Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for the ‘Romane & Erzählungen’ Category

von-allen-guten-geisternLange Zeit erinnerte in Hamburg nur noch die Friedrichsberger Straße und die S-Bahn-Haltestelle Friedrichsberg an die einstige Heil- und Irrenanstalt aus dem 19. Jahrhundert. Jetzt aber ist es dem Schriftsteller Andreas Kollender in vortrefflicher Weise gelungen, diese Geschichte wieder ans Licht zu holen – und nicht nur das. Mit seinem neuen Roman „Von allen guten Geistern“ würdigt er besonders den Begründer der Anstalt und schreibt diesen Mann furchtbar schön und direkt ins Herz des Lesers. Eine Wucht von einem Roman!

In der alten Hansestadt Hamburg schreibt man das Jahr 1864, als die Zeitungen von einem seltsamen Vorfall auf dem Heiligengeistfeld berichten. Ein Mann namens Ludwig Meyer verkauft auf dem Markt alte Zwangsjacken – und die Leute reißen sie ihm förmlich aus den Händen. Dieser Meyer war niemand Geringeres als der neue Leiter der Heil- und Irrenanstalt Friedrichsberg, der, wie Kollender es ihm so schön in den Mund legt, den „Zwang verkauft“ hat. Der Psychiater war seiner Zeit und dem Wissen und Wollen seiner Kollegen weit voraus und Anhänger der sogenannten „No Restraint“-Bewegung. Keine Zwangsmaßnahmen sollten die Patienten einengen, sondern sie sollten sich weitestgehend frei entfalten können.

Die Heil- und Irrenanstalt Friedrichsberg, die tatsächlich maßgeblich nach Meyers Plänen eingerichtet wurde, galt als eine der fortschrittlichsten Psychiatrien der damaligen Zeit. Erstmalig blieben die Fenster ohne Gitter, und die Menschen wurden nicht mehr wie Gefängnisinsassen behandelt, sondern bekamen Freizeitangebote. Sie konnten malen, musizieren, ihr eigenes Gemüse anpflanzen. Bis dato ein Ding der Unmöglichkeit, denn wer im frühen 19. Jahrhundert psychisch erkrankte, dem wurde in der Regel nicht geholfen, sondern der wurde weggesperrt, von der Öffentlichkeit ferngehalten. Psychischen Erkrankungen haftete ein Makel an, dem man besser aus dem Wege ging.

Schrecken einer psychischen Erkrankung

Der junge Ludwig Meyer erlebt in der eigenen Familie den Schrecken einer psychischen Erkrankung. Seine Mutter wird zunehmend depressiv, der Arzt weiß sich keinen Rat. Der strenge Vater erklärt seinem wissbegierigen Sohnemann, seine Mutter habe nur eine Verstimmung. „Eine Gemütssache. Frauenunsinn.“ Doch dass seiner Mutter nicht nur Frauenunsinn widerfährt, ist Meyer spätestens klar, als sie versucht, sich in den Tod zu stürzen. Der Vater ist völlig überfordert, fürchtet um den guten Ruf der Kaufmannsfamilie. Die Kutsche, die die Mutter ins Krankenhaus bringt, soll tunlichst nicht gesehen werden. Und als sie aussteigen, sagt er seiner Frau: „Die Schultern zurück, strengerer Blick, Annette, stramm, sonst halten die dich noch für verrückt.“

Bloß nicht verrückt sein. Nur Frauenunsinn. Für Ludwig Meyer folgt an diesem Tag wohl das Erweckungserlebnis für die viel spätere Entscheidung, den Zwang zu verkaufen. Denn er muss mit ansehen, wie seine Mutter überwältigt und in eine Zwangsjacke gesteckt wird. „Die drei Graukittel zogen sie durch eine Tür. Mutters Fersen schleiften über den Boden, sie verlor ihre Schuhe. Sie kreischte. (…) Rums. Weg.“ Oft schreibt Kollender bloß kurze, einfach wirkende Hauptsätze. Doch er schafft damit immer wieder eine Eindringlichkeit, der man sich nicht entziehen kann. Das ist wahre sprachliche Raffinesse, die mit wenigen Worten das Herz erreicht und das Denken anschiebt.

Ludwig Meyer macht sich auf, ein Reformer der Behandlung geistig kranker Menschen zu werden. Im Studium nennen ihn manche einen „eleganten Spinner“, andere verspotten ihn als „Advocatus der Irren“. Und seine Professoren der Medizin glauben, es sei eine rhetorische Frage, die sie stellen, wenn sie ins Auditorium rufen: „Meine Herren, wirklich, wofür braucht ein Irrer einen Arzt?“ Ja, wofür braucht ein Irrer einen Arzt? Der hat schließlich kein gebrochenes Bein, das man behandeln könnte. Der Irre ist nicht ganz klar im Kopf, dem kommt man nicht bei, deshalb versteckt man ihn lieber im Keller hinter vergitterten Fenstern und überlässt ihn sich selbst. Ludwig Meyer besucht in England den Kollegen John Conolly, der ebenfalls historisch verbrieft ist. Conolly ist in England damals Vorreiter der „No Restraint“-Bewegung, und Kollender lässt ihn deutlich formulieren: „Wir nennen sie Irre. Wahnsinnige. Wir drängen sie weg. Warum, Meyer? Weil wir Angst haben. Wir haben Angst davor, etwas von uns selbst in diesen Menschen zu sehen. Wir haben Angst vor Erkenntnis.“

„Hauen Sie wieder ab mit diesem ganzen Dreckspack“

Und die furchtbare Erkenntnis ist: daran hat sich nach fast 200 Jahren kaum etwas geändert. Wie auch an der Reaktion der Öffentlichkeit nicht. Denn heute wie damals kocht die Volksseele, wenn in die Nachbarschaft ein psychiatrisches Krankenhaus ziehen soll: „Wir wollen Sie da nicht!“ „Hauen Sie wieder ab mit diesem ganzen Dreckspack.“ „Wir wollen keine Irrenanstalt bei uns. Wir wollen die da nicht haben.“ Das sind Sätze aus dem Roman. Aber sie könnten auch aus einer heutigen Bürgerversammlung stammen.

Kollender hat also nicht nur ein zu Herzen gehendes historisch exzellent recherchiertes Porträt über einen Psychiatrie-Revoluzzer geschrieben, sondern auch einen Roman, an dem wir uns selbst messen können: wie gehen wir denn heute mit psychisch Kranken um? Wie behandeln wir Menschen mit Behinderungen? Und braucht nicht jede Zeit Menschen wie Ludwig Meyer, die anderen voraus sind und uns daran erinnern, was wir alle sind? Ohne Ausnahme: Menschen. Meyer muss das sehr häufig sagen: Menschen! Das sind doch Menschen!

Ihm ist nichts Menschliches fremd, diesem Ludwig Meyer. Das ist schon ein dufter Typ, und allzu oft möchte man zu ihm in die Kutsche steigen und die Räder über das Pflaster Hamburgs rattern hören, während man mit dem Herrn Doktor Fallakten bespricht. Aber dann und wann möchte man ihn auch schütteln und zur Vernunft bringen, manchmal ist er gar ein arroganter Angeber – und in der Liebe ein hilfloses Wesen. Obgleich Ludwig Meyer in diesem Roman Bahnbrechendes vollbringt, macht Kollender ihn nicht zum Helden. Das ist er nicht, das macht aber auch einen weiteren Reiz dieses Buches aus: dass Ludwig Meyer seine eigenen Verschrobenheiten hat. Manche würden vielleicht sagen: Verrücktheiten.

Kollender, der mit seiner Familie in Hamburg lebt, ursprünglich aber aus Duisburg stammt, hat bereits 2015 mit der Wiederentdeckung eines historischen Helden brilliert: In dem Kriminalroman „Kolbe“ erweckte er eindrucksvoll den fast vergessenen Widerstandskämpfer Fritz Kolbe zum Leben. Das Buch, ebenfalls aus dem Pendragon-Verlag, liegt mittlerweile in der fünften Auflage vor und wird derzeit für den US-amerikanischen Markt übersetzt. „Kolbe“ war ein großer Erfolg – und auch Meyer könnte ein solcher werden. Warum? Einer von Meyers Kommilitonen sagt einen Satz, der treffender nicht sein könnte: „Eine gut erzählte Geschichte, Ludwig, das ist doch das Beste.“

Andreas Kollender: Von allen guten Geistern, Pendragon Verlag, Bielefeld, 2017, 438 Seiten, broschiert, 17 Euro, ISBN 978-3865325754, Leseprobe

Diese Rezension ist in gekürzter Fassung auch im Wochenendmagazin der Neuen Westfälischen (Samstag/Sonntag, 18./19. März 2016) erschienen.

Verlosung: Gewinnen Sie eines von drei Kollender-Buchpaketen!
Mit diesem Beitrag bricht der Bielefelder Pendragon-Verlag zu einer fünftägigen Blogtour auf: fünf Literaturblogs aus Deutschland beschäftigen sich in unterschiedlichster Art und Weise mit dem neuen Buch von Andreas Kollender. Tag für Tag folgen nun die weiteren Beiträge auf den Blogs „Leckere Kekse“, „Der Buch- und Medienblog“, „Die dunklen Felle“ sowie auf dem Blog „Wortgestalt“. Folgen Sie der Blogtour mit dem Hashtag #KollendersGeister in den sozialen Netzwerken und verpassen Sie keinen Beitrag!

Im Rahmen der Blogtour verlost der Pendragon Verlag drei Kollender-Buchpakete mit jeweils einem Exemplar von „Kolbe“ und „Von allen guten Geistern“. Um an der Verlosung teilzunehmen, müssen die TeilnehmerInnen ein Lösungswort bilden. Das Lösungswort findet sich in den fünf Blogbeiträgen zu der Tour. In jedem Beitrag findet sich ein fett gedruckter Buchstabe – das Lösungswort besteht also aus fünf Buchstaben. Zur Teilnahme an der Verlosung muss das Lösungswort an presse@pendragon.de gesendet werden. Einsendeschluss ist Freitag, der 17. März 2017 um 23:59 Uhr.

Die drei Gewinner werden aus allen Teilnehmern ausgelost. Nach der Auslosung werden die Gewinner per Mail benachrichtigt und um ihre Adressdaten gebeten. Die Adressdaten der Gewinner werden nur für den Versand benötigt und nicht an Dritte weitergegeben. Eine Barauszahlung des Gewinns ist nicht möglich. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Mit der Teilnahme am Gewinnspiel erklären Sie sich mit diesen Bedingungen einverstanden.

Die Spezialität des Pendragon-Verlags aus Bielefeld sind Krimis. Unter den Freunden der Spannungsliteratur ist der Verlag auch deshalb bekannt geworden, weil er angekündigt hat, alle 20 Bände der Dave-Robicheaux-Reihe von US-Autor James Lee Burke zum Teil erstmals auf Deutsch herauszubringen. Außerdem veröffentlicht der Verlag seit 2009 die Werkausgabe von Max von der Grün. Sämtliche Bände der zehnteiligen Werkausgabe sind gebunden erschienen und enthalten weitere Erzählungen, Reportagen und Erinnerungen sowie jeweils ein Nachwort (zur Seitengang-Rezension von Band I der Werkausgabe).

Advertisements

Read Full Post »

blogtour-headerAm Montag bricht der Bielefelder Pendragon-Verlag zu einer fünftägigen Blogtour auf: fünf Literaturblogs aus Deutschland werden sich dann der lang erwarteten Frühjahrsneuerscheinung „Von allen guten Geistern“ widmen, die niemand Geringeres als Andreas Kollender geschrieben hat. Kollender sorgte bereits 2015 mit seinem Werk „Kolbe“ für Furore. In dem Kriminalroman erweckt er eindrucksvoll und sprachlich brillant den fast vergessenen Widerstandskämpfer Fritz Kolbe zum Leben. In seinem neuen Roman „Von allen guten Geistern“ beschäftigt sich Kollender nun mit der historischen Figur des Psychiaters Ludwig Meyer zur Zeit der 1848er-Revolution.

„Seitengang – Ein Literatur-Blog“ wird die Blogtour am Montag, 6. März, mit einer Rezension des Romans eröffnen. Dann folgen Tag für Tag weitere Beiträge auf den Blogs „Leckere Kekse“, „Der Buch- und Medienblog“, „Die dunklen Felle“ sowie auf dem Blog „Wortgestalt“. Folgen Sie der Blogtour mit dem Hashtag #KollendersGeister in den sozialen Netzwerken und verpassen Sie keinen Beitrag! Denn wer alle aufmerksam liest, soviel sei verraten, kann beim Pendragon-Verlag eines von drei Kollender-Buchpaketen gewinnen.

Der Pendragon-Verlag ist unter anderem bekannt, weil er angekündigt hat, alle 20 Bände der Dave-Robicheaux-Reihe von US-Autor James Lee Burke zum Teil erstmals auf Deutsch herauszubringen. Außerdem veröffentlicht der Verlag seit 2009 die Werkausgabe von Max von der Grün, und zwar in vortrefflicher Art und Weise. Sämtliche Bände der zehnteiligen Werkausgabe sind gebunden erschienen und enthalten weitere Erzählungen, Reportagen und Erinnerungen sowie jeweils ein Nachwort (zur Seitengang-Rezension von Band I der Werkausgabe).

Read Full Post »

Die Kunst Champagner zu trinken„I think, we’ll have champagne with the bird“, sagt Miss Sophie bei „Dinner for one“, und Champagner ist nur eines von vielen Getränken an diesem denkwürdigen Abend. Dass Champagnertrinken nicht nur die feinperlige Lust der Schönen und Reichen ist, sondern vielmehr eine Kunst und ein Wagnis, das lehrt uns die französische Autorin Amélie Nothomb literarisch und erbarmungslos mit ihrem neuen Roman „Die Kunst, Champagner zu trinken“.

Nothomb ist bekannt dafür, dass ihre Romane oft autobiographisch geprägt sind. In ihrem aktuellen Buch macht sie daraus noch weniger einen Hehl als sonst, denn die Protagonistin heißt schlichtweg Amélie und ist erfolgreiche Schriftstellerin in Paris. Man darf es als Können respektive als Kunst bezeichnen, wenn einer Schriftstellerin es so famos gelingt, dem Leser das Gefühl zu geben, er folge tatsächlich der Autorin und als befände er sich höchstpersönlich in einer Folge der Arte-Serie „Durch die Nacht mit…“.

Bei einer Lesung lernt Amélie die 22-jährige Pétronille kennen, eine Frau, die aussieht wie ein fünfzehnjähriger Junge. Beide eint nicht nur das Interesse für Literatur, sondern vor allem das Faible für Champagner. Schon bei ihrer nächsten Begegnung schlürfen sie einen Brut von Roederer, während um sie herum Kaffee getrunken wird. Nothomb bemerkt dazu: „Frankreich ist jenes Zauberreich, wo Ihnen in der gewöhnlichsten Kneipe jederzeit ein ideal temperierter großer Champagner serviert werden kann.“

Die Liebe zum Champagner ist eine unbedingte

Amélie ist angetan von Pétronille, nicht zuletzt, weil sie weder snobistisch ihren Champagner trinkt, noch die unpassend vom Garçon dazu gereichten Erdnüsse isst. Pétronille genießt nur. Die Liebe zum Champagner ist eine unbedingte. Für sie braucht es Mitstreiter, Mitgenießer, Hedonisten, mit denen der Rausch Seite an Seite zelebriert werden kann. Hat Amélie in Pétronille die trink- und genusslustige wie -süchtige Begleiterin gefunden? Und hat Pétronille dagegen mit Amélie die Mentorin entdeckt, die ihr, der baldigen Literatur-Debütantin, auf die Sprünge hilft? Aus dem Für und Wider dieser Konstellation hätte sich etwas mehr Reiz entwickeln können.

Dennoch ist „Die Kunst, Champagner zu trinken“ schon deshalb ein wahnsinnig faszinierendes Buch, weil Nothomb einfach ein Händchen hat für befremdliche Situationen. Ganz und gar wunderbar gelingt ihr etwa die Beschreibung einer Begegnung mit Vivienne Westwood, der Erfinderin der Punk-Mode, die sie bei einem Interview-Termin völlig lässig links liegen lässt und dann sogar noch mit ihrem Hund Gassi gehen schickt. Das ist von wahrlich feinem Witz! Von dezent beobachteter Dekadenz dagegen zeugt eine Szene auf der Skipiste, die Amélie und Pétronille mit einer Champagnerflasche in der Hand statt mit Skistöcken hinunterrasen. Was kostet die Welt? Und ist sie nicht vergänglich wie das Perlen einer geöffneten Champagnerflasche? Wer wird uns denn einen kleinen Rausch verwehren?

Dass jeder alkoholische Zaubergarten aber auch eine Klippe hat, über die sich trefflich stürzen und fallen lässt, das verschweigt Nothomb nicht. Und plötzlich schmeckt alles wie eine Flasche, die viel zu lange geöffnet in der Sonne gestanden hat. Aber auch dieser letzte Schluck, die Neige, gehört dazu, zum Roman, zum Leben, und zum Gelage, das das Leben jedem von uns bietet.

Einen Toast auf den Champagner

„Die Kunst, Champagner zu trinken“ ist ein feines, kleines Büchlein, das niemand unbedacht an vermeintliche Champagnertrinker verschenken sollte. Vielmehr gilt es, den Leser unter den Bonvivants und Hedonisten zu suchen, der den feinen Stoff des Schaumweins zu goutieren versteht. Und ist man selbst ein solcher, dann sei schnell eine Flasche Schampus mit dem Degen geköpft und die Lektüre zu einem vergnüglichen Genuss herbeigereicht. Einen Toast auf den Champagner: Lass uns stets Freunde bleiben, oder zumindest bis zur Neige dieser Flasche! Santé, was für ein Kleinod von Champagner-Roman!

Amélie Nothomb: Die Kunst, Champagner zu trinken, Diogenes Verlag, Zürich, 2016, 144 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3257069617, Leseprobe

Read Full Post »

Eine Dame von WeltDer US-amerikanische Schriftsteller Henry James wäre wohl in Deutschland langsam in Vergessenheit geraten, wenn es sich nicht ein paar wenige Verlage in den vergangenen Jahren zur Aufgabe gemacht hätten, ihn immer wieder zu verlegen. Zuletzt hat der Aufbau-Verlag die Salonerzählung „Eine Dame von Welt“ von ihm veröffentlicht, ein kleines Büchlein, geeignet für die ersten zarten Bande, die ein Leserherz zu diesem Autor knüpfen kann. Die Gelegenheit, ihn (wieder) zu entdecken, bietet auch der Kalender: Heute vor 100 Jahren ist James gestorben.

James war und ist dafür bekannt, dass er in seinen Werken mit Vorliebe die Gegensätze zwischen der „Alten Welt“ Europa und der „Neuen Welt“ Amerika und die unterschiedlichen Verhaltensweisen thematisierte. Als „Eine Dame von Welt“ entstand, galt er bereits als führender Schriftsteller seiner Generation und hatte den Ruf eines zukünftigen Erfolgsautors. Zwei Jahre zuvor waren „Washington Square“ und „Bildnis einer Dame“ (beide 1881) erschienen. Die britische Schriftstellerin Rebecca West, die eine Studie über James verfasst hat, bezeichnete „Washington Square“ als Übergangsroman in James‘ Werdegang. Und die Biographin Hazel Hutchison schreibt in ihrem 2015 veröffentlichten Buch über James: „Nach ‚Washington Square‘ war James gerüstet, ein Meisterwerk zu schaffen.“

Hutchison meint damit nicht „Eine Dame von Welt“, und auch James selbst, der seine Texte sehr kritisch beurteilte, hielt es eher für eine „arme kleine Geschichte“, wie in dem aufschlussreichen Nachwort des Übersetzers Alexander Pechmann zu lesen ist. Dabei ist „Eine Dame von Welt“ eine raffinierte, ausgefeilte und durchdachte Geschichte über Moralvorstellungen sowie die Erwartungen von Männern und Frauen an die Rolle der Frau in der Gesellschaft.

Kein Kind von Traurigkeit

Durch Zufall trifft der wohlhabende Amerikaner Littlemore im Pariser Theater der Comédie-Française auf eine alte Bekannte aus San Diego, Mrs. Headway, der er selbst auch einst zugetan war. Mrs. Headway ist bisher kein Kind von Traurigkeit gewesen, mehrfach verheiratet und skandalumwittert kommt sie nun nach Paris, um einen Weg in die feine Gesellschaft zu finden. Ein junger Mann namens Arthur Demesne macht ihr bereits den Hof, zweifelt aber noch an ihrer Ehrbarkeit. Mrs. Headway hofft, dass Littlemore ihr als Gewährsmann zur Seite steht. Nur mit einem ernst zu nehmenden Fürsprecher, glaubt sie, werde die europäische Aristokratie sie anerkennen.

Der Übersetzer Alexander Pechmann sieht in der „Dame von Welt“ ein satirisches Spiegelstück zu James‘ „Daisy Miller“, jenes Werk, das ihn so schlagartig bekannt gemacht hat. Darin reist ein junges, naives Mädchen aus Amerika nach Europa und entdeckt die „Alte Welt“ staunend, etwas planlos, aber mit schonungsloser Ehrlichkeit. Die „Dame von Welt“ dagegen ist für Pechmann das offensichtlich gegensätzliche Modell: eine mehrfach geschiedene Frau, die schon einige Skandale hinter sich hat, und nun nach Europa kommt, mit dem Plan, in der Gesellschaft anerkannt zu werden. „Daisy Miller“ ende als Tragödie, „Eine Dame von Welt“ dagegen sei eher eine Komödie. Dabei verhehlt Pechmann nicht, dass überhaupt nicht bekannt ist, ob James die „Dame von Welt“ wirklich als Gegenentwurf zu „Daisy Miller“ entworfen hat.

Tatsächlich aber muss man dem Übersetzer zumindest insofern beipflichten, als dass ohne „Daisy Miller“ die „Dame von Welt“ wohl nicht entstanden wäre. Denn mit Daisy hat er zunächst einen völlig neuen Typus von Romanheldin geschaffen: Waren seine Helden zuvor von moralischer Gewissenhaftigkeit geprägt, setzte sich „Daisy Miller“ erfrischend darüber hinweg, indem sie gesellschaftliche Konventionen naiv missachtete, es ihr aber trotzdem nicht an Moral mangelte. Aufgrund ihrer Jugendlichkeit durfte sie naiv ihre Erfahrungen sammeln.

Stellung der Frau in der Gesellschaft

Mrs. Headway dagegen hat in „Die Dame von Welt“ bereits umfangreiche Erfahrungen gemacht und sich bislang ebenfalls nicht um Konventionen geschert. Nun aber steht auch bei ihr die Ehrbarkeit in Frage, eine Eigenschaft, die heute seltsam anmutet, aber damals eine ungeheure Bedeutung hatte. Eine Frau war (auch für britische und amerikanische Autoren) damals nur dann ehrbar, wenn sie in der Lage war, die idealisierte Rolle der Frau und Mutter zu erfüllen. James sah das inzwischen anders. Seine Biographin Hazel Hutchison schreibt: James‘ „Freundschaften mit unkonventionellen Frauen wie Alice Mason und Fanny Kemble, lehrten ihn, dass etwas falsch war an der gegenwärtigen Stellung der Frau in der Gesellschaft – und dies war ein ergiebiges Thema für seine Literatur“.

„Eine Dame von Welt“ ist deshalb nicht nur als mögliches Spiegelbild zu „Daisy Miller“ zu lesen, sondern auch als beachtenswerte Novelle eines Feministen. Zudem ist es ein interessantes Zeugnis von James‘ eigenen Erfahrungen mit der englischen Gesellschaft und dem Kreis der amerikanischen Exilanten in London und Paris.

Sprachlich hat Pechmann das ganz vortrefflich übersetzt – von einer Schrecklichkeit abgesehen. Gleich zu Beginn heißt es im Original: „‚So do you – or very charming – it’s the same thing,‘ Littlemore answered, laughing, and evidently wishing to be easy.“ Pechmann übersetzt das erschreckenderweise so: „‚Sie ebenfalls – oder sehr bezaubernd, was dasselbe ist‘, lachte Littlemore und wünschte sich offenkundig, wirklich entspannt zu sein.“ Es wird wohl schwierig sein, einen Satz zu lachen. Wenn der Übersetzer dessen dennoch mächtig sein sollte, darf er das dem Rezensenten gerne einmal vortragen!

Sollte man nun „Eine Dame von Welt“ lesen? Unbedingt! Und damit nicht genug, dieses Jahr sollten Sie nutzen, um das Werk von Henry James für sich zu entdecken. „Eine Dame von Welt“ ist ein angenehmer Beginn – von dort lässt es sich wunderbar im Werk vor und zurück reisen. Die Ausgabe des Aufbau-Verlags kommt in einem gelben, flexiblen Leineneinband daher, umschlossen mit einer Banderole, dazu ein farblich passendes, gelbes Lesebändchen. Allenfalls ein stabiler Leineneinband hätte den optischen und vor allen haptischen Eindruck noch verbessert.

Henry James: Eine Dame von Welt – Eine Salonerzählung, Aufbau Verlag, Berlin, 2016, 176 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen und Banderole, 16,95 Euro, ISBN 978-3351036348, Leseprobe

Seitengang dankt dem Aufbau-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Read Full Post »

MörderhotelEin Hotel mit Falltüren, Foltertisch, versteckten Zimmern, Gucklöchern und geheimen Gängen? Klingt nicht gerade nach Erholung. Aber Herman Webster Mudgett ist auch nicht bloß Hotelier, sondern einer der ersten Serienkiller Amerikas. Wolfgang Hohlbein hat jetzt einen Roman über den Mann geschrieben, der mehr als 230 Menschen getötet haben soll. Obwohl der Roman als Thriller angepriesen wird, fehlt manchenorts die Spannung in diesem 847 Seiten starken Werk. Und dennoch ist es wirklich ein lesenswerter Roman, weil er gut recherchiert und vor allem toll erzählt ist.

Wir schreiben das Jahr 1893. In Chicago öffnet die neunzehnte Weltausstellung ihre Tore, und Millionen von Besuchern kommen in die Stadt, um solch Erstaunliches wie das erste moderne Riesenrad zu sehen. Auch Arlis Christen und der Privatdetektiv Frank Geyer reisen nach Chicago. Sie suchen nach Arlis‘ verschwundener Schwester, von der es heißt, dass sie einen gewissen Herman Webster Mudgett habe heiraten wollen. Kurzerhand quartieren sich beide in dessen Hotel ein und beginnen mit ihren Ermittlungen, die sie in tödliche Gefahr bringen.

Hohlbein, der sich als Autor von Fantasy- und Grusel-Romanen einen Namen gemacht hat, ist über eine BBC-Dokumentation zur Chicagoer Weltausstellung auf Herman Webster Mudgett aufmerksam geworden. Weil er es zunächst nicht glauben konnte, dass dem Mörder so lange niemand auf die Schliche gekommen war, forschte er weiter und erkannte dann wohl das Potential für einen Roman. Denn bisher hat nur der US-amerikanische Schriftsteller Erik Larson ein erzählerisches Sachbuch über Herman Webster Mudgett geschrieben, das in der deutschen Übersetzung („Der Teufel von Chicago“, Fischer Verlag, 2004) allerdings vergriffen ist. Im August wurde bekannt, dass Larsons Buch jetzt von Martin Scorsese verfilmt wird, und Leonardo DiCaprio soll die Hauptrolle des Killers übernehmen. Da kommt Hohlbeins Roman also zur rechten Zeit.

Erzählerisch sehr gelungen

Kritiker werfen dem Roman vor, er könne die Spannung nicht halten. Richtig ist, dass der Stempel „Thriller“ zweifelhaft ist. Aber erzählerisch ist der Roman sehr gelungen. Hohlbein nimmt sich Zeit und erlaubt dem Leser auch einen langen Blick auf die Kindheit von Herman Webster Mudgett: Etwa wie er zunächst von anderen Kindern gehänselt wird, sich dann aber – sehr blutig und mit ersten Anzeichen auf seine spätere Karriere als Serienmörder – Respekt verschafft.

Doch Hohlbein schlüsselt nicht nur Mudgetts Biographie präzise auf, sondern er hat auch die Zeitumstände ordentlich recherchiert. So werden auch die beschriebenen Schauplätze vor den Augen der Leser hervorragend lebendig, wenn Droschken über das Kopfsteinpflaster rattern, Dirnen in den Tavernen ihre Liebesdienste anbieten oder sich allerlei zwielichtiges Volk in den Gassen tummelt. Nicht umsonst war die Stadt damals lange Zeit nur als „Schlachthof der Nation“ bekannt.

Indes: Für zimperliche Leser ist das Buch eher nicht geeignet, weil es schon ordentlich blutig zur Sache geht. Und auch hier beweist Hohlbein sein Faible für Präzision, denn selbst die Morde werden sehr detailreich beschrieben. Da Mudgett manche seiner Opfer danach noch in Säure auflöste, um ihre Skelette an Universitäten und Arztpraxen zu verkaufen, muss man als Leser schon die eine oder andere Scheußlichkeit ertragen.

Lesenswerter, historischer Horror-Schmöker

Insgesamt ist Hohlbein mit seinem Roman ein lesenswerter, historischer Horror-Schmöker geglückt. Die Protagonisten sind interessant und psychologisch nachvollziehbar gezeichnet, vor allem die fabelhafte Figur von Herman Webster Mudgett. Aber auch die von Arlis Christen und dem anfangs ziemlich unsympathischen Frank Geyer, den es übrigens tatsächlich gegeben hat, sind gelungen. Lesen Sie diesen Roman, und wenn er Ihnen besonders nahe geht, werden Sie möglicherweise bald die Wände Ihrer Hotelzimmer mit den Fäusten abklopfen, bevor Sie sich dort sicher fühlen. In jedem Fall aber haben Sie sich von einem versierten Schriftsteller eine wirklich gute Geschichte erzählen lassen.

Wolfgang Hohlbein: Mörderhotel, Bastei Lübbe Verlag, Köln, 2015, 847 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3785725481, Leseprobe

Read Full Post »

FinderlohnIn der Literaturgeschichte finden sich mehrere Beispiele von Schriftstellern, die nur wenige Werke geschrieben haben und dann für ewige Zeiten verstummt sind: Jerome David Salinger, Margaret Mitchell, Emily Brontë oder auch Ralph Ellison. Glücklicherweise war bisher keinem von ihnen das Schicksal beschert, das John Rothstein ereilt hat. Denn der fiktive Autor von nur drei Romanen wird in Stephen Kings neuem Thriller „Finderlohn“ von einem glühenden Fan überfallen und ermordet. King hat damit nicht nur den erzählerisch mitreißenden zweiten Band seiner Trilogie um den alternden Ex-Detective Bill Hodges geschrieben, sondern auch eine lesenswerte Abhandlung über das Spannungsverhältnis zwischen Leser und Autor verfasst.

In King-Kennern wird der Roman schnell Erinnerungen an „Misery“ (in der deutschen Übersetzung hieß der Roman schlicht „Sie“) wachrufen. Darin ließ King eine geistesgestörte Leserin ihren Lieblingsautor gefangenhalten und zum Schreiben zwingen. Ihr gefiel nämlich gar nicht, dass ihre Lieblingsfigur sterben sollte. Ähnlich verhält es sich auch in Kings aktuellem Roman: Morris Bellamy vergöttert John Rothstein, der in den Sechzigerjahren eine berühmte Trilogie geschrieben hat. Im letzten Band geht der Held dieser drei Bücher, Jimmy Gold, in die Werbebranche – für Bellamy ein unfassbares Ende. Seine Identifikationsfigur endet im bürgerlichen Leben. Das hätte nicht geschrieben werden dürfen. Rothstein muss sterben, findet Bellamy. „‚Sie haben eine der größten Gestalten der amerikanischen Literatur erschaffen und dann einfach darauf geschissen‘, sagte Morrie. ‚Ein Mensch, der so etwas tut, verdient es nicht, weiterzuleben.“

Morris Bellamy bringt den Autor, den das Time-Magazin mal „Amerikas scheues Genie“ genannt hat, um und räumt dessen Tresor aus. Darin: Bargeld und Dutzende von Notizbüchern mit zwei weiteren Romanen über Jimmy Gold – für den großen Fan ein unglaublicher Schatz. Doch das Schicksal will es, dass er die Beute zunächst in einem Koffer versteckt vergraben muss, weil er für 30 Jahre wegen einer gänzlich anderen Sache in den Knast wandert. In der Zwischenzeit findet der jugendliche Peter Saubers – ebenfalls Verehrer von John Rothstein – den Koffer. Als Bellamy kurz darauf frei kommt, beginnt die wahrlich nervenaufreibende Hatz.

Kings eigene Leidenschaft für Literatur

Doch die wirkliche Stärke dieses Romans ist die erzählerische Kraft, die er entwickelt, ein Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Viel mehr als der Vorgänger „Mr. Mercedes“ ist „Finderlohn“ auch ein Stoff für’s Kino. Das liegt schon daran, dass King seinen beiden Hauptcharakteren genügend Raum gibt, sich zu entwickeln. Und das ist wirklich fabelhaft erzählt. Privatermittler Bill Hodges tritt erst sehr viel später auf den Plan. Bis dahin macht King keinen Hehl aus seiner eigenen Leidenschaft für Literatur: Immer wieder entwickeln sich Literaturgespräche zwischen handelnden Personen, Lesebekenntnisse werden ausgestoßen, die Welt der Bücher gelobpreist.

Das Verhältnis zwischen Leser und Autor ist ein immer wiederkehrendes Motiv in Kings Werk. Das beste Beispiel ist der bereits eingangs erwähnte Roman „Misery“. Aber auch in seinem Interview mit dem Musikmagazin Rolling Stone (Ausgabe 245 / März 2015) erklärt King, dass er selbst den Ehrgeiz habe, Leuten zu gefallen. „Aber irgendwann kommt auch der Punkt, wo man sich sagt: Ich werde mich nicht prostituieren und genau das schreiben, was man von mir erwartet.“ Insbesondere als er „Mr. Mercedes“ geschrieben habe, was schließlich nichts anderes als ein klassischer Krimi gewesen sei, habe er sich gefragt: „Willst du das machen, wozu dir dein Herz rät – oder das, was Leute von dir erwarten? (…) Schreib besser, was du selbst schreiben willst.“ Zuletzt hat er sein Verständnis von Autor und Leser in einem lesenswerten Aufsatz für die New York Times noch einmal spezifiziert.

„Finderlohn“ ist der erzählerisch besser gelungene, zweite Teil der Hodges-Trilogie, eine Hymne auf Büchernarren dieser Welt und die Mächte der Literatur. Nicht ganz so dramatisch spannend wie „Mr. Mercedes“, aber wie so oft im King-Universum mit dem ersten Teil verknüpft. Bedauerlicherweise lähmt der Auftritt des skurrilen Ermittlertrios die Klasse der Erzählung etwas – dabei sind Hodges und seine zwei Helfer eigentümlich genug, um einen Roman lesenswert zu machen. In „Mr. Mercedes“ haben sie das bewiesen, in „Finderlohn“ leider nicht. Aber das Duell zwischen dem mörderischen Leser Morris Bellamy und dem jungen Fan Peter Saubers entschädigt für alle Schwächen dieses Romans. Im Jahr 2016 soll der abschließende Teil der Trilogie erscheinen. Einen englischen Titel gibt es schon: „Suicide Prince“.

Stephen King: Finderlohn, Heyne Verlag, München, 2015, 544 Seiten, gebunden, 22,99 Euro, ISBN 978-3453270091, Leseprobe

Die Zitate aus dem Rolling Stone-Interview entstammen der deutschen Übersetzung aus der deutschen Magazin-Ausgabe (März 2015). Das Interview führte der US-Autor Andy Greene für die amerikanische Ausgabe des Rolling Stone im Jahr 2014. Veröffentlicht wurde es am 31. Oktober 2014. Zum Zeitpunkt der Rezension ist das Interview im Internet nur auf Englisch vollständig abrufbar.

Read Full Post »

Der Mann der Inseln liebteAbgesehen vom „Mitternachtsweg“ (2014) ist es zuletzt ruhig geworden um Benjamin Lebert, den einstigen Shootingstar der jungen deutschen Literaturszene. Mit dem autobiografischen Internatsroman „Crazy“ ist er 1999 bekannt geworden, konnte aber nie wieder an diesen Erfolg anknüpfen. Jetzt hat Lebert D. H. Lawrences Erzählung „Der Mann, der Inseln liebte“ neu übersetzt und ein lesenswertes, kluges Vorwort dazu geschrieben. Bibliophil aufgemacht ist das Büchlein im August bei Hoffmann und Campe erschienen und trifft einen aktuellen Nerv.

Man ist reif für die Insel, wenn man Abstand braucht. Vom Arbeitsstress, vom Alltag, von alledem, was unsere moderne Welt so mit sich bringt. Auch die Forderung des Soziologen Hartmut Rosa nach Entschleunigung ist ein Indiz dafür. Die Neuübersetzung von „Der Mann, der Inseln liebte“ kommt deshalb zur rechten Zeit. Denn was der Inseln liebende Mann da treibt, möchte manch einer sicher auch tun: Ausbrechen und den Rückzug wagen, die Abkehr von der allumfassend vernetzten Welt.

Der namenlose Mann, von dem Lawrence erzählt, ist fasziniert von der Idee, eine Insel ganz für sich zu haben und sie seinen Vorstellungen entsprechend anzupassen. „Ist eine Insel groß genug, dann ist sie nicht besser als das Festland. Sie muss wirklich klein sein, damit sie sich auch wie eine Insel anfühlt; und diese Geschichte wird zeigen, wie winzig sie sein muss, bis man sich anmaßen kann, sie mit dem eigenen Wesen auszufüllen“, schreibt Lawrence.

Geister der Vergangenheit

Es ist eine Anti-Robinsonade, die Lawrence da verfasst hat. Zwar ist jede Insel für den Protagonisten zunächst so etwas wie ein Paradies. Er genießt die Abgeschiedenheit von der Welt, liebt den Geruch von Salzwasser, die unterschiedlichen Geräusche des Meeres und die teilweise üppige Flora. Auf der ersten Insel aber stören ihn bald die Geister der Vergangenheit, auf der nächsten sind es plötzliche Vaterfreuden und die ungebändigte Liebe und Bewunderung der Kindsmutter, die ihn förmlich zu Boden drücken und bewegungslos machen. Und so flüchtet er auf die nächste Insel, und die Suche nach der Stille entwickelt sich auch einer Geschichte der Vereinsamung.

D. H. Lawrence ist den meisten Lesern eher durch den skandalumwobenen Roman „Lady Chatterleys Liebhaber“ bekannt. Mit „Der Mann, der Inseln liebte“ gelingt ihm die bestechende Darstellung eines Mannes, der immer wieder versucht, zu sich selbst zu finden, und es doch nicht recht vermag, weil die Außenwelt seinem Plan stets etwas entgegenzusetzen hat. Lawrence zeigt feines Gespür, diesen Mann nicht der Lächerlichkeit preiszugeben. Auf der anderen Seite skizziert er dann und wann auch mit Humor jene Momente, in denen der Inselbewohner sich der störenden Einflüsse bewusst wird. So etwa das plötzliche Erkennen auf der dritten Insel, dass ein Schafblöken genügt, um Widerwillen zu erzeugen. „Er wollte nichts anderes hören als das Wispern des Ozeans und die spitzen Schreie der Möwen, die aus einer anderen Welt zu stammen schienen. Und am liebsten war es ihm, wenn absolute Stille herrschte.“

Lebert hat die Erzählung und Lawrences bildhafte, ausdrucksstarke Sprache sensibel und überzeugend ins Deutsche übertragen. Auch wenn „Der Mann, der Inseln liebte“ zum ersten Mal bereits 1927 erschienen ist, so bleibt der Text auch heute noch immer eine fesselnde Lektüre über das Spannungsverhältnis zwischen der Suche nach Freiheit und der Gefahr der Vereinsamung.

D. H. Lawrence: Der Mann, der Inseln liebte, Hoffmann und Campe, Hamburg, 2015, 80 Seiten, gebunden, 15 Euro, ISBN 978-3455405491

Read Full Post »

Older Posts »

%d Bloggern gefällt das: