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Archive for the ‘Kinder- und Jugendbücher’ Category

Es gibt sie noch, die Bücher, die man eng an sein Herz pressen und nie wieder hergeben möchte. „Der Fuchs und der Stern“ ist ein solches Buch, grafisch herausragend umgesetzt, erzählerisch trotz nur weniger Worte eine Wucht und zusammen genommen eine fantastische Harmonie von Bild und Text. Ein wahrer Schatz!

„Der Fuchs und der Stern“ erzählt die Geschichte eines Fuchses, der tief verborgen in einem dichten Wald lebt. Er hat nur einen einzigen Freund, einen Stern, der ihm stets den Weg weist. Eines Nachts aber ist der Stern plötzlich verschwunden und der Fuchs ganz furchtbar allein. Was nach Kinderbuch klingt, ist eine anrührende Fabel über Freundschaft und Verlust. Auch für Erwachsene.

Geschrieben und illustriert hat sie die Engländerin Coralie Bickford-Smith, die als eine der international renommiertesten Buchgestalterinnen gilt. Für den Verlag Penguin Random House in London hat sie legendär gewordene Buchreihen entworfen, darunter vor allem die Penguin Hardcover Classics. Für die Reihe mit in Leinen gebundenen Klassikern der Weltliteratur in wunderschön-bibliophiler Ausstattung, die an die Welt der viktorianischen Buchbindung erinnert, bekam Bickford-Smith international viel Aufmerksamkeit. „Der Fuchs und der Stern“ ist ihr erstes Buch, das sie selbst verfasst hat. Auf ihrer Webseite erzählt sie, die Geschichte sei von ihren eigenen Lebenserfahrungen inspiriert. Mehr aber verrät sie darüber nicht.

Neue Art der Buchkunstbewegung initiiert

Wie ihre anderen Arbeiten geht auch die Illustration von „Der Fuchs und der Stern“ zurück auf die viktorianische Zeit der Buchgestaltung und dort vor allem auf das Werk von William Morris. Der britische Tausendsassa begann im Alter von 54 Jahren und nur acht Jahre vor seinem Tod mit dem Buchdruck und richtete 1888 seine eigene Privatdruckerei ein, die fortan unter dem Namen „Kelmscott Press“ berühmt wurde und eine neue Art der Buchkunstbewegung initiierte.

Wie Morris legt auch Bickford-Smith deutlichen Wert auf die ornamentale Ausschmückung ihrer Bücher sowie die Verwendung von sorgfältig ausgewähltem Papier. Wichtigste Inspiration für ihre eigene Fuchs-Geschichte sei William Morris‘ „Kelmscott Press“-Ausgabe von „Reineke Fuchs“, die 1892 veröffentlicht wurde.

Gehen Sie an diesem Buch nicht achtlos vorbei! Fassen Sie es an, schlagen Sie es auf, betrachten Sie diese Kunstfertigkeit, denn „Der Fuchs und der Stern“ ist nicht nur eine wunderbar feine Harmonie von Typografie, Illustration, Papier und Einband. Es ist eine Schönheit sondergleichen! Und niemand, der es besitzt, wird es je wieder hergeben wollen. Deshalb sollte jeder stets zwei Exemplare besitzen – eines zum Behalten und eines zum Verschenken.

Coralie Bickford-Smith: Der Fuchs und der Stern, Insel Verlag, Berlin, 2016, 64 Seiten, gebunden, 18 Euro, empfohlen ab 4 Jahren, ISBN 978-3458176862, Leseprobe

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IMG_0816Wahre Schmuckstücke und dennoch bezahlbar, das sind die Bücher aus dem Verlag „Round not Square“ aus Berlin. Der Name ist Programm, denn die dort verlegten Werke sind nicht viereckig, sondern rund und – aufgerollt! Das erlaubt eine Rezeption, wie man sie Jahrhunderte lang nicht mehr erlebt hat. Erschienen sind bereits einige Kunst- und Fotobücher, aber auch das zauberhafte Kinderbuch „Wilma und Wolf“ von Luisa Stenzel und Juliane Streich, eine moderne Rotkäppchen-Version.

Wilma, ein pausbäckiges Mädchen, ist auf dem Weg zu ihrer Großmutter, die natürlich im Wald wohnt. Ausgestattet mit einem roten Käppchen, allerlei Schmackhaftem und dem einen oder anderen warnenden Wort ihrer Mutter, geht sie kühn dahin. Vor dem Wolf hat sie keine Angst. Sie kennt die Geschichten und Märchen über den Räuber des Waldes, aber die schrecken sie nicht, sondern manchen sie allenfalls stärker und sicherer.

Luisa Stenzel hat das alles ganz liebevoll gezeichnet. Kunstvoll nutzt sie das Spiel mit der Buchrolle und lässt auf schmale Text- und Bildpassagen sehr breite Zeichnungen folgen, auf denen Kinderaugen zwischen Baumwipfeln manch Katze oder Kaninchen erblicken. Es gibt viel zu schauen, während sich die Geschichte um Wilma und den Wolf entrollt.

Schicksalhafte Begegnung

Wolf ist nur die Kurzform von Wolfgang, aber das ist vielen gar nicht bekannt, denn die meisten Menschen nehmen Reißaus, wenn Wolf sich nähert. Dabei sieht der mit seinem Reiserucksack auf dem Rücken ganz putzig aus. Finden aber längst nicht alle. Deshalb beschließt Wolf, der Stadt den Rücken zu kehren und es mal mit dem Wald zu versuchen. An einem Strauch voller Himbeeren kommt es schließlich zur schicksalhaften Begegnung zwischen Wilma und Wolf.

Von der Brutalität des Märchenklassikers ist nichts mehr übrig – wenn man mal davon absieht, dass Wolf im Eifer des Gefechts einen Tritt vors Wolfsschienbein bekommt. Ansonsten ist „Wilma und Wolf“ eine einfallsreiche und vergnügliche Rotkäppchen-Adaption. Anders als in der US-Waffenlobbyisten-Version der NRA braucht es hier auch kein Gewehr.

Die Idee zu „Wilma und Wolf“ stammt von der Illustratorin selbst. Stenzel, 1984 in Lissabon geboren, studierte in Münster und Lissabon Design mit Schwerpunkt Illustration und lebt und arbeitet heute in Dresden. Die freie Autorin und Journalistin Juliane Streich hat den Text geschrieben, feinfühlig, modern und mit einem Korb voll Witz. Sie arbeitet und lebt – „als Lo-Fi-Bohème“, wie sie von sich selbst sagt – in Leipzig.

11 Meter

IMG_0818„Wilma und Wolf“ wird, wie alle Bücher im Verlag „Round not Square“, von Hand gebunden. Rollt man es ganz aus, braucht man einen ziemlich langen Tisch. Oder Flur. 11 Meter misst die Geschichte in voller Länge. Man könnte sie also auch zu mehreren an einer langen Tafel lesen. Das ist verrückt, macht aber irre viel Spaß. Und damit man weiß, wie man so ein Rollbuch überhaupt liest, liegt jedem Buch eine Anleitung bei.

„Round not Square“ steht noch ganz am Anfang einer bereits jetzt vielversprechenden Verlagsgeschichte. Gegründet im Jahr 2015 von Antonia Stolz und Ioan C. Brumer, sind bereits die ersten fulminanten Kunst- und Fotobücher erschienen. Und „Wilma und Wolf“. Für ihren Verlag haben Stolz und Brumer neue Drucktechniken ausprobiert, Materialen angefasst und Designs gebaut, erzählen sie auf ihrer Webseite: „Das Design, das Konzept und die gesamte Produktion sind allein unsere Idee. Wir machen alles selbst und sind ein bisschen stolz, unseren eigenen, selbstgeführten und sehr unabhängigen Verlag gegründet zu haben.“

Die Schriftrolle ist zurück, und mit ihr die Möglichkeit, Geschichten auf eine andere Art zu erfassen. Wer Bücher nur liest, um sich zu unterhalten, wird damit wohl nicht viel anfangen können, wahre Buchfreunde, Bibliophile oder Kunstbegeisterte aber werden mit den Rollenbüchern eine längst vergessene Art des Lesens neue entdecken können. Von wegen Rock’n’Roll… Roll’n’Read!

Luisa Stenzel: Wilma und Wolf, Round not Square, Berlin, 2015, 11 Meter lang, 20 Zentimeter hoch, handgebunden in Buchleinen mit Magneten, 25 Euro, bestellbar über den Onlineshop des Verlags

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PlaygroundDer US-amerikanische Rapper 50 Cent steht in Amerika derzeit vor Gericht, weil er seine Ex-Freundin verprügelt haben soll. Vor rund einem Jahr veröffentlichte er einen Jugendroman über einen jungen Schläger und die Spirale der Gewalt. Dazu ist von Bette Midler das Zitat überliefert, sie verneige sich vor 50 Cent, „weil er dieses Buch geschrieben hat“. Nachvollziehbar ist das nur zu einem kleinen Teil.

50 Cent ist bekannt dafür, dass es mit seinem Frauenbild nicht zum Besten bestellt ist. Umso verwunderlicher ist es, dass sich die Frauenfiguren seines Jugendromans „Playground“ überwiegend durch eine starke Persönlichkeit auszeichnen. Manche Passagen wirken sogar erstaunlich feministisch für den Mann, der sich einst als Porno-Rapper einen Namen machte.

Erste Sympathiepunkte sammelt 50 Cent schon in der Einleitung zu seinem autobiographischen Roman: „Ich bin der Erste, der zugibt, dass nicht alles, was ich in meinem Leben getan habe, vorbildlich war.“ Er habe „auf der falschen Seite des Gesetzes“ gestanden, sei „in Gewaltsituationen gewesen“ und wisse, „wie man zum Schläger wird“. Auch Burton, der 13-jährige Protagonist des Romans, wird zum Schläger. Und er erzählt in Rückblenden, wie es dazu kam, dass er Maurice auf dem Schulhof die Zähne ausschlug.

Butterball – der Name der Straße

Burton wird in der Schule nicht Burton genannt. Dort heißt er Butterball, weil er dick und rund ist. Doch er trägt den Namen mit Stolz, wie einen Brustpanzer. Als er nach der Prügelattacke auf seinen Mitschüler zum regelmäßigen Besuch bei der Psychotherapeutin Liz verdonnert wird, erklärt er auch ihr – fast herrisch -, er höre nur auf Butterball. Sie solle ihn ja nicht bei seinem richtigen Namen nennen. Butterball, das sei sein Name. Der Name der Straße, der Begriff, unter dem er bekannt ist und eine Persönlichkeit hat.

Burtons Eltern leben getrennt. Seine Mutter ist mit ihm in den schicken New Yorker Vorort Garden City gezogen, der für Burton nichts an Coolness zu bieten hat: „Kein Leben auf der Straße, keine Action, nirgends.“ Seine Mutter schuftet als angehende Krankenschwester Nachtschicht um Nachtschicht, um die Familie zu ernähren und ihrem Sohn etwas bieten zu können. Der aber verkennt ihren Einsatz, honoriert ihn nur mit Verachtung. Er fühlt sich einsam, glaubt sich allein im Kampf gegen seine Probleme in der Schule und auf der Straße.

Seinen Vater jedoch, ein Frauenheld und Lebenskünstler, vergöttert er. Jedes Wochenende bei ihm in New York City ist eine verheißungsvolle Flucht in die einstige Heimat. Doch anders als seine Mutter will ihm der Vater kein Zuhause bieten. Es dauert, bis Burton das herausfindet. Diese Erfahrung ist nur eine von vielen auf dem Weg zu einer Erkenntnis, die Burtons Leben ändern wird.

Mama ist doch die Beste?

Die Geschichte ist ganz nett erzählt, bietet aber keine neuen Einblicke. Das Gewaltpotential, das sich aus dem Milieu der sozial benachteiligten Heranwachsenden ergibt, ist schon aus anderen Büchern bekannt. Neu ist nur, dass 50 Cent mit einem Mal sehr viel Verständnis für Frauen aufbringt, sie fast auf einen Sockel stellt. Mama ist doch die Beste? Da mag sich Bette Midler zu Recht verneigen. Man sollte jedoch skeptisch bleiben, wie ernst es dem Rapper mit der Reue ist.

Vielleicht sorgt das Buch aber auch dafür, dass sich mancher 50-Cent-Fan von der Läuterung seines Idols anstecken und mal die Fäuste stecken lässt. Dann ist eine Verbeugung vor dem Autor angebracht. Auch wenn man nicht Bette Midler heißt. Letztlich bleibt der Erfolg einer solchen Intention aber äußerst vage. Was dann bleibt, ist nur noch ein Buch, das nicht verlegt worden wäre, wenn nicht 50 Cent es geschrieben hätte. Dafür muss sich niemand verneigen.

50 Cent: Playground, Rowohlt Verlag, 2012, 191 Seiten, broschiert, 13,95 Euro, ISBN 978-3862520329

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WildwoodAls die zwölfjährige Prue nur einen Moment nicht aufpasst, geschieht das Unfassbare: Ein Schwarm Krähen greift sich ihren kleinen Bruder Mac und fliegt mit ihm in die „Undurchdringliche Wildnis“ jenseits der Stadt. Die mutige Prue zögert nicht lang und macht sich auf, ihren Bruder zu retten. So beginnt eines der derzeit schönsten Kinder- und Jugendbücher: „Wildwood“, geschrieben von Colin Meloy und zauberhaft illustriert von dessen Frau Carson Ellis.

Prue lebt mit ihrem einjährigen Bruder Mac und ihren Eltern in Portland im amerikanischen Bundesstaat Oregon. Im Südosten grenzt die Stadt an die „Undurchdringliche Wildnis“, jene finsteren Wälder, die kaum ein Mensch je betreten hat und wovor die Eltern stets warnen. Nur wilde Tiere leben dort, und die gehen wenig zimperlich mit Menschen um, die ihre Grenzen übertreten, heißt es. Doch jetzt sind die Tiere in die Stadt eingedrungen und haben ein Baby entführt, Prues Bruder!

Mit ihrem Klassenkameraden Curtis macht sich Prue auf, ihren kleinen Bruder aus den Fängen der Krähen zu retten. Der Übergang in die „Undurchdringliche Wildnis“ ist wesentlich einfacher als gedacht, denn ganz so undurchdringlich ist sie gar nicht. Doch als sie auf die erste Lichtung stoßen, wird ihnen schnell klar, dass hier einiges anders ist als drüben in der Stadt. Dort auf der Lichtung nämlich hat sich ein Dutzend Kojoten um die Überreste eines Lagerfeuers versammelt – und sie sprechen miteinander und tragen alle die gleichen roten Uniformen!

Eine ganz schön fiese Pflanze

Eine seltsame Welt haben die beiden da betreten. Und auf ihrer Reise erleben sie noch viel eigentümlichere Dinge. Phantasievoll und mit Witz erzählen Meloy und Ellis ein skurriles Märchen über gefiederte Freunde, eine böse Hexe, Kojoten und Räuber. Es geht um Macht, Magie und Politik. Und ganz nebenbei erfährt der Leser, dass Efeu im Grunde eine ganz schön fiese Pflanze sein kann.

Bemerkenswert sind auch die Illustrationen und Farbtafeln von Carson Ellis, die durch die Gestaltung der Alben von „The Decemberists“, der Band ihres Mannes, bekannt wurde. Ihr Stil ist großartig und zeigt ihr deutliches Gespür für Minimalistik. Eindrücke der Illustrationen sind im Buchtrailer des Verlags zu sehen.

Wahrlich eines der schönsten Kinder- und Jugendbücher der heutigen Zeit! Wer schon erwachsen ist, liest es, vielleicht im Lehnstuhl sitzend, Kindern vor. Sobald die im Bett sind, liest man heimlich weiter – garantiert.

Wiedersehen mit der mutigen Portland-Prue

Die Fortsetzung zu „Wildwood“ ist in Amerika schon erschienen, in Deutschland ist noch kein Veröffentlichungsdatum bekannt. Sicher aber ist: Die Abenteuer gehen weiter, und es gibt ein Wiedersehen mit der kleinen, mutigen Portland-Prue. Unbedingt lesen!

Colin Meloy/Carson Ellis: Wildwood, Heyne Verlag, München, 2012, 591 Seiten, gebunden, mit sieben Farbtafeln und 30 Schwarz-weiß-Illustrationen, 19,99 Euro, ISBN 978-3453267145

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Ruby hat es in diesen Tagen nicht leicht. Seitdem ihre Liste mit den 15 Jungennamen, die eigentlich für ihre Seelenklempnerin gedacht war, in der Schule aufgetaucht ist und dort kursiert, spricht ihre beste Freundin nicht mehr mit ihr, Ruby wird als berüchtigte Schlampe abgestempelt und eine Panikattacke folgt der nächsten. Wie dieser ganze Schlamassel passieren konnte, davon sollte man sich in „15 Jungs, 4 Frösche + 1 Kuss“ überzeugen.

Dass es mit 15 Jahren nicht unbedingt üblich ist, schon eine Seelenklempnerin zu haben, ist Ruby auch klar. Aber ihre ziemlich schrägen und besorgten Eltern sind der Meinung, anders sei ihren Panikattacken nicht zu begegnen, als sie in die Obhut einer Psychologin zu geben. „Die Liste war eine Hausaufgabe für meine geistige Gesundheit. Doktor Z sagte, ich solle alle Freunde, So-was-Ähnliches-wie-Freunde, Fast-Freunde, Gerüchteweise-Freunde und Erträumte-Freunde, die ich je gehabt hatte, aufschreiben.“ Es wird eine Liste mit 15 Jungennamen, angefangen mit Adam („aber der zählt nicht“) über Sky („aber er hatte eine andere“) bis Cabbie („aber da bin ich unentschlossen“).

15 Jungs, 15 Kapitel. Und die sind herrlich kess und aufrichtig erzählt, mit jenen Problemen des ersten Verliebtseins, dazu anstrengende, geradezu peinliche Eltern sowie Freundschaften, die auf Belastungsproben gestellt werden. Es ist sicherlich eher ein Buch für Mädchen im Alter zwischen 13 und 16 Jahren, aber möglicherweise liest es auch heimlich der eine oder andere Junge und weiß danach besser Bescheid über dieses Mädchen-und-Jungs-Ding.

Der übliche Text reicht nicht aus

Doch Emily Lockhart hat mit Ruby nicht nur eine famose Figur erschaffen, sondern bringt den jungen Lesern auch noch das Fußnotenlesen bei, denn Ruby hat so viel zu erzählen, dass der übliche Text nicht aureicht und sie ihn teilweise mit Fußnoten am Ende der Seite ergänzen muss. Zum Verständnis des Buches müssen die Anmerkungen zwar nicht gelesen werden, aber sie bieten interessante Hintergrundinformationen. Sehr schöne Idee!

Wer mehr über die amerikanische Autorin Emily Lockhart erfahren möchte, dem sei ihr englischsprachiger Blog sowie ihre ebenfalls englischsprachige Homepage empfohlen. Dort erfährt man nicht nur, welche Bücher sie wie verrückt geliebt hat, als sie selbst 14 Jahre alt war, sondern auch, dass sie Autorin werden wollte, seitdem sie acht Jahre alt ist. Und dass ihre Lieblings-Eissorte Häagen Dazs dulce de leche ist. Oder dass sie schon einmal mit Stachelrochen geschwommen ist. Herrlich! Einfach mal reinlesen.

Der erste Teil von Rubys Erlebnissen („15 Jungs, 4 Frösche + 1 Kuss“) ist bereits 2009 erschienen, die Fortsetzung („Ruby, die Jungs und wie man sie zähmt“) wurde im Juni 2012 veröffentlicht. Ein dritter Band soll im Dezember 2012 folgen. Man darf also auf weitere schräge Geschichten von Ruby gespannt sein. Mädchen (und Jungs): lesen!

Emily Lockhart: 15 Jungs, 4 Frösche + 1 Kuss, Carlsen Verlag, Hamburg, 2009, 285 Seiten, Taschenbuch, 9,95 Euro, ISBN 978-3551357748, vom Verlag empfohlenes Alter: 13 bis 16 Jahre
Emily Lockhart: Ruby, die Jungs und wie man sie zähmt, Carlsen Verlag, Hamburg, 2012, 256 Seiten, Taschenbuch, 9,95 Euro, ISBN 978-3551311337, vom Verlag empfohlenes Alter: 13 bis 16 Jahre

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Wenn in einem Jugendbuch mindestens 16 Mal der Genitiv nicht gebraucht wird, wo er nötig ist, ist das für die Erziehung junger Leser zur richtigen Grammatik niederschmetternd. Wenn der Verlag dazu auch noch eine Lehrerhandreichung anbietet, das Buch also im Unterricht behandelt werden könnte, kann man nur hoffen, dass möglichst viele Lehrer zuvor diese Rezension lesen. Denn „Kälte“ von Michael Northrop ist nicht nur grammatikalisch ärgerlich, sondern inhaltlich auch noch dünn und unausgegoren.

Als die Schüler der Tattawa Regional Highschool in Neuengland aus dem Fenster sehen, fängt es gerade an zu schneien. Das beunruhigt sie zunächst nicht weiter, denn es hat den ganzen Monat schon viel Schnee gegeben. Als es aber immer heftiger schneit und der Wetterbericht eine Schneesturmwarnung herausgibt, sagt der Rektor die Sportveranstaltungen für den Nachmittag ab und schickt alle Schüler nach Hause. Doch nicht alle verlassen die Schule: Sieben Schüler und ein Geschichtslehrer bleiben – aus unterschiedlichen Motiven.

Altmeister Stephen King hätte daraus womöglich eine beklemmende Geschichte gemacht. Dem amerikanischen Autor Michael Northrop aber gelingt das leider nicht. Er legt zwar verschiedene Charaktere an, die genug Konfliktpotential hätten, reizt das aber nicht aus. Erzählt wird die Geschichte des fast einwöchigen Schneesturms aus der Sicht des Zehntklässlers Scotty Weems, Basketballspieler im Schulteam. Mit seinen Freunden Jason Gillespie und Pete Dubois bildet er eine Dreierbande, die noch ein paar Stunden in der Schule bleiben wollen, um im Werkraum an Jasons „Flammenwerfer“ zu basteln, einem motorisierten Go-Kart. Jasons Vater, so die Abmachung, würde sie dann später mit seinem Allrad-Pickup abholen und sicher durch den Schnee bringen.

Ständige unterschwellige Bedrohung

Auch der Bad Boy der Schule, Les Goddard, ist noch in der Schule. Von ihm geht eine ständige unterschwellige Bedrohung aus, eilt ihm doch das Gerücht voraus, er trage immer irgendeine Art von Waffe bei sich und sei absolut unberechenbar. Dann ist da noch der Außenseiter Elijah James, für Scotty ein merkwürdiger Typ, der ständig in der Schulbibliothek sitzt und ansonsten in seiner eigenen Welt zu leben scheint.

Und schließlich komplettieren zwei Neuntklässlerinnen den Reigen, Krista O’Rea und ihre beste Freundin Julie Anders. Oder Enders. So genau weiß Scotty das nicht, denn sein Hauptaugenmerk liegt auf Krista, die sich äußerlich vor allem durch die „perfekte Kombination aus richtig dosierten Kurven und einem straffen, durchtrainierten Körper“ (S. 41) auszeichnet, oberflächlich betrachtet – und das bleibt leider auch so.

Obwohl sich allein durch die unterschiedlichen Charaktere viele Handlungsstränge anbieten, entwickelt sich keiner zu seiner überzeugenden Vollkommenheit. Sogar die aufkeimende Liebesgeschichte zwischen Scotty und Krista bleibt schwach und eher spekulativ. Wenn wenigstens die Beschreibung des Hauptplots gelänge! Doch es will keine rechte Beklommenheit beim Leser aufkommen. Es mangelt dem Buch an Ideen und an packend geschriebener Sprache. Die immerwährende Notiz, dass sich der Schnee immer höher türmt, langweilt schnell.

Die Dramatik der Isolation

Vielleicht ist es Scotty als Erzähler nicht gegeben, eine Geschichte so zu erzählen, dass man an seinen Lippen hängt. Er beobachtet zu oberflächlich, ist zu betont lässig und jugendlich, lässt nicht viel Raum für Dramatik. Und das, obwohl die Notbeleuchtung spärlicher wird, die Expeditionen in die Mensa zur Essensbeschaffung gefährlich sind, das Dach der Schule unter der Schneelast einzubrechen droht und die Verbindungen zur Außenwelt durch ein Radio nur einseitig sind. Potential hat die Geschichte, obwohl sie so und anders schon oft erzählt worden ist. Allein: es wird nicht genutzt. Die Dramatik der Isolation bleibt unter ihren Möglichkeiten.

Die durchgängige Missachtung des Genitivs aber ist ein wahres Lese-Ärgernis. Dass das beim Lektorat nicht aufgefallen ist, ist unverständlich. Das Argument der Jugendsprache darf hier nicht gelten, denn obwohl sich der Text deutlich an jüngere Leser wendet, muss auf die Einhaltung der Grammatik geachtet werden. Alles andere ist bedenklich, vor allem in Kinder- und Jugendbüchern. Wird hier in einer nächsten Auflage nicht nachgebessert, ist von einer Schullektüre abzuraten.

Michael Northrop: Kälte, Loewe Verlag, Bindlach, 2012, 253 Seiten, Taschenbuch, 6,95 Euro, ISBN 978-3785574287, vom Verlag empfohlenes Alter: 13 bis 16 Jahre

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Der Veröffentlichung des ersten Teils der „Legend“-Trilogie von Marie Lu ging eine Medienkampagne voraus. Die Filmrechte sind bereits verkauft, ein Buchtrailer versprach Großes. Doch „Fallender Himmel“ ist nur eine von vielen Dystopien, die derzeit vor allem im Jugendbuchbereich auf den Markt schwemmen. Und die Idee krankt vor allem an ihrer Unausgereiftheit.

Los Angeles im Jahr 2130. Die Republik Amerika führt Krieg gegen die Kolonien, während in den Städten Seuchen grassieren. Durch die Straßen patroulliert die Seuchenpolizei und markiert all jene Häuser, in denen bereits Erkrankte wohnen, mit einem roten X. Auch an dem Haus von Days Familie prangt ein solches Mal, aber er wäre nicht Amerikas meistgesuchter Verbrecher, wenn es ihm nicht gelingen sollte, Medikamente für seine Familie zu besorgen.

Doch der Einbruch im Krankenhaus verläuft anders, als Day erwartet hat. Er muss fliehen, wird schwer verletzt und kann seinen Verfolger nur mit einem beherzten Messerwurf abschütteln.

Von Rachegelüsten getrieben

Der Verfolger aber ist niemand anderes als Metias Iparis. Dessen 15-jährige Schwester June hat als einziges Kind jemals die volle Punktzahl des „Großen Tests“ erreicht und ist als Elitesoldatin für eine Militärkarriere vorgesehen. Ihr erster Auftrag lautet: Den vermeintlichen Mörder ihres Bruders Metias zu finden – Day, Staatsfeind Nummer eins. June, von Rachegelüsten getrieben, heftet sich an die Fersen des sagenumwobenen Rebellen und erkennt fast zu spät, dass sie nur ein Rädchen in einem großen, perfiden Spiel ist.

Dystopien haben derzeit Hochkonjunktur. Und es gibt gute Beispiele wie die „Die Tribute von Panem“-Trilogie. Oder „Die Nacht von Shyness“. Doch der Anfang der „Legend“-Trilogie ist zu wenig durchdacht, um aus dem Wust der Anti-Utopien herauszustechen. Kaum etwas erfährt der Leser über die Hintergründe des Kriegs gegen die Kolonien, die politischen Machtverhältnisse und das Leben der Menschen abseits der Seuchen und Militäraktionen. Der Plot ist geprägt von Schwarz-weiß-Malerei, teilweise sehr brutalen Szenen und einer wenig nachvollziehbaren Liebesgeschichte. Die Idee, die Geschichte abwechselnd aus beiderlei Sicht zu erzählen, ist nicht neu, sorgt aber zumindest für etwas Abwechslung. Die beiden Hauptcharaktere bleiben dennoch blass und entwickeln keine Tiefe. Trotzdem: Dem rebellischen Day ist man als Leser schon näher, als der unglaublich stupide folgsamen June.

Diese Geschichte überzeugt nicht. Sie ist lesbar, ja, aber vor allem ist es ein Werk, das das Regal nicht braucht. Bitte nicht mehr davon!

Marie Lu: Legend – Fallender Himmel, Loewe Verlag, Bindlach, 2012, 367 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 17,95 Euro, ISBN 978-3785573945, vom Verlag empfohlenes Alter: 14 bis 17 Jahre

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