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Archive for the ‘Schauerroman’ Category

MörderhotelEin Hotel mit Falltüren, Foltertisch, versteckten Zimmern, Gucklöchern und geheimen Gängen? Klingt nicht gerade nach Erholung. Aber Herman Webster Mudgett ist auch nicht bloß Hotelier, sondern einer der ersten Serienkiller Amerikas. Wolfgang Hohlbein hat jetzt einen Roman über den Mann geschrieben, der mehr als 230 Menschen getötet haben soll. Obwohl der Roman als Thriller angepriesen wird, fehlt manchenorts die Spannung in diesem 847 Seiten starken Werk. Und dennoch ist es wirklich ein lesenswerter Roman, weil er gut recherchiert und vor allem toll erzählt ist.

Wir schreiben das Jahr 1893. In Chicago öffnet die neunzehnte Weltausstellung ihre Tore, und Millionen von Besuchern kommen in die Stadt, um solch Erstaunliches wie das erste moderne Riesenrad zu sehen. Auch Arlis Christen und der Privatdetektiv Frank Geyer reisen nach Chicago. Sie suchen nach Arlis‘ verschwundener Schwester, von der es heißt, dass sie einen gewissen Herman Webster Mudgett habe heiraten wollen. Kurzerhand quartieren sich beide in dessen Hotel ein und beginnen mit ihren Ermittlungen, die sie in tödliche Gefahr bringen.

Hohlbein, der sich als Autor von Fantasy- und Grusel-Romanen einen Namen gemacht hat, ist über eine BBC-Dokumentation zur Chicagoer Weltausstellung auf Herman Webster Mudgett aufmerksam geworden. Weil er es zunächst nicht glauben konnte, dass dem Mörder so lange niemand auf die Schliche gekommen war, forschte er weiter und erkannte dann wohl das Potential für einen Roman. Denn bisher hat nur der US-amerikanische Schriftsteller Erik Larson ein erzählerisches Sachbuch über Herman Webster Mudgett geschrieben, das in der deutschen Übersetzung („Der Teufel von Chicago“, Fischer Verlag, 2004) allerdings vergriffen ist. Im August wurde bekannt, dass Larsons Buch jetzt von Martin Scorsese verfilmt wird, und Leonardo DiCaprio soll die Hauptrolle des Killers übernehmen. Da kommt Hohlbeins Roman also zur rechten Zeit.

Erzählerisch sehr gelungen

Kritiker werfen dem Roman vor, er könne die Spannung nicht halten. Richtig ist, dass der Stempel „Thriller“ zweifelhaft ist. Aber erzählerisch ist der Roman sehr gelungen. Hohlbein nimmt sich Zeit und erlaubt dem Leser auch einen langen Blick auf die Kindheit von Herman Webster Mudgett: Etwa wie er zunächst von anderen Kindern gehänselt wird, sich dann aber – sehr blutig und mit ersten Anzeichen auf seine spätere Karriere als Serienmörder – Respekt verschafft.

Doch Hohlbein schlüsselt nicht nur Mudgetts Biographie präzise auf, sondern er hat auch die Zeitumstände ordentlich recherchiert. So werden auch die beschriebenen Schauplätze vor den Augen der Leser hervorragend lebendig, wenn Droschken über das Kopfsteinpflaster rattern, Dirnen in den Tavernen ihre Liebesdienste anbieten oder sich allerlei zwielichtiges Volk in den Gassen tummelt. Nicht umsonst war die Stadt damals lange Zeit nur als „Schlachthof der Nation“ bekannt.

Indes: Für zimperliche Leser ist das Buch eher nicht geeignet, weil es schon ordentlich blutig zur Sache geht. Und auch hier beweist Hohlbein sein Faible für Präzision, denn selbst die Morde werden sehr detailreich beschrieben. Da Mudgett manche seiner Opfer danach noch in Säure auflöste, um ihre Skelette an Universitäten und Arztpraxen zu verkaufen, muss man als Leser schon die eine oder andere Scheußlichkeit ertragen.

Lesenswerter, historischer Horror-Schmöker

Insgesamt ist Hohlbein mit seinem Roman ein lesenswerter, historischer Horror-Schmöker geglückt. Die Protagonisten sind interessant und psychologisch nachvollziehbar gezeichnet, vor allem die fabelhafte Figur von Herman Webster Mudgett. Aber auch die von Arlis Christen und dem anfangs ziemlich unsympathischen Frank Geyer, den es übrigens tatsächlich gegeben hat, sind gelungen. Lesen Sie diesen Roman, und wenn er Ihnen besonders nahe geht, werden Sie möglicherweise bald die Wände Ihrer Hotelzimmer mit den Fäusten abklopfen, bevor Sie sich dort sicher fühlen. In jedem Fall aber haben Sie sich von einem versierten Schriftsteller eine wirklich gute Geschichte erzählen lassen.

Wolfgang Hohlbein: Mörderhotel, Bastei Lübbe Verlag, Köln, 2015, 847 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3785725481, Leseprobe

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RevivalDer neue Roman „Revival“ von Stephen King wird als die Rückkehr des Horror-Meisters beworben. Der Horror in diesem Buch aber tönt nur leise, und schon das macht den Roman um einen gottvergessenen Prediger so lesenswert. Es ist vor allem aber auch eine richtig gute Erzählung. Warum King der Literatur-Stempel immer noch verwehrt bleibt, ist nicht zu verstehen.

Der Roman beginnt im Oktober des Jahres 1962. Während die Kubakrise in vollem Gange ist, lässt Jamie Morton bei seinen Plastiksoldaten lieber die Krauts gegen die Amerikaner antreten. Jamie ist sechs Jahre alt, als an jenem Tag im Oktober erstmals ein Schatten auf ihn fällt, der ihn sein ganzes Leben begleiten wird. „Ich blickte auf und sah einen Mann vor mir stehen. Weil sich die Nachmittagssonne hinter ihm befand, war er eine von goldenem Licht umgebene Silhouette – eine menschliche Sonnenfinsternis.“

Den Schatten wirft der junge Charles Jacobs, der soeben der neue Pfarrer der methodistischen Gemeinde in Harlow geworden ist. Fortan füllt er die Kirche wieder mit Gläubigen und verblüfft seine kleinen Zuschauer in der wöchentlichen Jugendgruppe mit kleinen Wundern. Jamie und die anderen Kinder erkennen jedoch schnell, dass die Wunder nichts anderes sind als Zaubertricks. Die Jesusfigur etwa, die den Anschein macht, als würde sie über einen See laufen, nutzt dafür eine kleine Führungsschiene, die unter dem seichten Wasser mit blauer Farbe verborgen ist.

Elektrizität und Spielereien

Jamie und Jacobs freunden sich an. Gleich am ersten Tag lädt Jacobs seinen jungen Freund zu sich ins Pfarrhaus ein und weiht ihn dort in sein großes Hobby ein: Die Elektrizität und allerlei damit verbundene, technische Spielereien. Er erfindet Batterien, Lichtschranken und natürlich den Wasser überquerenden Jesus. Mit seinen elektrischen Gerätschaften kann er sogar Jamies Bruder heilen, der für Monate seine Stimme verloren hatte.

Jamie ist fasziniert, während die meisten anderen Jungs wesentlich angetaner sind von Jacobs Frau Patsy, deren blonder Schopf beim Orgelspielen immer so schön hin und her wippt, und die auch ansonsten eine durchaus hübsche Erscheinung ist: „(…) und ich bekam einmal mit, wie mein Bruder Andy – der damals wohl auf die vierzehn zuging – sagte, sie über den Platz laufen zu sehen, sei eine ganz eigene religiöse Erfahrung.“ Die Mädchen wiederum sind völlig vernarrt in Jacobs zweijährigen Sohn Morrie (die Jungs nennen ihn dagegen nur „Morrie, das Klettchen“). Und die Erwachsenen, ja, die sind ihrerseits begeistert, dass sie endlich wieder einen ausgebildeten Pfarrer in ihrer Gemeinde haben.

In „Revival“ zeigt Stephen King einmal mehr, dass er ganz außerordentlich in der Lage ist, die kindliche und jugendliche Sicht der Dinge zu erzählen. Mit einem Lächeln in der Sprache, dass man meinen könnte, er habe auch beim Schreiben dieser Passagen unaufhörlich lächeln mögen. Bis der Horror das erste Mal sein Antlitz zeigt, kurz, nur ganz kurz. Denn eines Tages reißt ein grausiger Verkehrsunfall Jacobs Frau Patsy und ihren gemeinsamen Sohn Morrie aus dem Leben, von King mit drastischen Bildern beschrieben.

Mit Groll und tödlichem Zorn

Jacobs kann den Verlust seiner Frau und seines Sohnes nicht verwinden. Am darauf folgenden Sonntag liest er eine Messe, die seitdem als die „Furchtbare Predigt“ über die Gemeindegrenzen hinaus bekannt ist. Darin listet Jacobs Fall um Fall auf, in denen Gott seine Schäfchen nicht beschützt, sondern offenbar mit Groll verfolgt und mit tödlichem Zorn vernichtet hat. Jacobs Jesus hat jegliche Führungsschiene verlassen. Den Job ist Jacobs aber auch los, denn nach dieser Predigt muss er die Gemeinde verlassen.

Nun dauert es, bis Jacobs Schatten das nächste Mal auf Jamie fällt. Der Leser folgt Jamie auf dem Weg durch die Highschool und die erste Liebe. Aus dem kleinen Jungen wird ein mittelmäßiger Rock-Gitarrist, und falls das Buch jemals verfilmt wird, hat Stephen King dermaßen viele Anspielungen auf berühmte und weniger bekannte Rock-Songs gemacht, dass der Soundtrack zum Film mehrere Tonträger umfassen könnte. Viele der erwähnten Songs finden sich übrigens auch im Repertoire der Band „Rock Bottom Remainders“, in der Stephen King selbst hin und wieder Gitarre spielt. Ein Stephen-King-Fan hat sich die Mühe gemacht und eine YouTube-Playlist zusammengestellt, auf der nahezu alle bei „Revival“ erwähnten Songs zu finden sind. Leider sind einige davon in Deutschland nicht aufrufbar, aber der Rest intensiviert das Leseerlebnis.

„Revival“ trägt auch autobiografische Züge, denn Jamie Morton wird bald drogenabhängig, wie auch Stephen King einst drogen- und alkoholabhängig war. In seinem lesenswerten Interview mit dem Musikmagazin Rolling Stone (Ausgabe 245 / März 2015) erklärt King, er erkenne sich selbst in der Figur des Jamie wieder: „Jamie ist ein Bursche, der nach einem Motorradunfall süchtig wird – so wie ich nach meinem Unfall ein Drogenproblem bekam.“ Im Jahr 1999 wurde King bei einem Spaziergang von einem Auto erfasst und schwer verletzt. Um die Schmerzen zu betäuben, nahm er ein starkes, süchtig machendes Schmerzmittel ein. Aber schon zuvor habe er um 1978/1979 herum ein heftiges Alkoholproblem gehabt. „Ich musste pro Abend eine ganze 24er-Kiste verputzt haben und sagte mir: Du bist Alkoholiker.“ Ab 1978 sei er dazu noch kokainsüchtig geworden („Zwischen 1978 und 1986 war ich voll drauf“) und habe mit „Das Monstrum“ eines seiner schlechtesten Bücher geschrieben.

Elektrisches Wunder

Auch Jamie Morton ist „voll drauf“. Soeben aus der Band geworfen, tapert er, ausgemergelt und pleite von der Drogensucht, eines Tages ganz zufällig in einen kleinen Laden mit Elektrogeräten. Inhaber des Ladens ist – wie sollte es anders sein – Charles Jacobs. Der bringt Jamie auf die Beine und zurück ins Leben, erneut mit einem elektrischen Wunder, das stärker als das bisher erlebte ist. Jacobs lernt dazu, tüftelt weiter und tingelt schließlich mit seinen Zaubereien über die Jahrmärkte. Raffinierterweise lässt King seinen versessenen Reverend auch auf jenem Jahrmarkt arbeiten, der Schauplatz für seinen früheren Roman „Joyland“ gewesen ist.

Jamie und Jacobs Wege kreuzen sich immer wieder, doch Jamie graust es mehr und mehr vor der Verwandlung seines einstigen Freundes. Der widmet sich nämlich plötzlich einer Karriere als Fernseh-Prediger und Heiler, während er glaubt, Religion sei nichts anderes als ein großes Blendwerk. Mit seiner „Revival“-Show tourt er durch Amerika und lässt Blinde wieder sehen, Taube wieder hören und Menschen an Krücken und aus Rollstühlen wieder beschwerdefrei gehen. Das ist auch der Moment, in dem der leise Horror wieder einkehrt.

Wie sehr die Gläubigen nach Wundern lechzen und bereit sind, dafür ihr letztes Geld auszugeben, beschreibt King sehr eindrücklich. Auf der anderen Seite zeigt er auch die erschreckende Wesensveränderung des ehemals beliebten Reverend, der nur ein Ziel vor Augen hat: Die geheime Elektrizität zu entschlüsseln und für ihn nutzbar zu machen, nur um einen Blick hinter die Mauern des Todes zu werfen.

„Es lief mir kalt den Rücken hinunter“

King spielt dabei deutlich mit Mary Shelleys „Frankenstein“-Mythos. Das bekennt er in dem bereits erwähnten Interview mit dem Rolling Stone, als er gefragt wird, wann er die Idee für „Revival“ gehabt habe: „Schon in meiner Jugend. Auf der Highschool las ich ‚The Great God Pan‘, und darin gibt es zwei Männer, die gespannt darauf warten, ob die Protagonistin von den Toten zurückkehren kann oder nicht. Bei dieser Geschichte lief es mir kalt den Rücken hinunter. Und je mehr ich im Lauf der Jahre darüber nachdachte, desto mehr kristallisierte sich dieser ganze Mary-Shelley-Frankenstein-Komplex von ‚Revival‘ heraus.“ Im Roman aber findet sich ebenfalls ein kleiner, wenn auch versteckter Hinweis: Als es zum alles entscheidenden Experiment kommt, heißt die wichtigste Person nicht etwa Jamie Morton oder Charles Jacobs, sondern Mary Fay. Und deren Mutter soll eine geborene Shelley gewesen sein.

Kings Frankenstein aber erschafft nicht nur ein Monster, sondern viele. Denn jede von Jacobs‘ Heilungen sorgt zwar vordergründig für eine Verbesserung des Lebens, aber im Unterbewussten lauern Monster, die besser nicht geweckt worden wären. Um es mit einem berühmt gewordenen Zitat aus dem Film „Acht Millimeter“ zu sagen: „Wenn du dich mit dem Teufel einlässt, verändert sich nicht der Teufel. Der Teufel verändert dich.“ Ähnlich verhält es sich mit der scheinbar heilenden Elektrizität des Charles Jacobs.

Stephen Kings neuer Roman „Revival“ ist ein erzählerisch dichtes Werk und ein Schmöker bester Güte. Wie schon in „Joyland“ beweist King auch hier erneut, dass er Charaktere erschaffen kann, die einem Leser so sehr ans Herz wachsen, dass man sie am Ende ungern gehen lassen möchte. Dies ist kein Buch, das man nach dem Lesen wieder verkauft oder weiter verschenkt, denn man weiß, dass der Tag kommen mag, an dem man es wieder lesen möchte. Und dann muss es parat stehen.

Fehlende Bereitschaft zur korrekten Grammatik

Was bei übersetzten Büchern aus dem Heyne Verlag allerdings immer wieder ein Ärgernis ist, ist die fehlende Bereitschaft zur Verwendung der korrekten Grammatik des Hochdeutschen. Hier wird der Rezensent nicht müde werden, auf dieses Manko aufmerksam zu machen. Dass in den südlichen Bereichen Deutschlands im Zusammenhang mit der Präposition „wegen“ der Dativ statt des Genitivs verwendet wird, sollte keine Grundlage bei der Übersetzung ins Deutsche sein. So muten nämlich Passagen in Büchern wie „Revival“ seltsam an, wenn Charles Jacobs dem sechsjährigen Jamie erklärt, dass ein Satz wie „Denen, wo sich selber helfen“ grammatikalisch nicht korrekt sei, er aber eine Seite weiter selbst plötzlich grammatikalisch falsch spricht: „Ihr wisst schon, wegen seinem Unfall.“ Und das ist leider kein Ausnahmefall.

Das aber sollte letztlich niemanden davon abhalten, „Revival“ zu lesen, denn neben der unsauberen Grammatik bleibt es dennoch ein packender und lesenswerter Roman.

Stephen King: Revival, Heyne Verlag, München, 2015, 512 Seiten, gebunden, 22,99 Euro, ISBN 978-3453269637, Leseprobe

Die Zitate aus dem Rolling Stone-Interview entstammen der deutschen Übersetzung aus der deutschen Magazin-Ausgabe (März 2015). Das Interview führte der US-Autor Andy Greene für die amerikanische Ausgabe des Rolling Stone im Jahr 2014. Veröffentlicht wurde es am 31. Oktober 2014. Zum Zeitpunkt der Rezension ist das Interview im Internet nur auf Englisch vollständig abrufbar.

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Die unheimliche BibliothekAch, würde es doch mehr Jugendliche geben wie diesen Jungen aus Haruki Murakamis Erzählung „Die unheimliche Bibliothek“, die endlich auf Deutsch erschienen ist, kunstfertig von Kat Menschik illustriert. Eifrig leiht der kleine Mann Buch um Buch aus der Stadtbibliothek aus und findet seine Antworten abseits der Internetsuchmaschinen. Nur die fürchterliche Erfahrung im Keller der Bibliothek wünscht man sich für keinen Heranwachsenden. „Die unheimliche Bibliothek“ ist eine lesenswerte Erzählung, in der die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen.

Der kleine Junge ist sicherlich nicht der typische Jugendliche der heutigen Generation. Von Google scheint er glücklicherweise noch nichts gehört zu haben. Stattdessen stillt er seinen Wissenshunger in den Büchern einer Bibliothek, die mit den wundersamsten Werken bestückt ist. Weiß er etwas nicht, besucht er stets die Stadtbücherei, um es herauszufinden. Das war schon immer so. „Schon von klein auf“, erzählt er. Als er sich eines Tages auf dem Weg nach Hause fragt, wie man damals im Osmanischen Reich eigentlich die Steuern eintrieb, muss er auch diese ungewöhnliche Frage gleich beantwortet wissen, findet er.

In den Untiefen der Bücherei trifft er schließlich auf einen Bibliothekar, der dem perfiden Horror einer Gebrüder-Grimm-Hexe in nichts nachsteht. Er gaukelt dem Jungen vor, ihn zum Lesesaal zu bringen. Tatsächlich aber führt er ihn durch ein unterirdisches Labyrinth in ein Kellerverlies, wo er den Jungen einen Monat lang eingesperrt lassen will, bis dessen Gehirn vor lauter angelesenem Wissen groß und schmackhaft geworden ist.

Die Ängste eines Heranwachsenden

Doch ein freundlicher Schafsmann und ein wunderschönes, aber stummes Mädchen verhelfen dem Jungen zur Flucht. Dabei bleibt stets die Frage: Wo hört der Traum auf und wo beginnt die Realität? Oder beruht alles auf einem Albtraum? Murakamis Erzählung jedenfalls gruselt den Leser mächtig, sofern er sich darauf einlässt, weil er das Kindsein noch nicht verlernt und die Ängste eines Heranwachsenden noch nicht vergessen hat.

Dass ein Hort des Wissens mit solchen Schrecken aufwarten kann, zeigt sehr malerisch die Angst, sich auch in einer vertrauten Umgebung letztlich nicht hundertprozentig sicher fühlen zu können. Doch so schrecklich die Erfahrung für den Jungen ist – hätte er eine Internetsuchmaschine benutzt, wäre er um sein wohl größtes Abenteuer gebracht worden. Und er hätte niemals das wunderschöne Mädchen kennengelernt. Das Ende jedoch, soviel sei verraten, ist ausgesprochen rätselhaft. Wer mit offen bleibenden Fragen am Ende eines Buches nicht umgehen kann, sollte deshalb besser die Finger von diesem Büchlein lassen.

Das Wort „Büchlein“ meint in diesem Fall die Lesemenge, denn „Die unheimliche Bibliothek“ ist ein gutes Beispiel für den Wert von Büchern. Nur 64 Seiten umfasst die Erzählung, 20 davon zeigen die ganzseitigen und düsteren Illustrationen der Berliner Zeichnerin Kat Menschik. Das gebundene Buch kostet 14,99 Euro – wer da Geld durch Seitenzahl teilt, hat keinen Sinn für bibliophile Ausgaben. Denn der Verlag DuMont legt hier eine wirklich herrliche Edition vor: Die Illustrationen, das hochfeine Papier, das Lesebändchen, der würdige Umschlag – das alles macht die Erzählung zu einem wahren Leseerlebnis.

Mit aktuellem Wälzer in aller Munde

Dass Murakami, der derzeit mit seinem aktuellen Wälzer „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ in aller Munde ist, auch solch kurze Geschichten famos erzählen kann, hat er schon in zwei vorangegangenen Erzählungen bewiesen. Auch „Die Bäckereiüberfälle“ und „Schlaf“ sind beide in ähnlich opulenter Aufmachung und ebenfalls von Kat Menschik illustriert im DuMont-Buchverlag erschienen.

Murakami ist nach wie vor ein Anwärter auf den Literaturnobelpreis. Auch sein neuestes Werk wird schon wieder als meisterhaft gefeiert. „Die unheimliche Bibliothek“ wirkt da fast wie eine Schreibspielerei. Die ist jedoch nicht minder faszinierend.

Haruki Murakami: Die unheimliche Bibliothek, DuMont Buchverlag, Köln, 2013, 64 Seiten, 20 farbige Abbildungen, Lesebändchen, gebunden, 14,99 Euro, ISBN 978-3832197179, Leseprobe

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Arthur Kipps ist noch ein junger Anwalt, als er von seiner Kanzlei in eine gottverlassene Gegend Englands geschickt wird, um den Nachlass der verstorbenen Mrs. Drablow zu regeln. Ihr Anwesen ist nur bei Ebbe über den Nine Lives Causeway zu erreichen. Wer den Damm verlässt, droht jämmerlich im nebligen Sumpfgebiet zu versinken. Doch was den Advokaten in Eel Marsh House erwartet, hätte er sich in seinen dunkelsten Träumen nicht ausgemalt.

Es ist Angang November, und der frisch verlobte Arthur Kipps freut sich, dem Londoner Nebel zu entkommen. Dankbar nimmt er den Auftrag an, der Beerdigung beizuwohnen und im Anwesen der Verstorbenen nach dem Rechten zu sehen. Crythin Gifford heißt der kleine schmucke Ort, in dem er absteigt, um die Beerdigung abzuwickeln. Doch die Dorfbewohner sind seltsam verschlossen, und auch der Immobilienmakler, der Kipps in die Sachlage einweisen soll, gibt nur ganz und gar verhalten Auskunft. Und so verwundert es Kipps kaum, dass niemand außer ihm und dem Immobilienmakler an der Trauerfeier für die alte Dame teilnimmt.

Am Ende der Messe vernimmt Kipps jedoch ein Rascheln in der Kirche – er dreht sich um und entdeckt mehrere Bankreihen hinter sich eine offensichtlich trauernde Frau. „Allerdings sah ihre Kleidung aus, als wäre sie aus einer alten Truhe oder einem Schrank gekramt worden, denn das Schwarz war ein wenig verschossen.“ Bleich, ausgemergelt und mit tief eingesunkenen Augen hockt die Frau in Schwarz auf der Kirchenbank. Auch später auf dem Friedhof entdeckt er die mysteriöse Frau wieder. Der Immobilienmakler jedoch behauptet, niemanden gesehen zu haben.

Guter englischer Gruselstoff

Als er schließlich Eel Marsh House betritt, nimmt der Spuk volle Fahrt auf. Ein unsichtbares Kind wimmert und schreit, aus einem Zimmer ohne Klinke und Riegel dringen Klopfgeräusche, und immer wieder erscheint aus dem typisch englischen Nebel rund um Eel Marsh House die rätselhafte Frau in Schwarz. Susan Hills Schauerroman versprüht den feinen Grusel, der in diesem Genre vom Leser verlangt wird. Das ist kein Horror, kein Schocker, sondern guter englischer Gruselstoff, angelegt im viktorianischen Zeitalter.

Der Roman jedoch ist bereits 1983 in England erschienen, im Jahr 1993 erstmals auf Deutsch. Stephen Mallatratt hat den Roman für sein Theaterstück adaptiert, das seit mehreren Jahren erfolgreich am Londoner West End gespielt wird. Aber erst jetzt, fast 30 Jahre nachdem das Buch geschrieben worden ist, wird es für das Kino entdeckt. Und niemand Geringeres als „Harry Potter“-Darsteller Daniel Radcliffe spielt die Rolle des jungen Anwalts Arthur Kipps. Gefilmt wurde in den legendären britischen Hammer Studios, die in den 50er und 60er Jahren mit Horrorproduktionen wie „Dracula“ oder „Frankensteins Rache“ bekannt wurden, später aber Konkurs anmelden mussten. Die Hammer Studios wurden wiederbelebt und beleben nun ihrerseits einen Gruselstoff, der wie für sie geschrieben scheint.

Dies ist jedoch lediglich die Kritik des Buches, und da muss der Rezensent mit ein wenig Unverständnis bemerken, wie der Verlag versucht, die Popularität des Hauptdarstellers auszunutzen, um den „Roman zum Film“ besser zu vermarkten. Es hätte genügt, den Roman erneut auf den Markt zu bringen – mit einem passenden Umschlagbild selbstverständlich. Nun aber prangt auf der Vorderseite das Bild des Filmplakats und somit auch Daniel Radcliffe. Doch damit nicht genug: Im Innenteil erwarten den Leser acht Seiten mit Filmfotos. Für Radcliffe-Fans sicherlich ein Augenschmaus, für Freunde der viktorianischen Schauergeschichten jedoch unnötig.

Aus Sicht des Lesers wären zwei unterschiedliche Editionen sinnvoller gewesen: Das „Buch zum Film“, wie es vorliegt, für die Potter- und Radcliffe-Fans, und ein bibliophil gestaltetes für die Genießer von Schauergeschichten und Gruselromanen. Das allerdings hätte wohl auch eine gebundene Ausgabe erforderlich gemacht. Schade, dass solche Chancen zur doppelten Vermarktung nicht genutzt worden sind, denn Susan Hills Geschichte hätte diese Huldigung durchaus verdient.

Susan Hill: Die Frau in Schwarz, Knaur Taschenbuch Verlag, München, 2012, 202 Seiten, acht Seiten Filmfotos, Taschenbuch, 9,99 Euro, ISBN 978-3426502204

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