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Archive for the ‘Leipziger Buchmesse’ Category

imageAm Donnerstag beginnt die Leipziger Buchmesse 2016. Entgegen der bisherigen Planung berichtet dieser Blog in diesem Jahr jedoch nicht aus Leipzig. Aufgrund eines Trauerfalls in der Familie werde ich auch in diesem Jahr nicht zur Buchmesse fahren.

Wer Interesse daran hat, am Donnerstag ab 16 Uhr die Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse zu verfolgen, dem empfehle ich das Streaming der Veranstaltung.

113 Verlage haben für den diesjährigen Preis 401 Werke eingereicht, aus denen die Jury unter der Leitung von Kristina Maidt-Zinke jeweils fünf Autoren bzw. Übersetzer in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung ausgewählt hat. Im Jahr 2015 gewann den Preis der Leipziger Buchmesse der Lyriker Jan Wagner mit seinen “Regentonnenvariationen” (Hanser-Verlag) – ein Novum, denn nie zuvor hatte ein Gedichtband die Auszeichnung in der Kategorie Belletristik bekommen.

In Leipzig mit ihren neuen Titeln zu erleben sind unter anderem: Jan Böttcher, Friedrich Christian Delius, Thea Dorn, Thomas Glavinic, Reinhard Jirgl, Abbas Khider, Michael Köhlmeier, Michael Kumpfmüller, Sergej Lebedew, Thomas von Steinaecker, Jan Wagner, Peter Wawerzinek, Benedict Wells und Juli Zeh.

Hochspannung versprechen die Krimiautoren Friedrich Ani, Sebastian Fitzek, Petra Hammesfahr, Tom Hillenbrand, Volker Klüpfel und Michael Kobr, Antje Rávic Strubel und Stephan Ludwig. Zu den Höhepunkten für Krimifans gehören die Auftritte von Don Winslow und Dror Mishani, die aus den USA und Israel anreisen.

Neue Bücher im Reisegepäck haben auch Bestseller-Autoren wie Sky Du Mont, Karen Duve, Susanne Fröhlich, Frank Goosen, Markus Heitz, Dora Heldt, Sarah Kuttner, Harald Martenstein, Kai Mayer, Tilman Ramstedt, Benjamin von Stuckrad-Barre und Jan Weiler.

Allen Besuchern der Leipziger Buchmesse 2016 wünsche ich überraschende Neuentdeckungen und interessante Augenblicke, Stunden und Tage. Im nächsten Jahr ist Seitengang dann wieder dabei – und in diesem Jahr auch wieder bei der Internationalen Buchmesse in Wien.

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LBM15_Preis_rgbIn sechs Wochen wird der renommierte Preis der Leipziger Buchmesse verliehen. In der Kategorie Belletristik sind gleich drei Bühnen-Autoren nominiert: Zum einen die beiden Theater-Autoren Roland Schimmelpfennig („An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“, S. Fischer-Verlag) und Nis-Momme Stockmann („Der Fuchs“, Rowohlt-Verlag), die beide jeweils ihren ersten Roman veröffentlichen, zum anderen aber auch der Musiker und Comedian Heinz Strunk („Der goldene Handschuh“, Rowohlt-Verlag), der einst mit seinem ersten Roman „Fleisch ist mein Gemüse“ bekannt wurde.

Als einzige Frau ringt auch Marion Poschmann mit ihrem Lyrikband („Geliehene Landschaften – Lehrgedichte und Elegien“, Suhrkamp-Verlag) um den begehrten Preis. Als Fünfter ist schließlich noch Guntram Vesper mit seinem 1.008 Seiten langen Wälzer „Frohburg“ (Schöffling & Co.) nominiert.

113 Verlage haben für den diesjährigen Preis 401 Werke eingereicht, aus denen die Jury unter der Leitung von Kristina Maidt-Zinke jeweils fünf Autoren bzw. Übersetzer in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung ausgewählt hat. Im Jahr 2015 gewann den Preis der Leipziger Buchmesse der Lyriker Jan Wagner mit seinen „Regentonnenvariationen“ (Hanser-Verlag) – ein Novum, denn nie zuvor hatte ein Gedichtband die Auszeichnung in der Kategorie Belletristik bekommen.

Die Nominierten im Bereich Sachbuch/Essayistik:

Werner Busch: „Adolph Menzel. Auf der Suche nach der Wirklichkeit“ (C.H. Beck)
Jürgen Goldstein: „Georg Forster. Zwischen Freiheit und Naturgewalt“ (Matthes & Seitz)
Ulrich Raulff: „Das letzte Jahrhundert der Pferde. Geschichte einer Trennung“ (C.H. Beck)
Christoph Ribbat: „Im Restaurant. Eine Geschichte aus dem Bauch der Moderne“ (Suhrkamp)
Hans Joachim Schellnhuber: „Selbstverbrennung: Die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff“ (C. Bertelsmann)

Die Nominierten in der Kategorie Übersetzung:

Kirsten Brandt: übersetzte aus dem Katalanischen „Flüchtiger Glanz“ von Joan Sales (Hanser)
Brigitte Döbert: übersetzte aus dem Serbischen „Die Tutoren“ von Bora Ćosić (Schöffling & Co.)
Claudia Hamm: übersetzte aus dem Französischen „Das Reich Gottes“ von Emmanuel Carrère (Matthes & Seitz Berlin)
Frank Heibert: übersetzte aus dem Englischen „Frank“ von Richard Ford (Hanser Berlin)

Der Preis der Leipziger Buchmesse wird am 17. März 2016 um 16 Uhr in der Glashalle der Leipziger Messe vergeben. Die Preisverleihung wird per Stream live übertragen. Die drei Gewinner erfahren Sie außerdem am schnellsten, wenn Sie Seitengang bei Twitter folgen. Dort werden die Preisträger noch während der Preisvergabe bekannt gegeben – so schnell es möglich ist. Der ausführliche Text folgt dann selbstverständlich später hier im Blog.

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DruckAm Donnerstag beginnt die Leipziger Buchmesse 2015. Aufgrund eines Trauerfalls in der Familie werde ich jedoch dieses Jahr nicht dabei sein. Deshalb kann ich selbstverständlich auch keine Berichte über die Buchmesse liefern. Wer Interesse daran hat, am Donnerstag ab 16 Uhr die Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse zu verfolgen, dem empfehle ich das Streaming der Veranstaltung.

Die Jury unter der Leitung von Journalist und Literaturkritiker Hubert Winkels hat in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung jeweils fünf Autoren und Übersetzer nominiert. Insgesamt hatten sich 115 Verlage mit 405 Werken für den Preis beworben. Im Vorjahr waren es noch 136 Verlage mit 410 Titeln.

Zu den besonderen Höhepunkten der Leipziger Buchmesse in diesem Frühjahr zählen die Auftritte berühmter, deutschsprachiger Autoren wie Sibylle Berg, Michael Degen, Eva Menasse, Dietmar Dath, Zoë Beck, Clemens Meyer oder Herta Müller. Aber auch bekannte internationale Schriftsteller machen sich wieder auf den Weg nach Leipzig, um ihre neuen Bücher vorzustellen. Hierzu gehören Eoin Colfer, Péter Esterházy, Jussi Adler-Olsen und Amos Oz.

Allen Besuchern der Leipziger Buchmesse 2015 wünsche ich begeisternde Neuentdeckungen, interessante Begegnungen und erlebnisreiche Stunden und Tage. Im November berichtet Seitengang dann wieder von der Internationalen Buchmesse in Wien. Und im Jahr 2016 ist Seitengang selbstverständlich auch wieder in Leipzig zugegen.

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Kassetten-Freunde: Wolfgang Stockmann (v. l.), Marc Sieper, Andrea Herzog, Björn Akstinat und Moderatorin Anne Künstler.

Kassetten-Freunde: Wolfgang Stockmann (v. l.), Marc Sieper, Andrea Herzog, Björn Akstinat und Moderatorin Anne Künstler.

Im vergangenen Jahr feierte die Kassette ihren 50. Geburtstag. Auf der Leipziger Buchmesse fand sich am Samstag eine Talkrunde zusammen, die über fast ausgestorbene Begriffe wie „Bandsalat“, „Überspielen“ und „Mixtape“ sprechen wollte. Und warum viele der Kassettenfreunde immer einen Bleistift dabei haben.

Die zwei Damen und drei Herren schwelgten in eigenen Kassetten-Erinnerungen. Wolfgang Stockmann etwa zeigte sich zutiefst begeistert, dass er einmal eine im Schnee verloren geglaubte Kassette zwei Wochen später im Tauwetter wiedergefunden habe, die immer noch abspielbar gewesen sei. Andrea Herzog blickte noch weiter zurück: „Ich bin ein Tonbandkind, das zur Konfirmation ein Tonbandgerät bekam – das war ein irrsinniger Erfolg für mich, wenn ein Band nach einem Salat wieder funktionierte, aber auch schrecklich, wenn das Gegenteil der Fall war.“

Die Sache mit dem Bleistift fand dann bei Marc Sieper Erwähnung, der als Kind ein Kassettendeck sein Eigen nannte, das nicht mehr zurückspulen konnte. „Da musste ich dann jede Kassette mit dem Bleichstift bearbeiten, wenn ich die Seite noch einmal hören wollte.“

„Sinnliches Erlebnis des Fortschritts einer laufenden Kassette“

Alle Teilnehmer der Talkrunde erklärten daraufhin ihren Ärger über die Radiomoderatoren, die in die Lieder „quatschten“, während sie zu Hause saßen, um die Songs mitzuschneiden. Der Sinn der Veranstaltung im Forum Hörbuch + Literatur wurde indes immer fraglicher. Als schließlich Andrea Herzog vom „sinnlichen Erlebnis des Fortschritts einer laufenden Kassette“ sprach, das bei einer CD verloren gehe, war es für mich Zeit zu gehen.

Buchvorstellung: Thomas Rietzschel (v. l.), Henryk M. Broder und der Moderator

Buchvorstellung: Thomas Rietzschel (v. l.), Henryk M. Broder und der Moderator

Mit den Worten „Danke, dass Sie nicht bei Roger Willemsen nebenan sind“ begann das Gespräch mit Henryk M. Broder im Sachbuchforum. Der Publizist und Autor stellte sein Buch „Die letzten Tage Europas: Wie wir eine gute Idee versenken“ vor. Ebenfalls eingeladen war der ehemalige Kulturkorrespondent der FAZ, Thomas Rietzschel, mit seinem Buch „Geplünderte Demokratie: Die Geschäfte des politischen Kartells“.

Etwas unglücklich war es wohl, dass für beide Autoren nur eine halbe Stunde Zeit zur Verfügung stand und sich beide nicht widersprachen. So gab es keine Gelegenheit zu einer kontroversen Diskussion. Obwohl die polemischen Thesen der beiden Anlass genug gegeben hätten, blieb auch der Moderator überraschend zahm. Die Veranstaltung gab deshalb zwei Europaskeptikern genügend Raum, ihrem Ärger Luft zu machen und sich gegenseitig hochzuschaukeln.

Broder etwa echauffierte sich darüber, dass Politiker mehr als zwei Wochen über die Verringerung der „Rundfunk-Zwangsgebühr“ gestritten hätten. Das Ergebnis sei eine kleine Ersparnis von 48 Cent. „Dafür gibt es bei Kamps zwei ömmelige Brötchen von gestern.“ Ähnlich fuhr Broder fort.

Rietzschel erklärte später, die Europawahl im Mai diene – wie alle Wahlen – nur der Existenzsicherung der Politiker. „Wir sollen wählen gehen, weil die Angst vor den Nichtwählern haben.“ Broder stieß ins selbe Horn: „Ich bin der gleichen Ansicht: Wir werden alle vier Jahre Opfer von Propaganda, dabei haben wir die Wahlfreiheit.“ Und das bedeute für ihn, nicht wählen zu gehen. Rietschel stimmte unumwunden zu. Leider blieb der Moderator hier stumm und hakte nicht nach. Das Publikum murrte. Schon vorher waren Zwischenrufe laut geworden, weil es vor allem Rietzschel vorzog, die Fragen des Moderators stets nicht zu beantworten.

Henryk M.Broder: Die letzten Tage Europas: Wie wir eine gute Idee versenken, Albrecht Knaus Verlag, München, 2013, 224 Seiten, gebunden, 19,99 Euro, ISBN 978-3813505672

Thomas Rietzschel: Geplünderte Demokratie: Die Geschäfte des politischen Kartells, Paul Zsolnay Verlag, Wien, 2014, 192 Seiten, gebunden, 16,90 Euro, ISBN 978-3552056756

Mister Tagesthemen: Ulrich Wickert (r.) im Gespräch mit Michael Schneider (stellv. Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung).

Mister Tagesthemen: Ulrich Wickert (r.) im Gespräch mit Michael Schneider (stellv. Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung).

In der LVZ-Arena (Leipziger Volkszeitung) stellte wenig später der frühere Tagesthemen-Sprecher Ulrich Wickert seinen neuen Krimi „Das marokkanische Mädchen“ vor, den fünften Fall für den Untersuchungsrichter Jacques Ricou.

Viel erfuhr das Publikum nicht über das neue Buch, dafür umso mehr über das unterschiedliche Geschichtsbewusstsein des protestantischen Deutschlands im Gegensatz zum katholischen Frankreich. Und dass man in Deutschland keine Krimis schreiben könne: „Wir sind in der Kriminalität nur Mittelmaß – in Italien gibt’s dafür die Mafia, in Frankreich nur die Regierung.“

Wickert ist ein hervorragender Kenner Frankreichs, was er nicht nur durch seine Sachbücher und Krimis unter Beweis gestellt hat, sondern schon als ARD-Korrespondent und dann auch Studioleiter in Paris. Unvergessen ist seine Reportage über den Versuch, zu Fuß den vielbefahrenen Place de la Concorde in Paris zu überqueren.

Wickert schwärmt von den Vorzügen Frankreichs

Der ehemalige Mister Tagesthemen schwärmt auch in Leipzig von den Vorzügen Frankreichs: „In Frankreich erlaubt es die Gesellschaft, dass ihr Präsident François Mitterrand verheiratet war, eine Freundin hatte und mit ihr eine Tochter zeugte. Das wusste jeder, aber niemand sprach darüber. Das finde ich gar nicht so schlecht.“

Die wesentlich dunklere Seite des Nachbarlandes aber lernt man in Wickerts Krimis kennen. In seinem neusten Werk geht es um Korruption, aber auch um eine eventuelle Verbindung zwischen dem ehemaligen Präsidenten Sarkozy und dem libyschen Revolutionsführer Gaddafi. Das alles nimmt seinen Anfang, als auf einem Waldweg bei Paris eine marokkanische Familie erschossen in ihrem Auto aufgefunden wird. Wenig später entdeckt die Polizei Kalila, die sechsjährige Tochter, die das Massaker in einem Versteck überlebt hat.

Wickert kündigte an, das sei nicht der letzte Fall für den Bon Vivant namens Jacques Ricou. „Der nächsten Fall habe ich schon im Kopf“, versprach er.

Ulrich Wickert: Das marokkanische Mädchen, Hoffmann und Campe, Hamburg, 2014, 320 Seiten, gebunden, 19,99 Euro, ISBN 978-3455403398

Zwei neue junge Autoren Chiles: Nona Fernández und Carlos Labbé.

Zwei neue junge Autoren Chiles: Nona Fernández und Carlos Labbé.

Im Forum International präsentierte die Botschaft der Republik Chile mit Nona Fernández und Carlos Labbé zwei neue junge Autoren Chiles. Fernández‘ ins Deutsche übersetzte Roman „Die Toten im trüben Wasser des Mapocho“ ist bereits im Sommer 2012 erschienen, Labbés Roman „Navidad und Matanza“ gar schon im Herbst 2010.

Die Geschichten in Fernández‘ Roman treiben den Mapocho herunter wie die Abwässer der Stadt. Dunkel, unheilverkündend, dreckig. An den Ufern des Flusses ist einst Santiago de Chile gegründet und erbaut worden. Jetzt erzählt er Geschichten von einem inzestuösen Geschwisterpaar, versklavten Gefangenen, einem selbstmordgefährdeter Historiker oder einem auf der Suche nach seinem Kopf umherstreifenden, enthaupteten Häuptling der Mapocho-Indianer.

Der chilenische Schriftsteller Roberto Bolaño hat über Fernández mal gesagt: „Diese schnörkellose Maßlosigkeit, dieser Mut! Jede einzelne Zeile ist entweder lebensnotwendig oder tödlich, ihr Schreiben gespannt bis zum Äußersten.“ Für den Roman „Die Toten im trüben Wasser des Mapocho“ bekam sie den wichtigesten chilenischen Literaturpreis, den Premio Muncipal de Literatura.

Auch der Roman „Navidad und Matanza“ von Carlos Labbé verknüpft mehrere Geschichten miteinander. Es ist ein Roman im Roman und spielt an der chilenischen Pazifikküste. Labbé ist mit diesem Roman in Chile als vielversprechende neue Stimme in der Literatur gepriesen worden. In Leipzig ruft er die Zuhörer dazu auf, ins Internet zu gehen und mehr Literatur aus Lateinamerika zu lesen, die nicht Mainstream ist.

Nona Fernández: Die Toten im trüben Wasser des Mapocho, Septime Verlag, Wien, 2012, 260 Seiten, gebunden, 20,90 Euro, ISBN 978-3902711090

Carlos Labbé: Navidad und Matanza, Lateinamerika Verlag, 2010, 160 Seiten, gebunden, 19 Euro, ISBN 978-3952296660 (derzeit vergriffen)

Ausgabe Nummer 7: Die LitPop im Neuen Rathaus.

Ausgabe Nummer 7: Die LitPop im Neuen Rathaus.

Am Abend dann stieg im Neuen Rathaus die LitPop, seit sieben Jahren die Messe-Party, auf der Literatur und Pop zusammenfinden. Mehr als 20 Lesungen im Ratsplenarsaal, im Festsaal und im Stadtverordnetensaal sowie Konzerte und Disko in den beiden altehrwürdigen Wandelhallen – das alles ist die LitPop.

Rund 2.500 Menschen feierten bis tief in die Nacht und sahen zuvor Lesungen von Stefan Bachmann, Axel Bosse, Greta Taubert, Sulaiman Masomi & Jan Philipp Zymny, Giulia Enders oder Ralf König. Im Festsaal schlug beim LitPop-Poetry-Slam die Stunde der Wortakrobaten Christian Ritter, Katja Hofmann, Micha El-Goehre und Bleu Broode.

Gegen Mitternacht trat in der Unteren Wandelhalle der deutsche Rapper Alligatoah zu einem kurzen Konzert auf, begleitet von der Leipziger Geschwisterband „Heinrich“ als Vorband. An den Plattentellern sorgten danach DJ und Ex-MTV-Moderator Markus Kavka, Preller und Mr Olsen & Senior Kiez für tanzbare Musik bis in die frühen Morgenstunden.

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Sprechen über Fußball: Der taz-Chefreporter Peter Unfried (l.) und der Journalist und Schriftsteller Axel Hacke.

Sprechen über Fußball: Der taz-Chefreporter Peter Unfried (l.) und der Journalist und Schriftsteller Axel Hacke.

Nachdem einige Messebesucher schon am Donnerstag das zweifelhafte Vergnügen gehabt haben, Axel Hackes Äußerungen über den Fall Hoeneß zu hören, tritt er am Freitag auch im Studio der Tageszeitzung taz auf, um über sein neu erschienenes Buch „Fußballgefühle“ zu sprechen.

Axel Hacke, der Journalist und Autor solcher Bucherfolge wie „Der weiße Neger Wumbaba“ und zuletzt „Oberst von Huhn bittet zu Tisch“ sagt von sich selbst, er sei kein Fußball-Fan, sondern lediglich Fußball-Freund. Denn das Fansein sei ihm fremd.

Doch die Begeisterung für den Fußballsport ist ihm in seiner Heimatstadt Braunschwein gleichsam in die Wiege gelegt worden. Als Erweckungserlebnis nennt er das Jahr 1967, jenes historische Jahr, als Eintracht Braunschweig zum ersten und bisher letzten Mal Deutscher Meister wurde. Da war Axel Hacke 11 Jahre alt. „So ein Ereignis kann einen Jungen in dem Alter prägen“, sagt Hacke.

Peter Kaack als Panini-Bild

Er erzählt von dem Panini-Album, in dem ihm damals nur noch ein einziges Klebebildchen fehlte: Das von Peter Kaack, jenem tragischen Eintracht-Spieler, der beim Europapokalspiel gegen Juventus Turin (Saison 1967/68) drei Treffer erzielte – zwei davon jedoch Eigentore. Und ausgerechnet das Klebebildchen dieses tragischen Helden der Eintracht fehlte im Panini-Album von Axel Hacke.

40 Jahre später schrieb er darüber einen Beitrag in seiner Kolume in der Süddeutschen Zeitung. „Tage später mache ich meine Post auf, und da flattert mir ein von Kaack signiertes Bild entgegen – da war ich sehr gerührt.“

Und es sind auch andere tragische Ereignisse, die den jungen Hacke in seiner Fußballwahrnehmung prägen. Als 1968 der Eintracht-Spieler Jürgen Moll und dessen Frau bei einem schweren Verkehrsunfall ums Leben kommen, war das der „erste große Schock in meiner Kindheit“. „Ich erinnere mich noch: Da erschien die Braunschweiger Zeitung sogar mit einem Extrablatt, das war ein ganz schöner Schlag für die Stadt und für mich.“ Noch heute rühre ihn die Geschichte zu Tränen.

„Ich mag den ungeschminkten Größenwahn“

Dann aber kommt Moderator Peter Unfried auf Bayern München zu sprechen: „Sie sind jetzt Bayern-Fan.“ Darauf Hacke: „Äh, nein, ich weigere mich, Fan zu sein, aber ich mag den ungeschminkten Größenwahn des Vereins und seine Art, dazu zu stehen und solchen Fußball zu spielen wie jetzt.“

Unfried fragt auch nach Hackes Reaktion auf den Fall Hoeneß. Hacke antwortet: „Ich bin dafür, auch die Kompetenz von Menschen zu sehen. Er ist ja kein Unmensch. Ja, er hat Steuern hinterzogen, und dafür geht er jetzt ins Gefängnis, aber kein Mensch ist nur gut oder nur böse, und das gilt auch für Hoeneß. Diese Häme, die jetzt über ihm ausgeschüttet wird, ist mir fremd.“

Auch der Frauenfußball ist Hacke fremd: „Ich mag keinen Frauenfußball, ich weiß aber auch nicht, was daran so schlimm ist, ich meine, es gibt ja auch viele Frauen, die auf Frauenfußball stehen, aber keinen Männerfußball mögen.“ Natürlich finde er das „super“, dass Frauen Fußball spielen. „Aber ich mag nun mal das Niveau der Bundesliga der Männer.“

Verzweifelungstaten gegen Bayern

Internationalen Fußball dagegen hält der Journalist für „langweilig“. Barcelona habe lange langweiligen Fußball gespielt. Aber auch das Champions-League-Spiel der Bayern gegen Arsenal am vergangenen Dienstag habe ihn bald gelangweilt, obwohl Bayern München in der ersten Halbzeit „unfassbar überlegen“ gewesen sei. Arsenals Bälle dagegen seien nur „Verzweifelungstaten gegen das perfekte Spiel der Bayern“ gewesen. Das Spiel endete 1:1 (0:0).

Hacke geht in seinem neuen Buch der Frage nach, was die Schönheit des Fußballs ausmacht. Im Gespräch bei der taz sagt er, ihn interessiere eher die Einzelleistung eines Spielers, nicht die Teamleistung. Maradona etwa habe ein ganzes Team ausgemacht. „Das waren Genies!“ Heute zähle aber mehr die Mannschaftsleistung.

„Mir ist die Austauschbarkeit von Spielern in diesen Teams suspekt.“ Wer etwa bei Bayern München einen Spieler vom Platz nehme und durch einen anderen ersetze, könne sicher sein, dass sich das Rädchen perfekt einfüge. „Früher gab es mehr Irre auf dem Platz – so wie Zlatan Ibrahimović heute“, erklärt er.

Abschließende Frage im taz-Studio: Können wir mit Jogi Weltmeister werden? Hacke antwortet schwammig. „Man gibt die Hoffnung ja nicht auf.“ Und: „Das Problem ist, dass so viele Spieler verletzt sind.“ Und weiter: „Hinterher kann man dann immerhin sagen, es lag daran, dass so viele verletzt sind.“ Der taz-Chefreporter Unfried besteht aber auf eine eindeutige Antwort. Doch Hacke floskelt nur: „Deutschland ist eine Turniermannschaft.“ Er bleibt die Antwort schuldig.

Axel Hacke: Fußballgefühle, Antje Kunstmann Verlag, München, 2014, 176 Seiten, gebunden, 16 Euro, ISBN 978-3888979330

Alles andere als seltsam: Der junge Stefan Bachmann, Autor von "Die Seltsamen", (l.) im Gespräch mit Wolfgang Tischer.

Alles andere als seltsam: Der junge Stefan Bachmann, Autor von „Die Seltsamen“, (l.) im Gespräch mit Wolfgang Tischer.

Etwas versteckt wurde dem Buchmessen-Publikum am Freitag Stefan Bachmann präsentiert. Der Name des jungen Autors ist derzeit in vielen Mündern, weil er als 18-Jähriger mit seinem phantasievollen Debüt in Amerika zum Bestsellerautor wurde, jedoch eigentlich Schweizer ist. Jetzt hat der Diogenes Verlag die deutsche Übersetzung als „Die Seltsamen“ veröffentlicht.

Im Forum autoren@leipzig erzählt der heute 21-jährige Jungautor, wie er zum Schreiben kam: „Wenn man viel liest, will man irgendwann selber schreiben.“ Er sei beim Lesen oft böse auf die Autoren gewesen, weil sie nie ihre Geschichte so erzählt haben, wie er sie gerne gelesen hätte. „Deshalb musste ich anfangen, meine eigenen Geschichten zu erzählen.“

Mit einem bewundernswerten Selbstbewusstsein erklärt er, er habe zuvor viele andere Bücher geschrieben. „Die waren dann immer weniger schlecht.“ Und schließlich habe er sich an „Die Seltsamen“ gemacht (im Original: „The Peculiar“). Erst wenn seine Mutter und seine Schwester ein Kapitel gelesen und für gut befunden hatten, schrieb er weiter. Andernfalls schrieb er es um.

„Ich habe jedes Mal versucht, es besser zu machen“

Der 1993 in Boulder, Colorado, geborene Bachmann lebt seit seinem elften Lebensjahr in Zürich, schrieb seinen Roman jedoch auf Englisch und dachte nicht daran, ihn auf Deutsch zu veröffentlichen. Stattdessen schickte er sein Manuskript an amerikanische Agenten. Eins nach dem anderen. „Wenn die Absage kam, habe ich jedes Mal versucht, es besser zu machen.“ Dann schickte er das Manuskript an den nächsten Agenten. Bis eine Agentin das Potential erkannte und zuschlug.

„Die Seltsamen“ sind Mischlinge, halb Mensch, halb Feenwesen. Und Bartholomew Kettle ist ein solcher Mischling. Seit einiger Zeit verschwinden die Mischlinge aus London und werden nicht mehr gesehen. Als Bartholomew sich auf die Suche nach seiner Schwester macht, beginnt eine eigentümliche Geschichte, die schon mit jenen von Charles Dickens verglichen wurde.

Dass Bachmann mit einem solchen Namen der Weltliteratur in einem Atemzug genannt wird, erklärt sich der Schüler jedoch so: „Wenn man jung ist, hat man weniger im Kopf, dann ist der Stil noch ähnlich der gelesenen Bücher.“

„Ja, das nervt sicherlich alle“

In den Feuilletons wird dem Wunderkind am häufigsten vorgeworfen, dass sein Buch an der spannendsten Stelle aufhöre. Bachmann hat dafür durchaus Verständnis: „Ja, das nervt sicherlich alle, aber für mich war es klar, dass es zwei Bände geben wird, aber dann ist auch wirklich Schluss.“

Ob aus dem jungen Mann nun tatsächlich ein Schriftsteller mit eigenem Stil wird oder nach zwei Büchern auch die kurze Schreib-Karriere ein Ende hat, wird sich zeigen. Denn der 21-Jährige will eigentlich Filmkomponist werden. Dafür studiert er seit seinem elften Lebensjahr am Zürcher Konservatorium Orgel und Komposition. Für den Online-Buchtrailer hat er die Musik komponiert.

Zu „Die Seltsamen“ wird beizeiten eine Seitengang-Rezension erscheinen.

Stefan Bachmann: Die Seltsamen, Diogenes Verlag, Zürich, 2014, 368 Seiten, gebunden, 16.90 Euro, ISBN 978-3257068887

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DSC_0004-klDie Leipziger Buchmesse 2014 hat begonnen. Bis Sonntag berichtet Seitengang von den Ereignissen der Buchmesse, von Lesungen, Begegnungen, Entdeckungen und vor allem Büchern und Autoren.

Zur Eröffnung des “Café Europa” des Auswärtigen Amts und der Stadt Leipzig war am Donnerstagvormittag traditionell der Preisträger des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung zu Gast. Der indische Publizist und Historiker Pankaj Mishra hatte den mit 15.000 Euro dotierten Preis am Abend zuvor für sein Buch „Aus den Ruinen des Empires. Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens“ bekommen. Das 2013 bei S. Fischer erschienene Werk handelt von der Suche asiatischer Intellektueller nach Antworten auf die Überwältigung durch den Westen, analysiert allerdings aus nicht-westlicher Sicht.

Eröffnung des "Café Europa": Ilija Trojanow (v. l.), Pankaj Mishra und seine Übersetzerin.

Eröffnung des „Café Europa“: Ilija Trojanow (v. l.), Pankaj Mishra und seine Übersetzerin.

„Am Beispiel dreier bahnbrechender Einflussfiguren und Wortführer stellt er die intellektuelle und politische Mobilisierung dar, die den Aufstieg Chinas und Indiens zu Weltmächten und den Erfolg des politischen Islam begründete. Es ist der nicht-europäische Blick auf den Westen, der Pankaj Mishras aufklärendes Werk
für die Selbstverständigung Europas über die eigene Rolle in der heutigen Welt
unentbehrlich macht“, erklärt die international besetzte Jury ihr Urteil.

Mishra stellte sich im „Cafe Europa“ den klugen Fragen des Schriftstellers Ilija Trojanow, der am Abend auch die Laudatio für den Preisträger gehalten hatte (hier als PDF zum Nachlesen). Trojanow rühmte Mishra als „brillanten, globalen Intellektuellen“, der sich mit asiatischer und indischer Geschichte auskenne. Und gerade dieser kosmopolitische Blick mache das Buch zu einem Lesevergnügen. „Ich wusste das alles nicht, bevor ich das las“, erklärte Trojanow. Deshalb könne er das Buch nur all jenen ans Herz legen, die noch etwas lernen wollen. Und: „Selten war lernen so billig wie heute.“

Lernen – das war schließlich auch der Grund, weshalb Mishra überhaupt dieses Buch geschrieben hat. „Ich hatte eine große Lücke in meinem eigenen Wissen, habe ich festgestellt, und ich kannte kein Buch, dass die asiatische Geschichte so beschreibt.“

Von Trojanow darauf angesprochen, erklärt Mishra, warum er drei literarische Figuren in seinem Buch agieren lässt. Vor allem habe er über Menschen schreiben wollen, die noch nicht in Geschichten gerühmt worden seien. „Es gibt Aspekte im Leben dieser drei Persönlichkeiten, die kaum bekannt sind.“ Die drei Figuren repräsentierten darüberhinaus Phasen von Austausch und intellektueller Dynamik. „Sie sollen Licht in das Geschichtsverständnis bringen.“

Pankaj Mishra: Aus den Ruinen des Empires. Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens, S. Fischer Verlag, Frankfurt, 2013, 448 Seiten, gebunden, 26,99 Euro, ISBN 978-3100488381

Buchvorstellung: Die Rechtsmediziner Michael Tsokos (M.) und Saskia Guddat.

Buchvorstellung: Die Rechtsmediziner Michael Tsokos (M.) und Saskia Guddat.

Erheblichen Andrang gab es wenig später bei der Vorstellung des Buches „Deutschland misshandelt seine Kinder“. Das Buch – vielmehr: die Streitschrift – der beiden Rechtsmediziner Saskia Guddat und Michael Tsokos hatte bei Erscheinen Anfang Februar für Aufregung gesorgt. Nach den im Buch vorgelegten Zahlen werden jeden Tag in Deutschland mehr als 500 Kinder von Erwachsenen aus ihrem familiären Umfeld misshandelt. Und fast jeden Tag werde ein Kind durch körperliche Gewalt getötet.

Das Buch deckt Missstände im deutschen Kinderschutzsystem auf und belegt es durch schockierende Fälle aus dem Alltag der beiden Rechtsmediziner der Berliner Charité. Zusammen fordern sie ein energisches Vorgehen gegen Kindesmisshandler – und gegen all jene, die die alltägliche Misshandlung von Kindern durch Wegschauen, Verharmlosen und Tabuisieren begünstigen.

Die Reaktion auf das Buch sei von seiten der Bürger sehr gut gewesen, erklärt Tsokos. Erstaunlicherweise aber habe sich die Politik „weggeduckt“. Nur die Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig habe sich geäußert, aber nur eine „Kultur des Hinsehens“ gefordert. „Das ist doch nur eine Politikerfloskel“, sagt Tsokos ernst. Ihm ist anzumerken, dass er sich gewünscht hätte, eine größere Debatte auszulösen.

„Wir sind sauer auf das System der Tolerierer und der Täter“, erklärt Tsokos weiter. Seit 20 Jahren sei er nun in der Rechtsmedizin tätig, und immer wieder erlebe er diese Fälle, die hätten verhindert werden können. „Da habe ich zu Saskia (Guddat, Co-Autorin) gesagt: Wir müssen ein Buch schreiben, auch wenn wir Gegenwind bekommen, aber ein totes Kind auf dem Sektionstisch, das ist jedes Mal ein Albtraum.“

(Ich belasse es bei diesen kurzen Anmerkungen, denn eine ausführliche Rezension des Buches folgt schon bald auf Seitengang!)

Michael Tsokos/Saskia Guddat: Deutschland misshandelt seine Kinder, Verlag Droemer Knaur, München, 2014, 256 Seiten, gebunden, 19,99 Euro, ISBN 978-3426276167

Im Gespräch: Der kolumbianische Schriftsteller und Journalist Hernando Calvo Ospina (l.).

Im Gespräch: Der kolumbianische Schriftsteller und Journalist Hernando Calvo Ospina (l.).

Im Sachbuchforum stellte der kolumbianische Journalist und Schriftsteller Hernando Calvo Ospina seine Autobiographie „Sei still und atme tief“ vor. Darin erzählt er von seinem Verschwinden in Ecuador und seinem späteren Wiederauftauchen in Europa. Dazwischen liegen Monate, in denen er verschleppt und gefoltert wurde, mit Schlafentzug, Schlägen und Elektroschocks.

Die Geschichte seiner plötzlichen Festnahme durch den kolumbianischen und ecuadorianischen Militärgeheimdienst im Jahr 1985 ist bekannt – er hat sie später vor Amnesty International und anderen internationalen Menschenrechtsorganisationen erzählt. Dennoch ist sie hier erstmalig in einem Buch veröffentlicht.

Auf der Leipziger Literaturmesse gibt Calvo einen ersten Einblick. Der Journalist erzählt trotz der Ernsthaftigkeit des Themas mit lakonischem Humor von seinen Erfahrungen im Gefängnis. „In Lateinamerika sind die Gefängnisse etwas grausamer, aber sonst sie sind wie überall.“ Wer als politischer Gefangener in Haft kommt, werde mit Respekt behandelt. Aber wie in jedem anderen Gefängnis tummeln sich dort auch die Diebe, Betrüger und Mörder.

Belustigt hörte das Publikum Calvos Anekdote über einen wohlhabenden Niederländer, der die Zeche einer Prostituierten geprellt hatte und dafür eine Nacht im Gefängnis verbringen musste. „Als der auf die übrigen Insassen im Innenhof traf, gesellten sich rechts und links Kolumbianer zu ihm und nahmen ihn aus.“ Der Niederländer aber glaubte, sich wehren zu können und drohte an, er könne Karate. Calvo trocken: „Da haben sie ihm eine lange Machete gezeigt.“

Der arme Niederländer musste nun seine gesamte Kleidung abgeben. Schon als er den Innenhof betreten hatte, habe seine Kleidung eigentlich schon jemand anderem gehört, sagt Calvo. „Er musste aber nicht nackt zurück auf die Straße, die Kolumbianer haben ihm andere Häftlingskleidung gegeben.“ Und dann setzt er hinzu: „Er war allerdings ziemlich groß, und wir sind alle ziemlich klein.“ Als der Niederländer am nächsten Tag von dessen Frau aus dem Gefängnis abgeholt worden sei, habe sie also einen ziemlich unmöglich angezogenen Mann zurückbekommen.

Man könnte meinen, dieser Journalist der französischen Le Monde Diplomatique könne doch kaum einer Fliege etwas zu Leide tun. Aber manchmal sind es wohl doch Wörter, die gefährlich sind wie Schwertspitzen und deshalb ähnlich gefürchtet werden. Im Jahr 2009, als er für eine Reportage nach Mexiko fliegen musste, verweigerten die USA einer Maschine der Air France, in der er saß, den Weg durch den US-Luftraum.

„Ich erinnere mich noch daran, dass der Kapitän durchsagte, wir dürften nicht in den amerikanischen Luftraum einfliegen, weil an Bord jemand sei, der Amerika gefährde.“ An ihn selbst habe er dabei nicht gedacht, sagt Calvo. Erst nach der Landung habe der Kapitän ihn zur Seite genommen und ihn aufgeklärt, dass er offenbar auf der No-Fly-List der USA stehe.

Calvo hätte sicher noch mehr zu erzählen gehabt, aber seine Redezeit war leider auch begrenzt. Eine Rezension seines Buches wird beizeiten auf Seitengang folgen.

Hernando Calvo Ospina: Sei still und atme tief, Zambon Verlag, Frankfurt, 2013, 220 Seiten, broschiert, 12 Euro, ISBN 978-3889752215

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Alle Preisträger: Saša Stanišić (v. l.), Robin Detje  und Helmut Lethen. Foto: Leipziger Messe GmbH / Uli Koch

Alle Preisträger: Saša Stanišić (v. l.), Robin Detje und Helmut Lethen. Foto: Leipziger Messe GmbH / Uli Koch

Eine Dekade ist geschafft! Zum zehnten Mal ist am Donnerstagnachmittag in Leipzig der Preis der Leipziger Buchmesse verliehen worden. Der mit insgesamt 45.000 Euro dotierte Preis gilt mittlerweile als einer der renommiertesten Buchpreise im deutschsprachigen Raum. In diesem Jahr entschied sich die siebenköpfige Jury unter dem Vorsitzenden Hubert Winkels für:

Saša Stanišić (Kategorie Belletristik) mit seinem Roman „Vor dem Fest“, erschienen im Luchterhand Literaturverlag,

Helmut Lethen (Kategorie Sachbuch/Essayistik) mit seinem Buch „Der Schatten des Fotografen“, erschienen bei Rowohlt Berlin, und

Robin Detje (Kategorie Übersetzung) mit seiner Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von William T. Vollmanns „Europe Central“, erschienen im Suhrkamp Verlag.

Als Henry Hasenpflug, Staatssekretär für Wissenschaft und Kunst des Freistaates Sachsen, den Namen Saša Stanišić als Sieger des Buchpreises in der Kategorie Belletristik nennt, ist Jubel und Hochstimmung im Publikum. Stanišićs Roman über ein fiktives Dorf in der Uckermark ist erst am Anfang der Buchmesse-Woche erschienen und hat dennoch bereits begeisterten Anklang in den Feuilletons gefunden.

„Stanišić hat ein Dorf aus Sprache erfunden, ein Kaleidoskop, einen Kosmos aus vielen Stimmen, Klangfarben, Jargons, die Welt in nuce, magisch zusammengehalten von einem kollektiven Erzähler, der dazugehört, einem, der verschmitzt ist und gewitzt und klug und ein bisschen weise“, urteilt die Jury über den Roman des Mannes, der zuvor schon als Autor, Blogger und Kolumnist zahlreiche Preise und Stipendien erhalten hat.

Stanišić nimmt den Preis sichtlich überrascht entgegen. Er sei „wahnsinnig froh“ und erzählt, er habe auf dem Weg zur Preisverleihung ein Ei geschenkt bekommen. „Ich glaube, das ist aus der Uckermark.“ Er dankt dem Verlag, der Uckermark und seiner eigenen Freundin, die zuletzt auch zu seiner Lektorin geworden sei, erzählt er. So einsam sei das Schriftstellerleben also nicht.

In der Kategorie „Sachbuch/Essayistik“ kürte die Jury den Essay „Der Schatten des Fotografen“ des Literaturwissenschaftlers Helmut Lethen. Woher rührt die ungeheure Wirkung, die Fotos auf uns haben? Und wie viel Wirklichkeit steckt in oder hinter den Bildern? Lethen geht diesen Fragen auf einem Streifzug durch die Kunst- und Mediengeschichte des 20. Jahrhunderts nach.

Die Jury sagt: „Wenn man dieses Buch als Verhaltenslehre des Sehens bezeichnet – als nützliche, sinnliche, analytische Verhaltenslehre des Sehens –, dann nur, wenn man einen Aspekt noch ergänzt. Nichts Autoritäres gibt es hier, im Gegenteil. „Der Schatten des Fotografen“, das ist eine Lehre zum Mitdenken; anregend noch lange nach der Lektüre.“

Als Lethen ans Mikrofon tritt, ruft er als erstes aus: „Da ist ein Scheck!“ Das Publikum lacht. Dann grüßt er, so wie er es von der Oscar-Verleihung gelernt habe, seine Frau, seine fünf Kinder sowie seine Ex-Frau im Amsterdam und verlässt dann die Bühne.

In der Kategorie „Übersetzung“ wird Robin Detje für seine Übertragung von William T. Vollmanns “Europe Central” aus dem amerikanischen Englisch mit dem Leipziger Buchpreis prämiert. Das rund 1.000 Seiten umfassende Buch, in den USA bereits 2005 erschienen, ist ein historischer Roman über die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts in Mitteleuropa und Russland.

„Robin Detje schreibt seine Übersetzung stimmig am amerikanischen Original entlang. Immer wieder findet er überzeugende Entsprechungen für Töne, Bilder, Motivreihen. Mit diesem Sprachgefühl, Akribie und auf Augenhöhe mit dem Autor bringt er uns diese Hymne auf die Kunst des Erzählens, die dabei selbst die Grenzen klassischen Erzählens immer wieder durchbricht, auch musikalisch nah“, begründet die Jury ihre Entscheidung. Detje habe das Werk „eindrucksvoll übersetzt“, es seien Sätze „voller Schönheit und Abgründe, in denen Zynismus, Lakonie und Poesie aufeinander fallen“.

Insgesamt sind in diesem Jahr 410 Titel von 136 Verlagen für den Preis eingereicht worden. Daraus nominierte die Jury fünf Autoren oder Übersetzer in jeder Kategorie.

Nominierte Kategorie Belletristik:
Fabian Hischmann:
„Am Ende schmeißen wir mit Gold“ (Berlin Verlag)
Per Leo: „Flut und Boden: Roman einer Familie“ (Klett-Cotta)
Martin Mosebach: „Das Blutbuchenfest“ (Carl Hanser Verlag)
Katja Petrowskaja: „Vielleicht Esther“ (Suhrkamp Verlag)
Saša Stanišić: „Vor dem Fest“ (Luchterhand Literaturverlag)

Nominierte Kategorie Sachbuch/Essayistik:
Diedrich Diederichsen:
„Über Pop-Musik“ (Kiepenheuer&Witsch)
Jürgen Kaube: „Max Weber: Ein Leben zwischen den Epochen“ (Rowohlt Berlin)
Helmut Lethen: „Der Schatten des Fotografen“ (Rowohlt Berlin)
Barbara Vinken: „Angezogen: Das Geheimnis der Mode“ (Klett-Cotta)
Roger Willemsen: „Das Hohe Haus: Ein Jahr im Parlament“ (S. Fischer)

Nominierte Kategorie Übersetzung:
Paul Berf:
„Spielen“, aus dem Norwegischen, von Karl Ove Knausgård (Luchterhand Literaturverlag)
Robin Detje: „Europe Central“, aus dem amerikanischen Englisch, von William T. Vollmann (Suhrkamp Verlag)
Ursula Gräfe: „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“, aus dem Japanischen, von Haruki Murakami (Dumont Buchverlag)
Hinrich Schmidt-Henkel: „Jacques der Fatalist und sein Herr“ aus dem Französischen, von Denis Diderot (Matthes & Seitz Berlin)
Ernest Wichner: „Buch des Flüsterns“, aus dem Rumänischen, von Varujan Vosganian (Paul Zsolnay Verlag)

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