Gaponenko, Thomas Raab, Peter Henisch, Reinhard Kaiser-Mühlecker, Dirk Stermann und nicht zuletzt Ela Angerer. Dahingegen waren die anderen Messetage überraschend dürftig besetzt, wenngleich ich auch hier einige interessante Bücher und Autoren kennengelernt habe.

Sehr beeindruckend war die Festrede der gebürtigen Ungarin Terézia Mora sowie die Lesung aus ihrem Erzählband. Mora hatte in ihrer Eröffnungsrede zum Thema „Sätze und Menschen“ die Migration von Menschen und literarischen Texten verglichen: „Tatsache ist: Sobald ein Satz in der Welt ist, wird er migrieren.“ Ähnlich eindrucksvoll gelangen die Lesungen von Catalin Dorian Florescu sowie Cynthia D’Aprix Sweeney. Letztere brachte sogar noch den deutschen Schauspieler Johann von Bülow („Nach fünf im Urwald“, „Tatort“, „Mord mit Aussicht“) mit. Der las die deutsche Übersetzung ihres Buches („Das Nest“) in einer Vortrefflichkeit, dass es eine wahre Freude war, ihm zu lauschen.

Überschaubar und angenehm

Die „Buch Wien“ hat sich hier und da gemausert, jedoch an anderen Stellen auch verloren. Dennoch ist und bleibt die Wiener Buchmesse herrlich überschaubar, angenehm und familiär. Deshalb wird Seitengang voraussichtlich auch im nächsten Jahr wieder von der „Buch Wien“ berichten. Bleiben Sie mir gewogen!

Tipp: Lesen Sie hier nochmal alle Berichte der „Buch Wien“ 2016, 2015 und 2013.

Philipp Blom stellt seinen neuen Roman vor. © LCM Fotostudio Richard Schuster

Philipp Blom stellt seinen neuen Roman vor. © LCM Fotostudio Richard Schuster

Am dritten Messetag der „Buch Wien“ 2016 habe ich erneut nur zwei Veranstaltungen besucht. Zunächst war der deutsche Autor, Historiker und Journalist Philipp Blom gekommen, um seinen neuen Roman „Bei Sturm am Meer“ vorzustellen. Blom ist mit Bestsellern über die europäische Kulturgeschichte bekannt geworden, viele verbinden mit seinem Namen Sachbücher über die Schlüsselmomente des 20. Jahrhunderts (so etwa „Der taumelnde Kontinent. Europa 1900-1914“). Er hat allerdings auch schon ein Sachbuch über österreichische Weine geschrieben.

„Bei Sturm am Meer“ ist sein dritter Roman. Darin schickt er einen melancholischen Mittvierziger namens Benedikt auf eine überraschungsreiche Reise zu sich selbst. Nach dem Tod seiner Mutter muss der Marketingfachmann feststellen, dass seine Familiengeschichte eine andere war, als er sein Leben lang gedacht hat. Der Roman über zerplatzte Träume und lebenslange Lügen beginnt mit einem Brief, den Benedikt an seinen vierjährigen Sohn schreibt, während er in Amsterdam auf die Urne seiner Mutter Marlene wartet, deren Lieferung sich verzögert.

Benedikt erfährt im Laufe des Buches, dass viele der Lebensgeschichten, die er zu kennen glaubt, nicht stimmen, zum Beispiel dass sein Vater, ein Journalist, im Kampf gestorben sei. Selbstverständlich verbindet Blom die Geschichten von Benedikts Mutter und Großmutter mit den historischen Ereignissen – hier kann der Historiker Realität und Fiktion vermischen. Das sei auch einer der Vorteile beim Romaneschreiben, erklärt er: „In einem Sachbuch muss immer alles so gewesen sein, in einem Roman kann es so gewesen sein.“

„Das wird dann einfach nicht gut“

Aber es gibt auch Nachteile: „Das Romaneschreiben ist nicht lukrativ.“ Außerdem rate er Menschen, die glauben, sie trügen einen Roman in sich, den sie unbedingt aufschreiben müssten, dies nicht am Abend um 23 Uhr zu tun, wenn sie erschöpft von der Arbeit und den familiären Verpflichtungen sind. „Das wird dann einfach nicht gut – man muss sich dafür Zeit nehmen.“ Das erinnert an die Lesung von Cynthia D’Aprix Sweeney („Das Nest“, Klett-Cotta) im Literaturhaus Wien. Dort erklärte sie, sie habe erst am College „eine gewisse Priorisierung im Leben“ gelernt: „Denn wenn man auch noch familiäre Verpflichtungen hat, kann das Schreiben auf der To-do-Liste ganz schnell auf dem letzten Platz landen – ich aber habe gelernt, es ganz nach oben zu setzen.“

Weil das Buch auch viel im Hamburg der 1970er Jahren spielt und Blom dort geboren und aufgewachsen ist, wurde er gefragt, ob „Bei Sturm am Meer“ auch ein wenig die Geschichte seiner Familie erzähle. „Nun“, antwortete Blom, „Menschen, die mich ein bisschen kennen, werden vielleicht sagen: Aha!“ Aber seine Familie sei nicht die im Roman dargestellte Familie, er selbst habe auch andere Themen als der Protagonist seines Romans. „Aber die Geschichte baut vielleicht auf Themen auf, die in unserer Familie spielen.“

Gelesen hat Blom aus seinem aktuellen Buch nicht. Dafür blieb keine Zeit mehr, denn Moderatorin Alexandra Föderl-Schmid (Chefredakteurin des Standard) fragte den Schriftsteller aus aktuellem Anlass nach seiner Meinung zum Brexit und zur US-Wahl. Dafür war Blom nicht nur als Historiker und Journalist ein versierter Gesprächspartner, sondern auch deshalb, weil er ein Jahr in den USA und neun Jahre in England gelebt hat. Teilweise schreibt er seine Bücher auch zunächst auf Englisch und übersetzt sie dann selbst ins Deutsche. „Der Brexit hat mich wirklich überrascht“, sagte er. „Und bei der Wahl von Trump habe ich mich gefühlt, als hätte man mich mit einem Baseballschläger traktiert.“ Er habe gedacht, er schlafe einfach noch und wache irgendwann auf. „Aber das war so nicht.“

Gefährlich bei Wahlen

Manche vergleichen inzwischen die heutige Zeit mit der Weimarer Republik. Das sieht Blom aber nicht so: „Nein, wir leben nicht in der zweiten Weimarer Republik, aber noch eine Wirtschaftskrise wie 2008, dann leben wir in einer Weimarer Republik.“ Gefährlich bei Wahlen und damit auch bei der US-Wahl sei dieses „Irgendetwas muss sich doch ändern“-Gefühl der Wähler. „Auch hier in Europa verlieren die Menschen zunehmend die Hoffnung in die Gesellschaft und die Demokratie“, erklärte Blom weiter.

Von Föderl-Schmid darum gebeten, als Historiker in die Zukunft zu schauen und zu sagen, wie Europa im Jahr 2030 aussähe, antwortete Blom, das gerate wohl eher wie eine Wettervorhersage, denn kleine Faktoren könnten doch alles in eine andere Richtung bringen. „Im Moment sind Kräfte am Werk, die am Zerfall Europas arbeiten. Aber eigentlich hängt alles davon ab, wann das nächste 2008 kommt.“

Philipp Blom: Bei Sturm am Meer, Paul Zsolnay Verlag, Wien, 2016, 224 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3552058101, Leseprobe

Thomas Raab, Bernhard Aichner, Edith Kneifl, Heinz Sichrovsky, Amelie Fried und Veit Heinichen bei der Krimi-Runde. © LCM Fotostudio Richard Schuster

Thomas Raab, Bernhard Aichner, Edith Kneifl, Heinz Sichrovsky, Amelie Fried und Veit Heinichen bei der Krimi-Runde. © LCM Fotostudio Richard Schuster

Am späten Nachmittag schließlich traf sich ein Teil der aktuellen Crème de la Crème der deutschsprachigen Bestseller-Krimi-Literatur zu einer kleinen, vergnüglichen Gesprächsrunde unter dem Thema „Morden wie gedruckt“. Ursprünglich waren nur Thomas Raab, Bernhard Aichner, Edith Kneifl und Veit Heinichen eingeladen. Moderator Heinz Sichrovsky (Kulturchef des österreichischen Wochenmagazins News) hatte jedoch zuvor seine Sendung „erLesen“ für den ORF aufgezeichnet und dort die Schriftstellerin und Moderatorin Amelie Fried zu Gast, die er dann kurzerhand mit in die Runde brachte. Ein Glücksgriff, wie sich später herausstellen sollte.

Was macht einen guten Krimi aus und wie schreibt man ihn? Veit Heinichen hat dafür kein Patentrezept, wohl aber durch jahrelange Recherche ein riesiges Archiv angehäuft. „Irgendwann kommt dann der Gedanke, dass ich mich mit meinen Figuren beschäftige, und dann lasse ich sie aufeinander los – richtige Arbeit ist das nicht, ich folge ja nur meinen Figuren.“

Amelie Fried, die mit ihrem Mann Peter Probst eine Reihe von Kinderkrimis („Taco und Kaninchen“) geschrieben hat, hat nur einen einzigen Krimi für Erwachsene verfasst: „Der Mann von nebenan“ (1999). Kurz zusammengefasst erledigen drei Frauen zusammen einen Nachbarn. Erst versuchen sie es in der Badewanne, doch als sie seine Leiche im Wald beseitigen wollen, ist der Mann gar nicht tot. Ein Schlag mit einem Schraubenschlüssel beendet sein Leben dann doch noch, und die drei Frauen versenken die Leiche im See. Vorlage für den Nachbarn? Frieds tatsächlicher Nachbar, der die Familie so sehr genervt hat, dass sie schon an Umzug dachten. „Dann habe ich dieses Buch geschrieben, und es war die beste Rache meines Lebens.“ Das Buch wurde mit Axel Milberg als böser Nachbar verfilmt, „und ich wohnte in diesem bayerischen Dorf, und jeder wusste, wer gemeint ist“, erzählte Fried. Der Nachbar sei kurz danach weggezogen.

„Ein Traum von Mann“

Die österreichische Autorin Edith Kneifl baut beim Krimischreiben stets eine enge Bindung zu ihren Protagonisten auf. Als ehemalige Tischtennis-Landesmeisterin sei es ihr mal in den Sinn gekommen, dass einer der Männer doch bei einem Tischtennisturnier sterben könnte. „Ich habe eine Figur entworfen, einen Traum von Mann, sage ich Ihnen, der hat mir dann so gut gefallen, dass ich ihn nicht mehr umbringen konnte. Er wurde nur schwer verletzt.“ Und nach einer kurzen Pause: „Aber es sind andere Männer umgekommen.“ Dass ein Autor seine Figuren liebgewinnt, bestätigte auch Bernhard Aichner: „Ich liebe zum Beispiel meine Bestatterin Brünhilde Blum – sie bringt Menschen um.“ Ja, zuweilen ist es recht makaber, wenn sich Krimi-Autoren unterhalten.

Alle fünf Autoren sind zudem Serientäter, ihre Helden oder Mörder tummeln sich also in mehreren Büchern. „Aber wann bekommen diese Kerle ein Ablaufdatum?“, wollte Sichrovsky wissen. Für Thomas Raab hängt das mehr damit zusammen, ob ein Buch seine Leser findet: „Bei meinem ersten Buch habe ich nicht gedacht, dass das jemand lesen würde.“ Für Aichner dagegen war es klar, dass seine Bestatterin nur eine Überlebenszeit von drei Büchern haben würde: „Die kann ich jetzt auch gut ziehen lassen. Es ist zwar reizvoll, das weiterzumachen, weil es sich gut verkauft, aber ich wusste vor dem ersten Buch, wie das dritte aufhört, und danach ist Schluss.“ Kneifl: „Vor allem das Publikum und die Verlage wollen doch Serien – aber ich gebe zu, auch ich kann mich manchmal nicht trennen.“

Und Veit Heinichen? Dem schien eine Frage nicht aus dem Kopf zu gehen: „Ich glaube nicht, dass Amelies Nachbar weggezogen ist.“ Schon hatte Heinichen die Lacher wieder auf seiner Seite. Fried parierte und erzählte, sie und ihr Mann hätten ein Gartenhaus bauen lassen. „Kein Scherz, und die beiden polnischen Bauarbeiter, die von dem nervigen Nachbarn gehört hatten, haben uns angeboten, ihn für 2.000 Euro umzubringen. Und für 4.000 Euro auch die Leiche zu beseitigen.“ Heinichen: „Irgendwer muss mal das Beton-Fundament dieses Gartenhauses überprüfen…“ Wieder Gelächter.

Kürzlich das erste Grab ausgehoben

Auch über die Recherchearbeit für ihre Bücher sprechen die Autoren. Während Kneifl mit einem Arzt verheiratet ist und ihn gern schon am Frühstückstisch fragt, an welchen Körperstellen das meiste Blut spritzt („Mein Mann passt bei meinen Leichen immer auf!“), hat Aichner kürzlich sein erstes Grab ausgehoben: „Das war eine tolle Erfahrung, aber richtig harte Arbeit.“ Und in der Rechtsmedizin in Hamburg sei er bei einer Obduktion dabeigewesen, auch das sei sehr faszinierend gewesen. Raab wiederum recherchiert „Problemfälle“, wie er das nennt. „Ich habe beim Skifahren Schnee von einer Schneekanone ins Gesicht bekommen und dann beim Hersteller angerufen und gefragt, ob das, was vorne rauskommt, rot würde, wenn man hinten jemanden reinsteckt.“ Interessant sei auch gewesen, beim örtlichen Schwimmbad anzurufen und zu fragen, wie lange die Filteranlage braucht, um das Wasser nach einem Haiangriff wieder klar zu bekommen. „Danach wusste ich die ganze Lebensgeschichte des Mann, den ich da angerufen hatte.“ Heinichen: „Die Frage ist, woher wusste der Mann, wie lange die Filteranlage brauchen würde…“

Und welche Krimis würden die Autoren empfehlen, ihre eigenen ausgenommen? Veit Heinichen legt den Lesern Fjodor Dostojewskis „Verbrechen und Strafe“ bzw. „Schuld und Sühne“ (ältere Übersetzungen) ans Herz, Edith Kneifl nennt Patricia Highsmiths „Die zwei Gesichter des Januars“, Bernhard Aichner mag gern die Adamsberg-Reihe von Fred Vargas und Thomas Raab empfiehlt den „Kameramörder“ von Thomas Glavinic.

Bernhard Aichner: Interview mit einem Mörder. Ein Max-Broll-Krimi, Haymon Verlag, Innsbruck, 2016, 288 Seiten, gebunden, 19,90 Euro, ISBN 978-3709971338, Leseprobe

Amelie Fried: Ich fühle was, was du nicht fühlst, Heyne-Verlag, München, 2016, 400 Seiten, broschiert, 16,99 Euro, ISBN 978-3453265905, Leseprobe

Veit Heinichen: Die Zeitungsfrau, Piper-Verlag, 2016, 352 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3492057585, Leseprobe

Edith Kneifl: Totentanz im Stephansdom, Haymon Verlag, Innsbruck, 2015, 264 Seiten, Taschenbuch, 12,95 Euro, ISBN 978-3709978337, Leseprobe

Thomas Raab: Der Metzger, Droemer Knaur, München, 2016, 336 Seiten, gebunden, 19,99 Euro, ISBN 978-3426281369, Leseprobe

Die „Buch Wien“ 2016 war damit für mich beendet, am Sonntag, dem letzten Messetag, habe ich bereits die Heimreise angetreten. Wie in den vergangenen Jahren werde ich in den nächsten Tagen noch ein persönliches Fazit liefern. Einigermaßen sicher aber ist schon, dass ich auch im nächsten Jahr wieder von der „Buch Wien“ berichten werde. Bleiben Sie mir gewogen!

Buch Wien: New York, New York

Die "Buch Wien" 2016 von oben. © LCM Fotostudio Richard Schuster

Die „Buch Wien“ 2016 von oben. © LCM Fotostudio Richard Schuster

Auch der zweite Messetag der „Buch Wien“ 2016 stand für mich erneut unter dem Eindruck von zwei herausragenden Lesungen. Zunächst stellte am Nachmittag der Schweizer Schriftsteller und Psychologe Catalin Dorian Florescu seinen bereits im Februar veröffentlichten Auswanderer-Roman „Der Mann, der das Glück bringt“ vor. Der C. H. Beck-Verlag bewirbt ihn als „Roman voller Komik und Tragik, der gleichzeitig eine literarische Reverenz an die Kraft des Menschen ist, sein Glück zu suchen und zu überleben“. Der Autor mit den rumänischen Wurzeln, 1967 wird er im westlichen Rumänien geboren, erzählt von Ray und Elena, deren Wege sich in einer dramatischen Nacht treffen. Den Leser führt der Roman sowohl ins New York des Fin-de-Siècle als auch ins magische Donaudelta.

Von dort nämlich stammt die Fischerstochter Elena. Sie ist nach New York gekommen, um die Asche ihrer Mutter zu verstreuen. Ray dagegen ist ein erfolgloser Künstler, der noch immer auf den Durchbruch hofft. Insgeheim versucht er den Lebensweg zu nehmen, den sein Großvater für sich selbst erhoffte, als der 1899 nach Amerika auswanderte. Ausgerechnet am 11. September 2001 treffen Elena und Ray zufällig in einem Kellertheater aufeinander. „Sie nutzen die Möglichkeit und Notwendigkeit, sich ihre Familiengeschichten zu erzählen und Nähe zu finden“, erklärte Florescu. Ob die Nacht damit zur Stifterin einer Beziehung werde, lasse er offen, aber sie müssten zunächst zu erzählen beginnen. Im Roman wechseln sich beide Figuren kapitelweise ab, jede Figur spricht für sich, für ihre Geschichte, aber auch für die ihrer Eltern und Großeltern.

Die Auswanderung und die Reise nach New York – immer wieder ist der Mensch in Florescus Büchern auf der Suche nach einem Platz, wo er ohne Angst und mit Würde leben kann. Sein sechster Roman scheint deshalb zur rechten Zeit zu erscheinen, denn auch jetzt sind wieder Hunderttausende auf der Flucht, um in Europa Schutz zu suchen. Damals dagegen, und das spielt in Rays Geschichte eine wesentliche Rolle, waren es Millionen aus Europa, die nach Amerika flüchteten. Hinter den Themen Flucht und Migration steht aber auch die persönliche Erfahrung des Autors, als der damals 15-Jährige im Jahr 1982 mit seiner Familie aus dem kommunistischen Rumänien floh.

Inbrünstig und mit Herzensliebe

Florescu war es deutlich anzusehen, wie sehr er seine Figuren und deren Geschichten liebt. Während er das zweite Kapitel des Buches las, in dem Elena zum ersten Mal zu Worte kommt, saß er recht weit vorne auf der Stuhlkante, dem Publikum nah, der Rücken gerade, als hebe er zum Rezitieren, nicht nur zum Vorlesen an. Wohl selten hat man einen Autor derart inbrünstig und mit Herzensliebe seinen Text vortragen sehen und hören. Vier Jahre hat er für seinen Roman recherchiert. Alles auf Englisch, sagte er und lachte, als er ein deutsches Wort versehentlich mit englischem Akzent aussprach.

Florescu sprudelt, er ist ein wahrer Erzähler, nicht nur in seinen Büchern. Die Lesung hatte noch nicht begonnen, da sprach er schon vorbeihastende Messebesucher an, sie mögen doch Platz nehmen, hier reise man nach New York. Die vorderen Plätze seien die erste Klasse, die hinteren die zweite und dritte Klasse. Er sprach davon, dass er zwar in Zürich lebt, aber in einem Multi-Kulti-Eck von Rumänien aufgewachsen sei, und dieses „Durcheinander der Kulturen“ habe auch seine Art zu schreiben beeinflusst. Florescu sieht den Künstler, den Schriftsteller als „guten Zeugen seiner Zeit“, der literarisch Zeugnis ablege, mit Gefühlen und großem Herzen. Das war ihm deutlichst anzumerken, denn dieser Autor trägt sein Herz auf der Zunge.

Catalin Dorian Florescu: Der Mann, der das Glück bringt, C. H. Beck, München, 2016, 327 Seiten, gebunden, 19,95 Euro, ISBN 978-3406691126, Leseprobe

Am Abend las nicht nur die US-amerikanische Autorin Cynthia D’Aprix Sweeney (Loriot hätte an diesem Namen seine Freude gehabt!) aus ihrem zum Bestseller gewordenen Debütroman „Das Nest“, sondern sie hatte auch noch den deutschen Schauspieler Johann von Bülow („Nach fünf im Urwald“, „Tatort“, „Mord mit Aussicht“) im Schlepptau. Der las die deutsche Übersetzung in einer Vortrefflichkeit, dass es eine Wonne war, ihm zu lauschen. Nicht umsonst hat von Bülow (der übrigens ein entfernter Verwandter von Loriot ist) die Hörbuchfassung des Romans eingelesen.

Das Buch handelt von den vier Geschwistern Melody, Jack, Bea und Leo. Sie alle sind in den Vierzigern, stehen mitten im Leben und haben immer gewusst, dass sie eines Tages erben würden. Also, sagen wir es so: sie haben damit gerechnet. Was aber, wenn die Erbschaft ausbleibt? Was geschieht mit den Träumen, die sie hatten? Was ist mit dem Geld, das sie bereits ausgegeben haben, weil sie sich zu sicher waren? Denn ihre Mutter hat das Geld kurzerhand gebraucht, um dem Playboy Leo aus einer Notlage zu helfen. Die Geschwister sind außer Rand und Band und lassen erzürnt den alten Groll untereinander wieder aufleben. Agatha Christie hätte daraus vermutlich einen Fall für Miss Marple oder Hercule Poirot gemacht. D’Aprix Sweeney aber schreibt damit den Roman einer dysfunktionalen Familie, legt genüsslich den Finger in so manche Wunde, ein bisschen böse, aber vor allem scharfsinnig und sehr humorvoll.

„Das Nest“ ist D’Aprix Sweeneys erster Roman. Im Literaturhaus Wien erzählte sie, wie sie in den späten 20er Jahren ihres Lebens eine vage Idee vom Romaneschreiben hatte. Sie sei immer eine große Leserin gewesen, habe auch Autoren und Journalisten gekannt, aber was sie selbst damals zu Papier gebracht habe, seien allenfalls halbherzige Versuche gewesen. „Ich dachte, es sei eher meine Rolle, andere Autoren zu unterstützen und zu ihren Lesungen zu gehen und ihre Bücher zu kaufen, nicht aber, selbst zu schreiben.“

Studium im kreativen Schreiben

Erst als die Kinder im College-Alter waren und die Familie nach Los Angeles zog, wollte sie eine andere Arbeit haben (zuvor hat sie 27 Jahre als PR-Beraterin in New York City gearbeitet) und versuchte es dann mit dem Schreiben. Sie nahm ein Studium im kreativen Schreiben am Bennington College auf, das sie mit dem Master of Fine Arts (MFA) abschloss. Während des Studiums begann sie bereits mit dem „Nest“. Das Wichtigste, was sie am College gelernt habe, seien das Einhalten von Abgabeterminen und Struktur gewesen. „Und eine gewisse Priorisierung im Leben, denn wenn man auch noch familiäre Verpflichtungen hat, kann das Schreiben auf der To-do-Liste ganz schnell auf dem letzten Platz landen – ich aber habe gelernt, es ganz nach oben zu setzen.“

Der Erfolg gibt ihr Recht. „Das Nest“ (der Originaltitel heißt unglaublicherweise „The Nest“ – ein Glücksgriff in der Titelübersetzung!) ist ein wahrer Verkaufshit. Seit es im Frühjahr in Amerika und nun auch auf Deutsch erschienen ist, erklimmt es die Bestsellerlisten, auch die der New York Times (Platz 3). Auch in Deutschland wird es bejubelt: „Die Amerikanerin Cynthia D’Aprix Sweeney hat einen hinreißenden und klugen Familienroman geschrieben … glänzende Unterhaltung und ein literarischer Wurf“, urteilt etwa Denis Scheck in der ARD-Sendung Druckfrisch.

D’Aprix Sweeney reagiert bescheiden, wenn sie gefragt wird, warum sie glaube, dass das Buch so einschlage. In Wien sagte sie, es sei ein Glücksfall gewesen und es treffe offenbar einen Nerv: „Dieses Buch gibt den Menschen die Möglichkeit, mit den Menschen, die sie mögen, über Geld zu reden.“ An der Schnittstelle zwischen Familien und Geld komme es unweigerlich zu Streitigkeiten, wenn die Geschwister sich nicht leiden können. „Und man muss seine Familie nicht lieben, nur weil sie Familie ist. Natürlich haben wir eine Verantwortung als Menschen, uns zu kümmern und freundlich zueinander zu sein, aber nicht nur deshalb, weil man sich die DNA teilt.“

„Tradition des zivilen Ungehorsams“

Zum Ende der Lesung sprach Moderator Klaus Nüchtern D’Aprix Sweeney auf die US-Wahl an. Für sie sei es seltsam gewesen, erklärte sie, weil sie zu der Zeit in Deutschland auf Lesereise gewesen sei. „Ich finde, etwas Schlimmes passiert in der Welt. Die Wahl von Donald Trump ist für mich sehr erschütternd, und das Ereignis hängt zusammen mit der Brexit-Entscheidung und den Hassäußerungen in Deutschland, Österreich und Frankreich. Es macht mir Angst.“ Aber: „Meine Hoffnung als US-Bürgerin und als Weltbürgerin ist, dass die Leute Angst genug bekommen, um dagegen zu protestieren und sich dem zu widersetzen. Wir haben in den USA eine Tradition des zivilen Ungehorsams, und ich hoffe, wir stehen jetzt wieder an der Schwelle dazu.“

Cynthia D’Aprix Sweeney: Das Nest, Klett-Cotta, Stuttgart, 2016, 410 Seiten, gebunden, 19,95 Euro, ISBN 978-3608980004, Leseprobe

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