Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

Berliner OrgieDer Schriftsteller und Drehbuchautor Thomas Brussig hat sich für die Berliner Boulevardzeitung B.Z. ins Rotlichtmilieu der Hauptstadt begeben. Dabei herausgekommen ist – man hätte es bei dem Auftraggeber erwarten können – vor allem ein einseitiger, naiver Bericht über die Prostitution in Berlin, ohne den Frauen die ausreichende Gelegenheit zu geben, ihre Sicht der Dinge darzustellen. Brussig gibt zu, von der Prostitution keinen blassen Schimmer zu haben, erschreckenderweise zeigt er sich aber auch noch als frauenverachtender Macho.

Den Job habe er angenommen, weil ihn seine Ahnungslosigkeit beschäme, schreibt Brussig im Vorwort. Das ist nur eine von vielen Erklärungen, die er parat hat. Ihn interessiere auch „das Verhältnis zwischen Mann und Frau. Denn in der Welt der Prostitution ist es in gewisser Weise auf den Kopf gestellt. Hier ist es nicht der Mann, der versucht, die Frau ins Bett zu kriegen – hier ist es umgekehrt. Frauen wollen mit Männern Sex haben.“ Ein „Traumjob“ sei es für ihn, das sei mal klar. Weil er nur dieses eine Mal die „köstliche Freiheit des Naiven“ haben könne. Und: „Die Frauen wollen sowieso.“ Ja, klischeehaft ist es auch, dieses Buch.

Und so drückt er sich dann zu Beginn erst einmal am Straßenstrich der Oranienburger Straße herum und fabuliert in Gedanken über das treffendste Synonym für diese Art der Prostituierten. Nachdem er schon den eigentlich korrekten Begriff der Sexarbeiterinnen für sie ausgeschlossen hat („ist was für Theoretiker und Langweiler“), verweigert er ihnen auch die Schublade „Frauen“ („es gibt schließlich vielmehr Frauen als Frauen„) und stammtischphilosophiert sich dann zur Bezeichnung „Bordsteinflamingos“ durch. Völlig stereotyp lässt Brussig während seiner Streifzüge ohnehin außer Acht, dass die Prostitution kein ausschließlich weibliches Betätigungsfeld ist und es auch Männer und Transsexuelle in der Prostitution gibt.

„Mich stört, dass es über das Geld läuft“

Die US-Autorin Melissa Gira Grant hat in ihrer klugen Analyse „Hure spielen“ (Edition Nautilus, 2014) dafür gekämpft, dass Sexarbeit tatsächlich als Arbeit anerkannt wird, als Option, Geld zu verdienen und der Armut zu entkommen. Eine Art „Rettungsindustrie“ aber erkenne die Sexarbeit nicht nur nicht als Arbeit an, sondern glaube darüber hinaus zu wissen, dass keine Prostituierte ihrer Arbeit freiwillig nachgeht. Dazu gehört offensichtlich auch Thomas Brussig: „War es Alice Miller, die einmal gesagt hat, dass jede Prostituierte eine Vorgeschichte mit sexuellem Missbrauch hat? Das kann ich mir lebhaft vorstellen, denn ein Körper, der immer respektiert wurde, wird sich nicht wahllos zur Verfügung stellen, auch nicht für Geld.“ Mehr noch: „Es ist etwas an der Prostitution, das ich, ganz altmodisch, nicht richtig finde. Mich stört, dass es über das Geld läuft.“

Wer das in Brussigs Vorwort liest, hofft noch, dass sich dessen Einstellung ändert. Dass er den Sexarbeiterinnen zuhört und sie ernst nimmt, und ihnen auch die Gelegenheit bietet, etwa über die Gefahren in ihrem Leben zu erzählen. Doch das ist offenbar nicht Brussigs Ansinnen. Die Frauen, denen er begegnet, wissen nichts von seinem Auftrag. Er flunkert ihnen vor, Architekt und das erste Mal in einem Nachtclub oder einem Bordell zu sein. So hofft er auf Verständnis, wenn er dann doch wieder die Flucht antritt, denn seiner Frau musste er versprechen, dass es für sein „Puffbuch“ niemals zum Äußersten kommt. Die Sexarbeiterinnen erfahren das nicht, der Leser immerhin im letzten Drittel des Buches.

Wie aber soll sich ein ehrliches Gespräch zwischen Autor und Sexarbeiterin entwickeln, wenn Brussig von Anbeginn mit falschen Karten spielt? Respekt hat er gegenüber den Sexarbeiterinnen nicht, fordert den auf der anderen Seite aber deutlich für sich ein: „Was mir an ihr gefällt: dass sie mich mit Respekt behandelt. Es ist ein professioneller Respekt, aber den hätte sie nicht, wenn sie mit dem, was sie tut, nicht im Reinen wäre. Wenn alle Huren wären wie Kamila, dann wäre Hure kein Schimpfwort mehr.“ Das alles entlarvt das Buch als das, was es wirklich ist: Ein boulevardeskes Schundstück für die männlichen B.Z.-Leser.

Boxershorts mit roten Herzchen

Darüber hinaus erfährt der Leser Dinge über Thomas Brussig, die er sicher nie wissen wollte. Angefangen bei den Boxershorts mit roten Herzchen, die Brussig offenbar nicht nur im Schrank liegen hat, sondern auch anzieht. Dann bekennt Brussig auch noch, dass er nicht mit jeder könne, „wäre dann aber für eine ganze Menge offen“. Je länger seine Testreihe dauert, desto mehr rümpft Brussig die Nase. Nur zwei Etablissements haben es ihm angetan: Der Swingerclub „Tempeloase“ („Die Orgien haben starken Eindruck auf mich gemacht“) sowie das Bordell „Artemis“, bei dem sich Brussigs Beschreibung allerdings wie eine Werbebroschüre liest, so begeistert ist er.

In einem Interview mit der Tageszeitung Die Welt (25. März 2007) hat er erklärt, er wolle das „ungefähr so schreiben, wie es vielleicht Remarque getan hätte, wenn er in den Zwanzigern diesen Auftrag bekommen hätte. Eine Melange machen aus konkreten Erlebnissen, etwas Zeitkolorit und natürlich allgemeingültigen, zeitlosen Erkenntnissen über Mann und Frau.“ Mit Verlaub: Aber Remarque hätte daraus Literatur gemacht!

Immerhin hat Brussig das Buch einen lukrativen Nachfolgeauftrag eingebracht: Udo Lindenberg nämlich hat ihn daraufhin als Autor für dessen Musical „Hinterm Horizont“ verpflichtet. In einem Interview mit der Frankfurter Rundschau (12. Januar 2011) sagte Lindenberg: „Ich hab ihn 2007 bei der Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille kennen gelernt. Da hatte ich gerade dieses Rotlichtbuch „Berliner Orgie“ von ihm gelesen. Das gefiel mir, und da hab ich ihm die Story erzählt von dem Mädchen aus Ost-Berlin.“

„Berliner Orgien“ ist 2007 erschienen und glücklicherweise mittlerweile vergriffen. Brussig, der mit dem Wenderoman „Helden wie wir“ bekannt geworden ist, hat zuletzt im Jahr 2015 den Roman „Das gibts in keinem Russenfilm“ veröffentlicht. Das „Orgien“-Buch sollte man in der Brussig-Bibliothek tunlichst vermeiden. Wer sich aber für das Thema Sexarbeit interessiert, dem seien unbedingt Melissa Gira Grants „Hure spielen“ (Edition Nautilus, 2014) sowie Tanja Birkners Porträt-Bildband „Halbe Stunde“ empfohlen.

Thomas Brussig: Berliner Orgie, Piper Verlag, München, 2007, 205 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 16,90 Euro, ISBN 978-3492050371 (vergriffen)

Advertisements

Read Full Post »

Halbe Stunde„Früher konnte ich mich auch mal ausruhen, aber jetzt muss ich immer stehen und kucken, ob die Polizei kommt“, sagt Faghira. Sie ist 23 Jahre alt und arbeitet in einem Stundenhotel im Hamburger Stadtteil St. Georg. Die Fotografin Tanja Birkner hat sich dort drei Jahre lang mit Menschen aus der Prostitution getroffen und sie interviewt. Daraus ist das überzeugende Fotoprojekt „Halbe Stunde“ entstanden, eine Sammlung aus nahe gehenden Porträts in Text und Foto, vorurteilsfrei, respektvoll und nie voyeuristisch. Zunächst war es nur eine Ausstellung, jetzt sind die sensiblen Porträts auch als Buch erschienen.

Faghira heißt nicht wirklich Faghira. Es stimmt aber, dass sie aus Bulgarien kommt, dass sie erst seit zwei Jahren in Hamburg ist, und dass sie nicht nur in einem Stundenhotel arbeitet, sondern auch dort wohnt. Sie hat keine Papiere, denn dazu braucht sie eine Adresse, eine Wohnung. Dafür aber hat sie kein Geld, denn das wenige, das sie verdient, gibt sie für Verpflegung und ihr Zimmer aus. 40 Euro kostet das pro Tag. „Ich finde diese Arbeit nicht gut, aber ich weiß keine andere“, sagt sie.

Tanja Birkner hat ihr Gesicht von der Seite fotografiert. Hinter den langen dunklen Haaren lassen sich Mund und Nase erahnen, in der Hand hält Faghira eine Zigarette. Zwei Seiten weiter steht sie auf einer hölzernen Hängebrücke eines leeren Kinderspielplatzes, dem Betrachter hat sie den Rücken zugewandt. Das nächste Foto zeigt Faghiras Arbeitsplatz: Ein karges Zimmer, ein quadratisches Bett mit rosa Laken, darüber ein kleineres, weißes Laken, darauf ein rosa Handtuch. Am Kopfende ein aufgestelltes, weiß bezogenes Kissen, am Fußende eine Schachtel mit Taschentüchern. Links und rechts ein Nachttisch.

„Ich wusste, alles ist besser als zu Hause“

In „Halbe Stunde“ kommen die Porträtierten selbst zu Wort. Es ist nicht Tanja Birkner, die über sie schreibt, sondern die Menschen erzählen in der Ich-Form von ihrem Leben, ihrer Arbeit, ihren Wünschen und Ängsten sowie von ihrem Blick auf die Welt. So lernt man auch Mariam kennen, die beschreibt, wie sie mit 15 Jahren nach St. Georg gekommen ist, geflüchtet aus einer Familie, in der beide Elternteile schwere Alkoholiker waren. „Ich wusste, alles ist besser als zu Hause. Ich bin dann direkt in die Szene.“ Sie nimmt Drogen, ihr Leben klettert auf und ab, sie infiziert sich mit HIV.

Um sie herum hat sich die Prostitution verändert. Der Hamburger Senat erklärte St. Georg im Jahr 1980 zum Sperrbezirk. Straßenprostitution ist dort nicht mehr erlaubt. Wer dennoch von der Polizei erwischt wird, muss heute mit Bußgeldern von mindestens 200 Euro rechnen. Seit 2012 gilt ein zusätzliches Kontaktverbot. Seitdem kann die Polizei auch die Freier empfindlich bestrafen. Die Folge: Viele bleiben weg, die Preise sinken, das Arbeitsumfeld für die Prostituierten wird schwieriger und gefährlicher. Derweil wandelt sich auch der Stadtteil, der Hansaplatz wird renoviert, immer mehr neue Wohnungen entstehen. Mariam sagt: „Die Stundenhotels sind in Wohnungen umgewandelt worden, und die neu Hinzugezogenen rümpfen die Nase über uns.“

In ihrer Freizeit geht Mariam gerne ins Gewächshaus im Park Planten und Blomen, sie liest dort oder spielt mit ihrem Gameboy. „Im Gewächshaus gibt es eine Agave, die wächst aus dem Dach. Sie ist jetzt vierzig Jahre alt, wird diesen Sommer blühen und dann sterben“, erzählt sie. Mariam ist nicht mehr Vierzig geworden. Birkner notiert am Ende des Porträts: „Mariam starb im Januar 2015 an den Folgen ihrer Erkrankung.“

Veröffentlichung im Sinne der Beteiligten

Alle Porträtierten haben ihre Texte gegengelesen und konnten sie auch noch ändern, bevor sie veröffentlicht wurden. Auch bei den Fotos gab es ein Mitspracherecht. „So konnte ich sicher sein, dass die Veröffentlichung im Sinne der Beteiligten und der Idee des Projektes ist“, erklärt Tanja Birkner auf Anfrage von Seitengang. Voraussetzung für die Auswahl der porträtierten Menschen sei zunächst ein erstes Gespräch gewesen, in dem über die Idee, Zweifel und die Tragweite des Projektes gesprochen worden sei. „Dafür brauchte es dann manchmal auch die Unterstützung von Sozialpädagogen oder Dolmetschern.“

„Halbe Stunde“ ist konzeptionell hervorragend gestaltet. Auffällig ist zunächst der nur leicht durchsichtige Schutzumschlag, der die Farben des darunter liegenden Fotos abschwächt und ins Diffuse stellt. Wer den Band dann öffnet und zum ersten Porträt blättert, entdeckt auf der rechten Seite ein erstes Foto, auf der linken Seite nur den Namen, das Alter und ein Zitat. Darunter verweist eine Seitenzahl auf das Gesagte, das sich stets im hinteren Teil des Buches finden lässt. So gerät man unweigerlich in andere Fotos und andere Porträts, bevor man schließlich das Gesuchte liest. Von dort zeigt ein weiterer Seitenhinweis an, von welcher vorderen Seite man denn nun gekommen ist. Oder auf welcher Seite die Fotos zum Gesagten stecken, falls man sich vorher von anderen Worten hat ablenken lassen.

Man sollte sich, wie für einen Galeriebesuch, Zeit nehmen. Denn der Leser hält nicht nur eine beeindruckende Fotoausstellung in den Händen, sondern vor allem 16 Lebensgeschichten. Darunter sind zum einen die Zeugnisse der Frauen und Männer aus der Armutsprostitution, aber auch Tamara, Inhaber des Gay-Clubs „La Strada“, stellt seine Sicht dar. Oder der 23-jährige Jan, der als Escort arbeitet. Oder auch die selbstbewusste Domina Undine de Rivière, die das Prostitutionsgesetz zum Thema macht. Hier verändert sich auch die Wortwahl. Statt des Begriffs „Prostituierte“, der sich für manch einen so gut in Schubladen stecken lässt, sagt sie „Sexarbeiterinnnen“ und „Sexarbeiter“: „Wir wollen, dass unsere Arbeit anerkannt wird, was sie offiziell leider immer noch nicht ist.“ Nach wie vor fehle es an der gesellschaftlichen und politischen Anerkennung, stattdessen würden „verschiedene Seiten das Ganze am liebsten kriminalisieren“.

Intensive Auseinandersetzung

Wie sieht Tanja Birkner selbst inzwischen die Prostitution, vor allem die Armutsprostitution? „Durch die intensive Auseinandersetzung ist mir die Komplexität des Themas bewusst geworden“, erklärt sie gegenüber Seitengang. „Deshalb war es mir wichtig, möglichst viele unterschiedliche Facetten von Prostitution zu zeigen, wie zum Beispiel männliche und weibliche Prostitution, selbstbewusste Prostitution und auch Armutsprostitution, ohne zu bewerten oder zu stigmatisieren.“

Dass die Arbeit an der Porträtserie mitunter sehr schwierig war, es auch Einbrüche und Hindernisse gab, verhehlt sie nicht: „Es gab viele Momente, in denen ich kurz davor stand, das Projekt abzubrechen, weil es sich schwierig gestaltete – auch auf Grund des Kontaktverbots in St. Georg, das durch eine hohe Polizeipräsenz im Stadtteil durchgesetzt wird.“ Das sei keine gute Voraussetzung gewesen, Menschen dazu zu bewegen, über ihre Arbeit als Prostituierte zu erzählen und sich porträtieren zu lassen. „Einige der Menschen habe ich über den gesamten Zeitraum hinweg ein Stück weit begleitet und sie mich.“ Manche habe sie am Anfang getroffen, dann wieder aus den Augen verloren und nach zwei Jahren wieder getroffen. Andere seien am Anfang unsicher gewesen und hätten Zweifel gehabt, ob sie sich am Projekt beteiligen wollen. „Im Laufe der Zeit gab es die Möglichkeit, immer wieder in Kontakt zu kommen und über Unsicherheiten zu sprechen – so hat sich die Idee immer weiterentwickelt und auch die Beziehungen selbst“, erzählt sie.

Gestoßen ist sie auf das Thema schon deshalb, weil die Prostitution in Hamburg so sichtbar sei und mitunter sogar als Werbung für die Toleranz und Freizügigkeit der Stadt diene. „Aber Klischees und Mythen erschweren einen vorurteilsfreien Blick auf die Menschen, die sich prostituieren“, sagt Birkner. „Es gibt wenig Bilder, die von den Menschen selbst erzählen und die die Vielschichtigkeit des Themas beleuchten. Im Rahmen meines Projekts ging es mir genau um diese Vielschichtigkeit.“

Faible für Porträtserien

Tanja Birkner hat ein Faible für Porträtserien. Zuletzt hat sie sich im Projekt „Kleine Freiheit“ mit der Parallelstraße der Großen Freiheit in Hamburg beschäftigt und die Betreiber von alten Handwerksbetrieben und neuen Kreativschuppen porträtiert. Davor zeigte sie in „Xpac“ junge Flüchtlinge, die im Hamburger Stadtteil Billstedt leben, einem sozialen Brennpunkt der Stadt. Und 2004 fotografierte sie junge Frauen aus unterschiedlichen Kulturen mit und ohne Kopftuch. Dazu schreibt sie auf ihrer Webseite: „Die Portraits geben keinen eindeutigen Aufschluss über persönliche und kulturelle Hintergründe der Frauen. Dies soll so sein, um eine möglichst große Vielfalt an Bedeutungen – fern von Festlegungen – sichtbar zu machen.“

Eine möglichst große Vielfalt an Bedeutungen, die zeigt Birkner auch in „Halbe Stunde“. Fernab aller Klischees und Vorverurteilungen, stattdessen behutsam und mit Respekt. Ein Glossar klärt zudem über die wichtigsten Begriffe, Orte und Bars auf, die in den Texten erwähnt werden. Das ist hervorragend gemacht! Die Ausstellung ist weiterhin buchbar, und ihr ist zu wünschen, dass auch andere Galerien noch darauf aufmerksam werden und bereit sind, das Projekt zu zeigen.

Tanja Birkner: Halbe Stunde, Sieveking-Verlag, München, 2015, 160 Seiten, 75 Abbildungen, broschiert mit Schutzumschlag, 35 Euro, ISBN 978-3944874289, Sichtprobe, Webseite der Fotografin, Video-Trailer zum Fotoprojekt

Seitengang dankt dem Sieveking-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Read Full Post »

Die Würde ist antastbarDer Strafverteidiger und Schriftsteller Ferdinand von Schirach hat 13 seiner im Spiegel erschienenen Essays zu einem neuen Werk zusammengefasst. Allein aufgrund der deutlichen Ausführungen zu Recht und Menschenwürde gehört die Sammlung mit dem Titel „Die Würde ist antastbar“ in vieler Leute Hände.

Von Schirachs Erzählbände „Verbrechen“ und „Schuld“ sowie seine beiden bisher veröffentlichten Romane „Der Fall Collini“ und „Tabu“ umkreisen stets dieselben Themen: Schuld, Sühne, Verbrechen, Strafe und Moral. Als ehemaliger Strafverteidiger hat er das zum Sujet seiner Bücher gemacht, was sein tägliches Brot war, bevor er sich für den Hauptberuf des Schriftstellers entschied. Auch in seinem Essayband „Die Würde ist antastbar“ bleibt er seinen Themen treu.

Und so beginnt er seinen Band wie das Grundgesetz mit der Würde des Menschen. Was das eigentlich sei, diese Würde. Die Antwort gibt er selbst und verweist auf Kant und Schopenhauer und darauf, dass es laut Verfassung genüge, ein Mensch zu sein, um Würde zu besitzen. „Wenn nun über einen Menschen bestimmt wird, ohne dass er darauf Einfluss nehmen kann, wenn also über seinen Kopf hinweg entschieden wird, wird er zum Objekt. Und damit ist klar: Der Staat kann ein Leben niemals gegen ein anderes Leben aufwiegen. Keiner kann wertvoller sein als ein anderer.“ Dieser Grundsatz jedoch werde immer mehr in Frage gestellt, erklärt von Schirach. Als Beispiele nennt er Barack Obamas Befehl, Osama bin Laden zu töten, oder dessen Ankündigung, Guantanamo zu schließen. Vier Jahre danach aber habe sich daran nichts geändert: Noch immer würden dort Menschen gefangen gehalten und gequält.

Die Würde wird mit Füßen getreten

Auch für Deutschland benennt er Fälle, in denen die Würde des Menschen auf der Strecke bleibt: Im Fall des Kindermörders Magnus Gäfgen entschied der stellvertretende Polizeipräsident Frankfurts, Wolfgang Daschner, Gäfgen sollte Folter angedroht werden, damit er den Aufenthaltsort seines Opfers preisgibt. Daschner ging damals davon aus, dass der 11-jährige Junge noch lebte. Das zog eine Grundsatzdiskussion nach sich, ob unter bestimmten Umständen die Androhung von Folter verhältnismäßig sei. Von Schirach macht unmissverständlich klar, dass hier und in weiteren Fällen nicht mehr nur die Würde nicht angetastet, sondern sogar mit Füßen getreten werde. Denn auch die „Fürchterlichsten“, wie er Gäfgen in einem weiteren Essay nennt, besitzen Würde. Das wird tatsächlich allzu gern vergessen.

Absolut lesenswert ist der Essay mit der Überschrift „Du bist, wer du bist“, in dem sich von Schirach mit seinem Großvater beschäftigt. Baldur von Schirach war einer der obersten Nationalsozialisten und verantwortlich für die Deportation der Wiener Juden in die Vernichtungslager. In den Nürnberger Prozessen wurde er wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 20 Jahren Haft verurteilt. Er starb 1974 in Kröv an der Mosel. Weil Ferdinand von Schirach vor allem von Journalisten immer wieder mit Fragen nach seinem Großvater gelöchert wird, will er mit diesem Essay ein für alle Mal deutlich machen, warum er darauf stets keine Antworten hat. Dem Text ist deutlich anzumerken, wie fremd dem Enkel dieser Mann war, der doch sein Großvater sein sollte. „Mein Großvater war ein alter Mann mit einer Augenklappe, den ich nicht kannte“, schreibt von Schirach. Und: „Ich habe nie begriffen, warum mein Großvater der wurde, der er war.“ Gesprochen aber haben die beiden nie über das Thema. Und so ist Ferdinand von Schirach auch heute noch ratlos, absolut ratlos. Aber was von Schirach über die Schuld seines Großvaters schreibt, ist eindringlich und eine deutliche Antwort auf viele Fragen.

Es finden sich in diesem Sammelband jedoch auch Essays, die seltsam anmuten. An erster Stelle sei da jener Text mit dem Titel „Die Kunst des Weglassens“ erwähnt. Darin erklärt von Schirach seinen Lesern, warum das iPad die Zukunft des Lesens sei. Leider liest sich der Text wie eine Werbebroschüre von Apple, nicht aber wie ein fundierter Essay über die Zukunft des Lesens. Die Kunst des Weglassens hätte von Schirach hier lieber selbst beherzigen und diesen Text weglassen sollen.

Jammern auf hohem Niveau

Ähnlich fragwürdig ist der Text mit dem Titel „Weil wir nicht anders können: Über das Schreiben“. Da geht es ihm zunächst um das Urheberrecht und die Frage, ob E-Book-Tauschbörsen legalisiert werden sollen. Dann aber bekennt er sein Unverständnis darüber, „warum Schriftsteller ihre Bücher selbst vermarkten sollen“. Das verführt ihn dazu, von seinem eigenen Weg in die Schriftstellerei zu berichten. Wie er zunächst des Nachts am Schreibtisch saß, weil er nicht schlafen konnte, und bei Zigaretten, Kaffee und dem fahlen Bildschirmlicht Geschichten aus seinem Anwaltsleben niederschrieb. Wie er dann sofort einen Verlag fand („Wir machen das Buch.“), sich mit der Lektorin an die Manuskript-Bearbeitung machte und nach Erscheinen des Buchs auf Lesereise ging. Für seine Termine im Ausland, das Buch war mittlerweile auch dorthin verkauft worden, sorgte sein Verlag. „Nichts davon hätte ich selbst machen können.“ Das ist wahrlich Jammern auf hohem Niveau – und das Erschreckende ist, dass von Schirach so naiv zu sein scheint, dass er von seiner Ausnahmerolle nicht ansatzweise etwas ahnt.

Nein, von Schirach erkennt für sich: „Ein Buch entsteht also nicht nebenbei. Der Vorschlag, Schriftsteller sollten sich selbst auch noch um die Verwertung kümmern, ist absurd. Sie sollen schreiben, ihre Bücher müssen andere verkaufen.“ Von Schirach verkennt hier aber, dass viele andere Autoren genau das nach dem Schreiben ihres Buches auch noch tun müssen. Von der Krimi-Bestseller-Autorin Nele Neuhaus ist etwa bekannt, dass sie ihr erstes Buch „Unter Haien“ im Selbstverlag herausgab und sich – natürlich – um Werbung und Vermarktung selbst kümmern musste. Auf ihrer Webseite beschreibt sie sehr eindrücklich den langen, steinigen Weg inklusive „Klinkenputzen bei Buchhändlern in der Umgebung, die Erstellung einer eigenen Webseite, Lesungen vor manchmal nur zwei oder drei Leuten, Kontakte zur Presse aufbauen“. Von Schirach hat das alles nie erfahren müssen. Erschreckend aber ist, dass sich sein Blick dafür nicht weitet, sondern unwissende Leser Glauben macht, sein Weg sei der übliche.

Die Essays der Sammlung „Die Würde ist antastbar“ sind erstaunlich aktuell geblieben, obwohl sie aus den Jahren 2010 bis 2013 stammen. Was sie außerdem auszeichnet, ist die typische Schreibart, die von Schirachs Texte auch bei juristischen Zusammenhängen lesbar hält: Kurze Hauptsätze, nüchtern und sachlich, aber weit davon entfernt, spröde zu wirken. Nach seinem missglückten zweiten Roman „Tabu“ zeigt dieser Essayband einmal mehr: Von Schirachs Können liegt in der Kürze. Das ist wahrhaft geistreicher Genuss!

Ferdinand von Schirach: Die Würde ist antastbar, Piper Verlag, München, 2014, 143 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 16,99 Euro, ISBN 978-3492056588

Read Full Post »

Hure spielenMelissa Gira Grant ist in den USA eine der bekanntesten Stimmen in der Debatte um Sexarbeit. Jetzt ist ihr Sachbuch „Hure spielen – Die Arbeit der Sexarbeit“ auch auf Deutsch erschienen. Es beleuchtet vor allem die Diskussion in den USA, wo das Kaufen und Verkaufen von Sex illegal ist. Die Analyse der Journalistin, die früher selbst Sexarbeiterin war, stellt überzeugend die Vielfalt der Sexarbeit dar, aber auch wie einfältig wir immer noch das Thema betrachten. Dabei finden sich auch nachdenklich stimmende Parallelen zur deutschen Debatte um ein Verbot der Prostitution. Wer sich zu diesem Thema eine Meinung erlaubt, sollte „Hure spielen“ gelesen haben.

Das Buch der US-Autorin in der Öffentlichkeit zu lesen, könnte zur Folge haben, dass Sie skeptische, prüfende Blicke ernten. Zunächst auf den Buchumschlag, dann ins Gesicht. Abschätzend, nicht unbedingt abschätzig. „Hure spielen. Die Arbeit der Sexarbeit“ steht in großen Lettern auf der Vorderseite des Buchdeckels. „Hure“ funktioniert als Reizwort und ist immer noch zutiefst negativ besetzt.

Grant, die dem Hurenstigma ein eigenes Kapitel widmet, erklärt, dass auch viele Menschen, die gar nicht der Sexarbeit nachgehen, mit dem Wort „Hure“ gebrandmarkt werden: „Sie werden mit diesem Stigma behaftet, weil sie gegen bestimmte ‚Zwangstugenden‘ verstoßen haben, oder weil ihnen das unterstellt wird.“ Die Äußerung des Hurenstigmas als Folge der feministischen Tradition der Hurenbewegung könne aber einen Ausweg aus der Situation bieten, indem sich Frauen innerhalb und außerhalb der Sexbranche mehr miteinander solidarisieren.

Das Wort von dem Hass befreien

In einem späteren Kapitel erklärt Grant jedoch, dass es womöglich schwierig sei, genug aktive und ehemalige Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter zusammenzubekommen, die „sich darauf einigen können, die Bezeichnung ‚Hure‘ für sich positiv zu besetzen, so wie das mit dem Adjektiv ’schwul‘ gelungen ist.“ Dabei sei es doch erstrebenswert, das Wort von dem Hass zu befreien, den es mit sich trage, und den Mechanismen etwas entgegensetzen zu können, mit denen Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter definiert oder in Kategorien eingeteilt werden.

„Ich glaube nicht, dass wir irgendjemanden und schon gar nicht uns selbst abwerten, wenn wir uns selbst als ‚Huren‘ bezeichnen. Allein schon um zu zeigen, dass niemand durch das abgewertet wird, was zwischen meinen Beinen passiert, und auch nicht durch das, was ich darüber zu sagen habe, sollten wir den Begriff ‚Hure‘ für uns besetzen.“

Grant ist selbst ehemalige Sexarbeiterin, hat aber in ihrem Buch ausdrücklich nicht von ihren Erfahrungen geschrieben, sondern andere zu Wort kommen lassen. Trotzdem ist es eine sehr persönliche Streitschrift geworden, auch weil sie nicht immer journalistisch korrekt objektiv berichtet und analysiert und auch mit Humor und Polemik nicht spart. Aber sie stellt die Fragen, auf die es oft nur unbequeme Antworten gibt. Und in vielen Bereichen ist dieses Buch vor allem eins: ein Manifest der Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter.

Stereotyper Irrglaube

Kommen wir zum Lesen in der Öffentlichkeit zurück: Wird Frauen womöglich eine andere Motivation zur Lektüre unterstellt als Männern? Das könnte eine Folge des stereotypen Irrglaubens sein, Männer seien die Freier, Frauen die Prostituierten. Doch es gibt Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter. Dankenswerterweise beschränkt sich Grant in ihrem klugen Buch nicht nur auf die Frauen in der Sexarbeit, sondern bezieht auch die Männer und Transsexuellen ein.

Die „Prostituierten-Rettungsindustrie“ aber, wie die Ethnologin Laura Augustín das Phänomen nennt, sieht nur die Frauen – und die sind stets die Opfer. Nach Ansicht der „Retter“ muss deshalb zum einen den Sexarbeiterinnen geholfen werden, weil sie von den Freiern ausgenutzt werden, zum anderen aber auch den Frauen, die sich gegen die professionellen Reize der Sexarbeiter nicht wehren können. Diesen Irrglauben beleuchtet die deutsche Kulturwissenschaftlerin Mithu M. Sanyal in ihrem lesenswerten Vorwort auch in einem Exkurs zum Thema Geschlechtsehre.

Grant streitet für viele Aspekte der Sexarbeit. Aber am wichtigsten ist ihr, dass Sexarbeit tatsächlich als Arbeit anerkannt wird, als Option, Geld zu verdienen und der Armut zu entkommen. Die „Rettungsindustrie“ aber erkenne die Sexarbeit nicht nur nicht als Arbeit an, sondern glaube darüberhinaus zu wissen, dass keine Prostituierte ihrer Arbeit freiwillig nachgeht. So werde die Kritik der Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter an den Bedingungen der Sexarbeit oft „schlicht als Beweis für deren eigentlichen Wunsch gelesen (…), eine andere Arbeit zu finden.“ Dabei gehörten Beschwerden über Arbeitsbedingungen zu jeglicher Art von Arbeit und sollten nicht anders gesehen werden, nur weil sie Prostituierte äußern. Grant zitiert als Beispiel zu diesem häufigen Missverhältnis die Journalistin Sarah Jaffe, die als Kellerin gearbeitet hat: „Niemand wollte mich je aus dem Gastronomiesektor retten.“

Warnung vor einseitigen Darstellungen

Dass Sexarbeit nicht immer nur Arbeit ist, sondern auch mit Gewalterfahrungen zusammenhängen kann, verschweigt Grant indes nicht. Aber sie warnt davor, die Arbeit einseitig und stets als Gewalterfahrung darzustellen und sie für die „Rettungsindustrie“ zu instrumentalisieren. So gebe es auch andere Arbeitsfelder, in denen Frauen ausgebeutet oder an der Gesundheit geschädigt werden, und trotzdem nenne man deren Beschäftigungsfeld Arbeit. Im Bereich der Sexarbeit aber scheine die Distanz zu fehlen.

Grants Buch handelt selbstverständlich auch viel von der Sexarbeit in den USA. Dort kommt es immer wieder zu demütigenden Polizeieinsätzen gegenüber Menschen, die verdächtigt werden, der Prostitution nachzugehen, und Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter werden gesellschaftlich ausgegrenzt. Grant zeigt detailliert, wie die Sexarbeit systematisch kriminalisiert wird.

Einen weiteren unglaublichen Teil besorgt dann noch ein Teil des Feminismus‘, der fordert, man müsse die Prostitution zum Wohle der Frauen verbieten, ohne je zuvor mit einer Prostituierten gesprochen zu haben. Auch dafür kämpft Grant mit ihrem Buch: Dass die Öffentlichkeit den Sexarbeitern zuhört. Dass sie gehört und vor allem ernst genommen werden. Dass sie über die Gefahren in ihrem Leben sprechen können. Und dass sie nicht gleich in eine Opferrolle gedrängt werden.

Das lässt sich auch auf Deutschland beziehen, wenngleich sich hier die Situation für Prostituierte verbessert hat. Aber auch hier sollten Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter am Gesetzgebungsverfahren beteiligt werden. Es sei denn, sie gelten auch bei uns nur als Opfer. Oder als Unmündige. Die öffentliche Debatte zu den angestrebten Änderungen der Bundesregierung am Prostitutionsgesetz ist weitestgehend verstummt. Es ist den Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern, aber auch unserer Gesellschaft zu wünschen, dass Grants Manifest die Debatte wieder anheizt.

Melissa Gira Grant: Hure spielen – Die Arbeit der Sexarbeit, Edition Nautilus, Hamburg, 2014, 191 Seiten, Taschenbuch, 14,90 Euro, ISBN 978-3894017996, Leseprobe

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: